Kohl erklärt daraufhin seinen Rücktritt vom Ehrenvorsitz. Später liefert er dazu eine hoch emotionale Erklärung: Sein Verzicht habe nichts mit dem Machtkampf mit Schäuble zu tun gehabt. Aber er wolle nicht verschweigen, dass ihn die Trennung vom Ehrenvorsitz tief getroffen habe. "Nicht die formale Trennung, sondern die Trennung meiner emotionalen Beziehungen zur Partei." Die CDU sei ein Teil seines Lebens. "Ich kann nicht 50 Jahre meines Lebens wie ein schmutziges Hemd ablegen." Nach dem Bruch mit Wolfgang Schäuble komme er sich "manchmal vor wie ein Aussätziger, den man wegen seiner gefährlichen, ansteckenden Krankheiten meidet".
Aus Kohls Sicht haben einige innerparteiliche Gegner die Gelegenheit benutzt, alte Rechnungen zu begleichen. Da sei Heiner Geißler, der "seinen Hass" ihm gegenüber wohl mit ins Grab nehme. Gleiches gelte für Kurt Biedenkopf, der es genieße, endlich auf ihn herabblicken zu können. Jetzt hätten etliche Persönlichkeiten in der CDU, die ohne ihn nicht politisch Karriere gemacht hätten, ihren Rachedurst stillen können.
Wolfgang Schäuble hat für Kohl am Ende nur Verachtung übrig. "Er war eine wichtige Beziehung für mich, für ihn war ich das nicht." Auch die engsten Freunde Schäubles, denen er, was er nur selten tut, in jenen Tagen einen Blick in seine innersten Gefühle erlaubte, glauben nicht, dass sich die beiden zu ihren Lebzeiten noch einmal die Hand geben werden. Kohl versucht es einmal. Als im September 2000 im Berliner Schiller-Theater der Abschluss des Zwei-plus-Vier-Vertrags gefeiert wird, der den Weg zur Wiedervereinigung geöffnet hatte, sitzen Kohl und Schäuble nur wenige Meter voneinander entfernt, Schäuble wegen seines Rollstuhls natürlich am Rand. Kohl erhebt sich, geht zu ihm hinüber und streckt ihm die Hand hin. Schäuble dreht den Kopf zur Seite.
Die Unaufrichtigkeit Kohls hatte sich bei Schäuble wohl schon durch ein Foto eingeprägt, das drei Jahre zuvor entstanden war und die heile Welt zwischen den beiden dokumentieren sollte. Schäuble hatte im Januar 1997 im stern erstmals offen seinen Anspruch auf die Kanzlerschaft nach Kohl angemeldet. "Ein Krüppel als Kanzler?", hatte er gefragt und selbst geantwortet: "Ja, die Frage muss man stellen." Und er fügte hinzu, die Kanzlerschaft wäre eine "Versuchung, der ich wahrscheinlich nicht widerstehen könnte".
Kohl reagiert auf diese Ankündigung auf seine Weise - mit einer optischen Lüge. Er drückt in seinen ohnehin vollen Terminkalender blitzschnell noch einen Fototermin für den stern, den er wie alle "diese Hamburger Magazine" angeblich gar nicht liest. Doch an diesem Tag ist er zu allem bereit, um sich und Schäuble vor der Kamera zu verbrüdern. Als der stern-Fotograf Konrad R. Müller, den Kohl besonders schätzt, seufzt, es sei ziemlich dunkel im Arbeitszimmer des Kanzlers, lässt er seinen Ledersessel quer durchs Zimmer neben Schäubles Rollstuhl tragen und die Vorhänge aufziehen. "Den Wolfgang müssen wir ins beste Licht rücken", scherzt er. So entsteht das gewünschte Foto "Vater mit treuem Sohn", das nur eines dokumentieren soll: Kohls Machtanspruch über den Fraktionschef, der ihn mit seinem Selbstbewusstsein genervt hatte. Und der es gewagt hatte, Sätze zu sagen wie: "Ich fühle mich überhaupt nicht als Diener des Kanzlers, sondern als Diener der Republik."
Dass Kohl nur einen Tag nach dem Fototermin bei der entscheidenden Frage erneut kneift, bleibt Schäuble natürlich nicht verborgen. Auf die Frage, ob er 1998 wieder als Kanzlerkandidat antrete, antwortet er ausweichend: "Kommt Zeit, kommt Rat." Zur Wahrheit bekennt sich der Kanzler wenig später: Am 3. April 1997 verkündet er im Fernsehen, bei der Bundestagswahl 1998 wieder ins Rennen zu gehen. Das habe er sich "sehr genau und sorgfältig" überlegt. Schäuble zuvor zu informieren, hatte er nicht für nötig gehalten.
Wolfgang Schäuble durfte sich von dem Mann getäuscht fühlen, über den er mehr als einmal gesagt hatte: "Helmut Kohl weiß, dass ich ihn nicht bescheiße." Umgekehrt war das, wie er lernen musste, durchaus der Fall. Denn schon 1994 hatte Kohl Schäuble zugesagt, er werde ihm zur Halbzeit der Legislaturperiode das Kanzleramt übergeben. Auch sein Satz, er wünsche sich, dass "Wolfgang Schäuble einmal Kanzler wird", war nie aufrichtig gemeint. Nur hat Schäuble zu spät realisiert, dass dieser Mann für ihn nie etwas anderes vorgesehen hatte, als die Rolle des ewigen Kronprinzen und loyalen Helfers beim Machterhalt.