
Polizisten mit Schutzhelmen und -westen riegeln in der Nacht die Mügelner Innenstadt ab. Sie sehen sich ratlosen Bürgern gegenüber© Sven Bartsch/ DPA
Bedroht hätten sie ihn, mit abgeschlagenen Bierflaschen. Er habe dann ein Pfefferspray aus der Hose gezogen und auf sie gesprüht. Er hatte es dabei, weil es hieß, dass an diesem Abend Nazis kommen, um den Jugendklub auseinanderzunehmen. Mittlerweile seien Männer zu ihm gerannt und hätten sich eingemischt. Die Prügelei mit den Indern begann. Die Inder erzählen, sie hätten zurück zur Pizzeria gewollt, nachdem man ihnen gesagt hatte, sie sollten aufpassen. Sie wollten Ärger vermeiden. Doch sie hätten es nur bis zum Ausgang geschafft. Deutsche seien dagestanden, einer habe ein Pfefferspray gehabt. Mit Füßen sei er getreten worden, sagt Kulvir. Die Prügelei mit den Deutschen begann. Der 17-jährige Lagerist Dominik Krüger erzählt, er sei vom Bierholen zurückgekommen und habe gesehen, dass sich am Zelteingang Deutsche und Inder prügeln. Etwas abseits habe ein Inder in einen Blumenkübel gegriffen, eine leere Bierflasche genommen und ihr den Boden abgeschlagen. Der Mann habe mit der Flasche um sich geschlagen. Die Inder sagen, die Deutschen haben angefangen. Die Deutschen sagen, die Inder haben angefangen. Die Polizei bestätigt nach der Befragung von mehr als 70 Zeugen, dass auch Inder unter den Aggressoren waren. Fest steht, dass es 0.46 Uhr ist, als in der Leitstelle der Polizeidirektion Westsachsen ein Notruf eingeht.
Vor der Volksbank in Mügeln liegt ein schwer verletzter Mann, ein Deutscher. Ronni wollte nur zur Toilette gehen, als er getroffen wurde. Er sagt später, die Inder hätten eine zerbrochene Flasche nach der anderen in die Menge geworfen. Er bricht zusammen, er blutet am Hals, der Schnitt liegt nahe der Luftröhre. Jugendliche reißen sich ihre T-Shirts vom Körper und drücken sie auf die Wunde. Wenig später ist der Notarzt da, es heißt, es sehe nicht gut aus für den 23-jährigen Dachdecker aus Wermsdorf, er hat anderthalb Liter Blut verloren. Es ist der Moment, in dem der Abend seine Wendung nimmt, In dem aus einer Prügelei in der Provinz eine Jagd auf Menschen wird. In dem indische Textilhändler an Ort und Stelle gerichtet werden sollen. Weil sie plötzlich nicht mehr hineinpassen in eine Welt, in der sie geduldet wurden, solange sie T-Shirts und Socken auf dem Markt verkauften. Und über 50 deutsche Jugendliche ziehen los. Kuldeep sieht nichts mehr, seine Augen brennen, das Pfefferspray, er irrt durch die Gegend. Er hört Leute rufen:" Hau ab, die töten dich." Sein Handy klingelt, es sind seine indischen Freunde. "Wo bist du?"- "Ich weiß nicht, wo ich bin." - "Wir sind in der Pizzeria, komm zum Hintereingang." Kuldeep erkennt Schemen, er rennt, der Platz, die Straße, sie sind hinter ihm her, dort die Gasse, einmal um die Ecke, der Hintereingang, das Holztor, noch 60 Meter, die Pizzeria. Er trommelt gegen die Tür, keiner macht auf. Drinnen brüllt einer: "Lasst keinen rein!" Kuldeep brüllt, da erkennen sie ihn und öffnen die Tür.
Eine halbe Minute später klirrt ein Fenster. Kuldeep schließt sich im Männerklo ein. Der 40-jährige Inder, der in Döbeln Döner und Pizza verkauft, hat Todesangst. Im Flur der Pizzeria harren die anderen Inder aus, auch die Kellnerin und der deutsche Fahrer. Sie haben die Lichter ausgemacht und die Polizei angerufen. Sie versuchen Jagpal zu erreichen, er geht nicht ran. Sie können nicht wissen, dass er schwer verletzt auf der Straße lag und auf dem Weg ins Krankenhaus ist. Sie hören, wie draußen die Menschen näher kommen, doch sie können sie nicht sehen, der Flur hat keine Fenster. Sie hören Tritte gegen die Tür, einer der Jugendlichen reißt das Gitter eines Kellerschachts aus dem Boden und schleudert es gegen den Eingang. Die Menschen draußen sehen, dass die Polizei kommt. Sie weichen zurück und laufen zum Hintereingang. Zwei Polizisten gehen zu den Inder in den Laden. Friederike Friede und ihre Freundin Yvonne hören im Zelt, dass da draußen was los war. Sie wollten mal nachsehen, und nun drängen sie sich an eine Mauer. "Gestalten mit ernsten Gesichtern " ziehen an ihnen vorbei, sie tragen dunkle Pullover. Sie hört sie rufen: "Bambule, Randale, Rechtsradikale!", "Deutschland den Deutschen!", "Türken raus!" Aus der Ferne kann sie erkennen, wie die "Gestalten" das eineinhalb Mann hohe Holztor zum hinteren Eingang der Pizzeria eindrücken, mit solcher Kraft, dass der zentimeterdicke Eisenriegel verbogen wird.
Das Tor bricht, die jungen Männer gehen den Weg zur Hintertür, ziehen vorbei an einem Schutthaufen, auf dem Pflastersteine liegen. Sie werfen die Steine gegen das Fenster des Lagerraums, gegen den weißen Kastenwagen Amarjeets, des Pizzeria-Besitzers, dann stehen sie am Hintereingang. Sie nehmen eine blaue Regenwassertonne und donnern sie gegen die Tür und das Badezimmerfenster, das Glas zerbricht. Drinnen sucht Kuldeep nach einem Gegenstand, mit dem er sich verteidigen kann. Er findet einen Besenstiel. Zwei Meter und eine Tür trennen zwei Polizisten, die Kellnerin, den Fahrer und die Inder von mehreren, die "Ausländer raus" brüllen. Kulvier schreit die Polizisten an "Schießt! Schießt wenigstens in die Luft!" Ein Polizist greift zur Taschenlampe und leuchtet durch das Badezimmerfenster nach draußen. Die Angreifer merken, die Polizei ist im Laden. Sie weichen zurück. Zwei weitere Polizisten vor dem Laden stehen 50 junge Männer gegenüber. Sie haben die Fäuste geballt, sie rufen: "Geht zur Seite, lasst uns das regeln!" Die ersten zehn Männer der Bereitschaftspolizei kommen um 1.03 Uhr. Sie waren in der Nähe, man hat am Wochenende in Leisnig Ausschreitungen von Neonazis befürchtet, zum Todestag von Rudolf Heß. In Leisnig aber war es ruhig geblieben.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 36/2007