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22. September 2007, 10:28 Uhr

Der letzte Mann der SPD

VW-Manager Horst Neumann verabschiedet sich auf Burg Eltz von seiner Freundin© Christian Irrgang

Leider sind die Männer und Frauen aber, mit denen die Genossin es in ihrer Fraktion zu tun hat, oft schon um die 50. Und in diesem Alter ist man eher genervt von ihrem Parteisprech, dem Taktieren, dem linken Dogma- Gehabe und ihrem burschikosen Jargon. Vielen jedenfalls geht die mit allen Wassern der Vulkaneifel gewaschene Parteisoldatin schwer auf den Senkel. Sie operiere stets hintenrum, heißt es. Sie stichle und intrigiere, sie sei machtversessen. Außerdem fliege sie gedanklich doch eher flach. Was man eben so sagt, wenn man Frauen, die nach oben wollen, stoppen will. Das Komische ist, dass Andrea Nahles genau so funktioniert wie der, den sie selbst einst am heftigsten bekämpfte: wie Gerhard Schröder. Es ist die gleiche Unerschrockenheit in Auseinandersetzungen, das gleiche grimmige Beharrungsvermögen in der Sache und das gleiche Talent, mit den "kleinen Leuten" lachen zu können. Die umtriebige SPD-Kämpferin ist so gesehen die vielleicht beherzteste Schröder-Enkelin, die es bei den Sozen überhaupt noch gibt. Nur ein Handikap hat sie: "Was schafft die eigentlich?", fragen sich die Menschen, wenn sie sie im TV sehen. Andrea Nahles spielt Akkordeon, singt katholische Schlager, hat ein Germanistikexamen, aber keinen wirklichen Beruf. Sie ist Politikgeneralistin - doch diesen Job hat sie von der Pieke auf gelernt.

"Ist die eigentlich noch ganz knusper?"

Nicht nur zwischen Rhein und Ahr, wo die Welt allein aus Gegend und Funklöchern zu bestehen scheint, ist das manchmal schwer zu vermitteln. In ihrem viel zu schweren Rucksack trägt Andrea Nahles ihre Überzeugungsinstrumente quer durch Deutschland, von Rednereinsatz zu Rednereinsatz. Es sind dicke Programme, Konvolute, Vorlagen mit SPD-Logo. Und ihr Blackberry natürlich, auf den sie im Minutentakt guckt, um keine Meldung, keine Mail, keine SMS "vom Horst" zu verpassen. Manchmal sitzt Andrea Nahles noch um Mitternacht auf einem Bahnhof herum, unterzuckert, müde, fertig. Ausgepowert vom Genossengerangel, von Diskussionen nach ihrer "Tour d’Horizon". Saal oder Hinterzimmer, sie spricht vor 50 Zuhörern mit demselben Kawumm wie vor 500. Sie beklagt das "erodierende System" der Lehrlingsausbildung mit dem gleichen Furor, mit dem sie den Nutzen von Ein-Euro-Jobs bezweifelt. Sie spricht immer heiserer und lauter werdend davon, was alles "total feige" ist am Denken der CDU-Vorderen. Und am Ende landet sie im sich überschlagenden Petra-Kelly-Ton beim Internationalen: "Ey, Leute, jetzt überlegt doch mal, was passiert, wenn die da in Pakistan keine stabile Regierung haben - die haben Atomwaffen, weiß der Geier wofür.

Wir haben Ja gesagt zu Afghanistan, wir haben auch Nein gesagt zum Irak. Aber wir haben nie gesagt, nach welchen Kriterien wir Ja und Nein sagen, und jetzt regen sich manche bei uns auf, weil wir diesen Pakistan- Passus im Entwurf haben - jaaa, meine Fresse, Leute, überlegt doch mal!" Hans-Dieter Gassen sagt, dass Andrea Nahles Kanzler Schröder einen Bärendienst erwiesen habe, als sie mit genau dieser furiosen Art die zögernden Abgeordneten zum Ja für den ersten Afghanistan-Einsatz trieb. Sie ist eigentlich Pazifistin, klar. Manchmal, wenn sie sich selbst so wild reden höre, denke sie deshalb: "Ist die eigentlich noch ganz knusper?" Im Mai 1986 bringt Andrea Nahles einer Kirchengemeinde in der DDR Geld für neue Dachschindeln, das sie zu Hause gesammelt hatten. An jenem Wochenende explodiert in Tschernobyl der Reaktor, und ihr reißen im Ostseebad Prerow die beiden Sehnen an der Hüfte. Eine wird erfolgreich operiert, die andere zum Kunstfehler. Seither bereiten ihr Abstiege Schmerzen. Und das ist nicht bildlich gemeint oder auf die Abstürze in der Politik bezogen, die Andrea Nahles ja durchaus auch schon erlitten hat.

Lieber mit Schmackes scheitern

Die ehemalige Juso-Vorsitzende ist seither zu 50 Prozent schwerbeschädigt. Auf den Rat eines Orthopäden hin hat sie vor Jahren mit dem Reiten begonnen. Sie will dabei aber nicht fotografiert werden, fürchtet, man könne sie sonst für einen weintrinkenden Snob halten, der anderen Wasser predigt. Sie weiß, wie ihre Wähler ticken. Die Tochter eines Maurers denkt in sozialpolitischen Fragen menschlich und links. Das erste aus dem Herzen, das zweite aus der Position als Spielmacherin heraus und aus Kalkül. Sie will Mindestlöhne, sie will die "absurde Fallhöhe von Arbeit zu Arbeitslosigkeit" verringern. Sie will die "Unternehmensbesteuerung europäisch regeln und nicht national als Dumping", sie will nicht länger hinnehmen, wie sich "Finanzmärkte von der Realität abkoppeln" und Familien von "Verfügbarkeitserwartungen unter Druck gesetzt werden". Nahles wolle immer alles, sagen ihre Parteifreunde. Und wenn das nicht gehe, lieber mit Schmackes scheitern als klein beigeben. Der Sommer und die Arbeit am Bodensee, sagt sie selbst, hätten sie politisch "enorm weiter gebracht".

Während Frank Steinmeier also durch seinen neuen Wahlkreis in Brandenburg radelte, während Peer Steinbrück Klugscheißer- Interviews gab, währenddessen verarbeitete Andrea Nahles, was ihr Bürgermeister, Betroffene und Arbeitsvermittler darüber erzählt hatten, wie es ist, wenn der "Hans im Glück"-Plan nicht aufgeht. Wie Lohndumping, Hartz IV, wie die "Transformationsprozesse und die globale Konkurrenz um Arbeit" das tägliche Leben der Menschen verändert haben. Wenn sie zwischendurch die müden Umfragewerte ihres Parteichefs sah, dachte Becks Mädchen: Der wird das überstehen, wie Angela Merkel die Diskussion um ihre Frisur überstanden hat. Dachte sie. Dann kam der Sonntag, an dem sich das programmatische Buch der beiden anderen aus der künftigen SPD-Vize-Troika ankündigte. Und sie saß auf der Burg Eltz mit einer ostfriesischen Romanautorin fest.

Das Herz ist der Platz der Andrea Nahles

Falscher Ort, falsche Zeit. Nahles ließ sich nichts anmerken. Bis zum Wutausbruch nach der Weincreme. Gertrud und Alfred Nahles, die Eltern, hatten bis dahin ein bisschen abseits gestanden, mit Stolz auf ihre Tochter geschaut, wie die mit dem Chef der Prinzenrollen- Keksfabrik sprach, mit dem Grafen. Doch jetzt war es spät, und die Eltern wollten, dass die Tochter endlich nach Hause fährt. Schließlich würde sie am nächsten Morgen um fünf allein mit dem Golf zum Flughafen brettern müssen, um rechtzeitig in Berlin zu sein und vor den Kameras des Frühstücksfernsehens. "Der Horst" hatte sich bereits vor der Roulade von ihr nach Wolfsburg verabschiedet. Seit neun Jahren sind Andrea Nahles und Horst Neumann, 58, ein Paar. Er, der stille Personalvorstand der Volkswagen AG, und sie, die Geräuschvolle. Seit Langem leben sie in einer Fernbeziehung und an den Wochenenden im umgebauten Hof ihrer Urgroßeltern, nur ein paar Katzensprünge neben dem Haus ihrer Eltern.

Dort blicken Nahles und "Hartz Fünf ", wie sie den Nachfolger des Peter Hartz lustig nennt, auf die Kurvenschönheit Eifel und essen Johannisbeer- Pfannkuchen, die sie gebacken hat. Altkanzler Helmut Schmidt hat sich seine Partei angeblich als Möwe figuriert - ein Flügel links, einer rechts, dann fliegen. Doch die gemütlichen La-Paloma-Zeiten der SPD sind längst vorbei. Man muss sie heute eher wie ein Plastinat Gunther von Hagens betrachten. Dann würde man in den beiden vorderen Hirnlappen wohl die "Stones" erkennen: Peer und Frank, zuständig fürs Vorwärtskommen der Sozialdemokratie. Kurt Beck, der Pfälzer, wäre natürlich der Bauch der Volkspartei. Das Herz aber, dieser blutvoll zuckende Muskel links in der Körpermitte, bliebe für sie übrig. Denn das Herz ist der Platz der Andrea Nahles.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 38/2007

Von Ulrike Posche
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