Die Aktivisten nutzen die Gunst der Schlagzeilen. Die offiziellen Beruhigungsversuche aus Hannover und Berlin, wonach zumindest akut keine Gefahr von Asse II ausgeht, kennen sie schon und schießen zurück: "Wir liegen hier genau auf der Wasserscheide zwischen Weser und Elbe", sagt Udo Dettmann vom Asse-IIKoordinationskreis und fügt nach einer dramatischen Pause hinzu: "Elf Kilo Plutonium, ein Mikrogramm tödlich - wenn das ins Grundwasser gelangt, geht das auch Hamburg und Bremen an." Vielleicht werde die Asse ein neues Symbol dafür, "dass die alles entscheidende Frage der Endlagerung nie sicher beantwortet werden kann".
Da kommt die Cäsiumpfütze genau im richtigen Moment. Gerade hat der Ölpreis die Diskussion über den Ausstieg vom Ausstieg aus der Kernenergie wieder befeuert. CDU-Politiker reden vom einzig wahren Ökostrom aus Atom. Die SPD zerreißt es fast im Streit um den sogenannten Energiekonsens. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel schlägt eine Sondersteuer auf Atomstrom vor. Die Asse liegt in seinem Wahlkreis. Und er war auch der Erste, der lauthals "an der Zuverlässigkeit und Fachkunde" der Betreiber vom Helmholtz Zentrum zweifelte.

Zentrale des Protestes: Hausfrau Christa Bolle, 57, pinselt Ölfässer an, Pfleger Thomas Hilgendag, 40, (M.) und VW-Angestellter Ete Meier, 52, zimmern jede Menge Symbol-A© Bernd Schoenberger/GSP
Wenn man mit Gerd Hensel im offenen Jeep durch die Stollen braust, bekommt man eine ungefähre Ahnung davon, was Gabriel meint. Nach der Helmholtz-Version sion soll bei der Einlagerung immer mal was danebengegangen sein. Ein Unfall, bei dem ein Gabelstapler 1973 ein Fass aufschlitzte, ist überliefert. So, glaubt Hensel, könne das Cäsium in den Stollen gelangt sein. Weil über solche Pannen in den sorglosen 60er und 70er Jahren offenbar nicht genau Buch geführt wurde, will man nun ehemalige Mitarbeiter befragen, was damals noch so passiert sei - im eigenen Haus wohlgemerkt und sofern sie noch leben.
"Nach heutigen Erkenntnissen", sagt Hensel, "käme die Asse nie für ein Endlager infrage." Dass sie einmal feucht werde und abzusaufen drohe, hätten die Verantwortlichen damals offenbar nicht bedacht. Doch für lange politische Diskussionen oder gar eine Bergung des Mülls, wie ihn die Anwohner letztlich fordern, sei es nun auch zu spät. "Die Standfestigkeit der Anlage ist nach geologischen Gutachten nur noch bis 2014 garantiert", sagt Hensel. Danach drohe Asse II einzustürzen.
Seit Jahren kämpfen die Betreiber der angeblich trockenen Grube mit Wassereinbrüchen von täglich zwölf Kubikmetern. Vor allem in die Südflanke sickert ständig Lauge ein, die bislang auch nicht zu stoppen war. Gegen dieses Problem schien den Helmholtz-Leuten die Cäsiumpfütze in 750 Meter Tiefe offenbar nicht der Rede wert. In ihren Strahlenschutzberichten kamen die Grenzwertüberschreitungen nie vor. Stattdessen pumpten sie die verseuchte Lauge einfach immer wieder und, wie sich nun herausstellt, ohne die nötige Genehmigung 200 Meter tiefer in den Berg. "Wahrscheinlich", sagt Hensel, "kann man darin sogar baden", zumindest hätten ihm das seine Strahlenschützer so erklärt. Vorführen will er das dann aber doch nicht.
Gerd Hensel ist promovierter Bergbauingenieur. Man möchte alles glauben, was er sagt, schon weil er selbst Familie hat und mit seinem Dosimeter nicht zum ersten Mal neben der Pfütze steht. Aber umso mehr er sich um Offenheit bemüht, desto schneller will man wieder nach oben.
Er selbst sei kein Strahlenschutz-Fachmann, räumt er ein. Immerhin sei er auch Anwohner und mache sich die gleichen Sorgen wie alle - nur was, bitte, soll er jetzt machen? "Wenn jemand einen besseren Vorschlag hat als die kontrollierte Flutung, hören wir sofort damit auf."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 28/2008