
Man schätz sich, man herzt sich: Verlegerin Friede Springer begrüßt die CDU-Chefin beim Treffen der Wahlleute am Vorabend der Bundesversammlung© Jürgen Gebhardt
Das Machtsystem Merkel einerseits: Es ist wie einst bei Kohl, sagen viele. Daran stimmt, dass sie vom Altkanzler das Politmanagement per Telefon übernommen hat. Netzwerkpflege vorzugsweise am Sonntag. Zum Ärger von Familienmenschen wie Erwin Teufel, Regierungschef von Baden-Württemberg, oder Merz telefoniert sie sich dann quer durch die Republik. Danach ist alles klar für die montäglichen Sitzungen von Parteipräsidium und Bundesvorstand.
Dann weiß Präsidiumsmitglied Hildegard Müller, welche Wortmeldung von ihr erwartet wird. Tanja Gönner liefert im Bundesvorstand das passende Stichwort für Merkel. Meldet sich Christoph Böhr in den Gremien zu Wort, grienen alle: Hier spricht die Chefin aus Vasallenmund. Einer wie der notorisch erfolglose rheinland-pfälzische CDU-Vorsitzende ist extrem von der Gunst der Vorsitzenden abhängig. Im Kreise der Ministerpräsidenten steht Dieter Althaus jederzeit gern für bestellte Wortmeldungen zur Verfügung. Als Merkel sich nach der letzten Bundestagswahl den Fraktionsvorsitz griff, apportierte der Thüringer das gewünschte Stichwort: "Die Doppelspitze muss weg."
Lange vor den Sitzungen werden so die Pro-Argumente für Merkels Position verteilt. Viele Diskussionen in der CDU-Spitze "sind organisiert wie Rollenspiele für Hofschranzen", lästert ein Präsidiumsmitglied. Damit anschließend die öffentliche Wahrnehmung stimmt, werden noch während der Sitzungen reichlich SMS verschickt. Vor allem Hildegard Müller, ausgerüstet mit besonders SMS-tauglichem Gerät, textet im Präsidium pausenlos unterhalb der Tischkante und bedient zuweilen Nachrichtenagenturen mit einschlägigen Infos im Sinne der Vorsitzenden. Das Machtsystem Merkel andererseits: Es ist nicht wie bei Kohl, wie manche leidvoll erfahren müssen.
Der Altkanzler ließ zwar illoyale Weggefährten gnadenlos fallen - wie dies sein "Mädchen" von damals ebenfalls macht. Aber Kohl bewahrte loyalen Mitstreitern auch dann die Freundschaft, wenn ihnen - wie etwa Philipp Jenninger - Fehler unterliefen. Bei Merkel wird abserviert, wer ihr nicht mehr nützen kann.
Ihm geneigte Chefredakteure durften dem Altkanzler im Amtszimmer stundenlang beim Regierungsgeschäft zusehen. Bei Merkel undenkbar. Der Pfälzer hatte nah am Wasser gebaut. Ob Freud, ob Leid - es schimmerte schnell feucht in den Augen Kohls. Empathie ist dagegen bei der evangelischen Pastorentochter eine bislang unentdeckte Eigenschaft.
Das Machtsystem Merkel, so schrieb der "Tagesspiegel" bewundernd, habe die Züge eines Politikcomputers, der jeden Mann schlagen kann. Emotionalität sei nicht einprogrammiert. Genau dies, die fehlende emotionale Ausstrahlung, ist die Schwachstelle der Angela Merkel.
Sie müsse da schon noch Zeichen setzen, sorgt sich einer, der ihr im Kampf um die Macht in Berlin und die Gefühle der Partei engstens verbunden ist. Müsse zeigen, "dass sie auch Herz hat, dass sie Geborgenheit vermittelt, wie dies bei Kohl der Fall war". Macht übt sie unfraulich männlich aus. Sie setze eben, verspottet sie die Männerwelt, die "mir vom Herrgott gegebene Fähigkeit des logischen Denkens ein". Machos, die dann immer noch gockeln, belehrt sie ironisch: "Frauen sind auch Menschen."
Nie macht sie in Sitzungen ihren Gefühlen Luft. Gibt es Widerstand oder Ärger über ihren Kurs, sitzt sie mit Bernhardinergesicht dabei. Kotzt euch ruhig aus, ich mach mein Ding. Wobei immer ihr Nachsatz mitbedacht sein muss: "Und wenn ich es nicht kann, nehme ich mir nicht gleich den Strick." Aufs Aussitzen versteht sie sich ebenfalls.