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22. Oktober 2008, 09:03 Uhr

"Lehrer dürfen keine Beamten sein"

Aber werden nicht zu viele Studenten Lehrer, die für den Beruf gar nicht geeignet sind?

So ist es, deswegen muss es Praxisphasen zu Beginn des Studiums geben, wo sie sich prüfen können und wo sie auch geprüft werden. Es gibt ja empirische Untersuchungen, wonach bis zu 40 Prozent der Lehrer ungeeignet sind. Etwa weil sie Lehrer geworden sind wegen der Sicherheit des Beamtentums. Weil ihnen nichts Besseres einfiel. Weil es sich gerade so ergab. Sie wurden aber nicht Lehrer aus innerer Überzeugung und Berufung.

Fordern Sie die Abschaffung des Beamtenstatus der Lehrer?

Der ist unbedingt abzuschaffen, weil er nur schädlich ist. Er führt zu falscher Mentalität, zu obrigkeitsstaatlichem Denken. Und verführt dazu, dass man Lehrer wird, weil der Status Sicherheit bietet und eine schöne Pension. Außerdem ist dieser Status viel zu teuer.

Sie plädieren für die Ganztagsschule. Weshalb? Sie haben einmal gesagt, um Kinder ihren überbetreuenden Müttern zu entziehen.

Das ist nur ein ganz nebensächlicher Grund. Der Hauptgrund ist, dass wir den Kindern gestaltete Gemeinschaften bieten müssen, die nicht nur Gemeinschaften ihrer Klasse sind.

Wie soll die Ganztagsschule aussehen?

Am Vormittag gemeinsamer Unterricht. Dann gemeinsames Mittagsessen, dann Schularbeiten und anschließend müsste das Spiel dominieren, der Sport, das Theater, die Musik. Oder Schüler-Mitverantwortung also spielerische Einübung von Politik. Das muss geschehen unter der Führung derselben Person, die am Vormittag unterrichtet.

In Berlin ist dieses Konzept in den ehemaligen DDR-Schulen schon viel weiter entwickelt als etwa in den baden-württembergischen Schulen.

Es war ein Fehler, die wenigen positiven Dinge der DDR mit in den Orkus bei der Wiedervereinigung geworfen zu haben. Menschen, die die Ganztagserziehung in der DDR mitgemacht haben, sehen sie bis heute positiv. Angefangen von Frau Merkel bis hin zu Frau Illner.

Was ist das größte Problem des deutschen Schulsystems? Dass Kinder aus bildungsfernen Schichten vernachlässigt werden?

Das ist der größte Skandal. Es ist uns nicht gelungen in 50 Jahren, hier einen Schritt voranzugehen. Wir haben nur Strukturen verändert. Doch die Lehrer müssen die Kinder entdecken und das können sie bei Kindern aus bildungsfernen Schichten nur, wenn sie sie am Nachmittag beim Fußballspielen, am Computer oder sonst wo erleben. Nur dort können sie sehen, was ihre Begabjungen sind und können sie in ihrem Selbstwertgefühl stärken. Meine größte Sorge ist, dass die Kinder aus bildungsfernen Schichten kein Selbstwertgefühl entwickeln. Sie glauben nicht an sich, fühlen sich nicht akzeptiert. Ein Hauptschüler steht am Morgen auf und sagt sich, ich werde heute scheitern. Und dann wird er sich tagsüber bemühen zu scheitern, weil er keinen Glauben an sich hat. Das oberste Ziel der Erziehung wurde bei ihm nicht erreicht: Nämlich sein Selbstwertgefühl zu stärken. Das muss in der Ganztagsschule nachgeholt werden. Das ist die wichtigste Zielsetzung des Zukunftsrats überhaupt.

Würden davon auch die Kinder mit Migrationshintergrund profitieren?

Ungeheuer profitieren würden sie, weil sie dann nicht nur im Unterricht mit den anderen Kindern zusammen sind, sondern auch am Nachmittag. Mal in der Sportgruppe, mal in der Theatergruppe. Da würden sie spielerisch auch die Sprache besser lernen, die gegenseitigen Berührungsängste verlieren. Und die Migrantenkinder könnten dann auch ihre Stärken zeigen, zum Beispiel, dass sie viel hilfsbereiter sind, wie man aus vielen Untersuchungen weiß.

Wie muss die Pädagogik der Zukunft aussehen? Sie sagen: Disziplin ist das Rückgrat der Erziehung. Sie wirke sozusagen heilend bei orientierungslosen Kindern.

Ich habe gesagt, Disziplin ist das Tor zu Glück und Freiheit. Sie ist eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für die Erziehung. Disziplin zu fordern, ist allerdings nur legitim, wenn Liebe und der Fürsorge für Kinder der Beweggrund sind. Disziplin lernen Kinder nur, wenn sie gemeinsam Ziele verfolgen.

Es gibt in diesem Zusammenhang die Forderung, dass schon der Kindergarten zur Pflichtveranstaltung gemacht werden müsse. Nur dann kämen die Kinder ausreichend vorbereitet in die Grundschule. Treten Sie dafür ein?

Dafür trete ich ein, obwohl es rechtlich vermutlich nicht möglich sein wird. Und ich trete auch für den ganztägigen Kindergarten ein.

Sollen Schulleiter mehr Kontrolle über die Arbeit ihrer Lehrer bekommen? Die wissen doch oft gar nicht, was im Unterricht vor sich geht.

Die Position des Schulleiters muss als Führungsposition definiert werden und nicht als reine Verwaltungsposition wie bisher. Führung bedeutet: Dass derjenige, der führt, den Geführten immer in seinem Selbstwertgefühl stärken muss, dass er Ziele vereinbaren, aber auch kontrollieren muss, ob er die Ziele erreicht. Wenn er sie nicht erreicht, soll er ihm Hilfen geben, damit er sie erreicht. Die Wirtschaft hat längst erkennt, dass man mit guter Führung mehr Geld verdienen kann. Die Schule muss noch entdecken, dass ihre Ziele leichter erreicht werden, wenn Schulleiter führen dürfen.

Interview: Hans Peter Schütz
Seite 1: "Lehrer dürfen keine Beamten sein"
Seite 2: Aber werden nicht zu viele Studenten Lehrer, die für den Beruf gar nicht geeignet sind?
 
 
KOMMENTARE (10 von 44)
 
Alpenkraxler (24.10.2008, 11:16 Uhr)
Einladung
Ich lade alle hier postenden und lehreranfeindenden Maulhelden dazu ein, mal einen Monat durchgehend meine 9.Klasse Hauptschule zu unterrichten. Mal sehen, wie wohl durchdacht die nächsten Äußerungen dann sind.
Morimando (24.10.2008, 10:36 Uhr)
weil-
"es fällt auf, dass die "verteidigung" der lehrer wahnsinnig lange posts sind. bessere qualität, weniger zielgruppen-orientierung, mehr zeit, weniger abstraktionsvermögen oder hohe verteidigungsnotwendigkeit des beamtentums?"
Lehrer erklären eben gern. Und es hängen eine Menge Dinge mit drin, ergo resultieren lange Posts.
Morimando (24.10.2008, 10:28 Uhr)
Kurzer Einwurf
Weil meine Äußerung zum Einkommen des Referats kritisiert wurde, weil andere Berufsgruppen ein Leben lang mit 1000€ mtl. auskommen müssten: Zum Einen rede ich von Brutto-Einkommen. Es kommen also Steuerabzüge sowie 125€ ca Abzüge für die private Krankenkasse, in der man als Referendar versichert sein muss, hinzu. Von den restlichen 700 muss dann Wohnung, Essen, Kleidung bezahlt werden. Es sind also keine 1000€ einfach so. Und "andere verdienen ihr Leben lang nicht mehr": Diese Berufsgruppen haben auch sicherlich keine 19,5 Jahre Ausbildungszeit hinter sich (Grundschule(4),Gymnasium(8,5), Studium(5),Referendariat(2)).
Es geht nicht darum sich immer nur zu beschweren, doch wer so schön erzählt, Lehrer können bis 17, ach gar bis 20h arbeiten (in der Schule), der hat keine Ahnung vom Lehrerberuf, allein wenn man 5 Klassen unterrichtet am Folgetag sind das mindestens 5x30min Vorbereitung des Unterrichtsstoffes. Damit ist keine Klassenarbeit geschrieben und nichts. Und ich werde sicherlich nicht um 8 Uhr morgens mit der Arbeit beginnen, dann 8 abends heim kommen um bis 22h Unterricht vorzubereiten, schlafen gehen und wieder aufstehen. Das ist etwas übertrieben, mein Punkt soll sein: Lehrerarbeit ist mehr als die Anwesenheit/Arbeit in der Schule und wir haben mit Unterrichtsschluss nicht frei. Und irgendwann müssen wir auch einkaufen, putzen und sonstige Belange unseres Lebens. Klar arbeitet auch ein Informatiker von 8-17h, gelegentlich länger, aber die Gelegenheiten wo er daheim weiter arbeiten MUSS, sind seltener.
Noch eins (anderes Thema): Wenn in den Statistiken jetzt schon Lehrer bei den höchsten Selbstmordraten dabei sind, früh nervlich fertig sind und sonstige Probleme bekommen, wie wahrscheinlich ist es dann, dass diese alle faul sind und länger arbeiten sollten?
logisch_konsequent (23.10.2008, 15:17 Uhr)
Lehrer - ganz schön lange...
es fällt auf, dass die "verteidigung" der lehrer wahnsinnig lange posts sind. bessere qualität, weniger zielgruppen-orientierung, mehr zeit, weniger abstraktionsvermögen oder hohe verteidigungsnotwendigkeit des beamtentums?
Motte07 (23.10.2008, 14:16 Uhr)
Beamtentum
Das Berufsbeamtentum ist m.E. überholt (bin selber Beamter) und auch bei Lehrern sinnlos.
Es ist aber völlig naiv zu glauben, dass eine Abschaffung des Beamtentums all unsere Probleme löst. Erstens bedeutet eine Absicherung nicht, dass man seinen Job nicht gut machen will und zweitens brauchen wir ja jeden einzelnen Lehrer, sogar die Pfeifen. Wen will man da groß rausschmeißen?
Außerdem: was "leistungsgerechte Bezahlung in der freien Wirtschaft" bedeudet, sieht man ja derzeit an den Bankmanagern.
Motte07 (23.10.2008, 13:13 Uhr)
@johnniedeamonic
Völlig richtig!
Lesen Sie aber bitte zuerst die Vorwürfe vom User wachsam auf die ich mich bezog. Dann verstehen Sie auch den Sinn meines Postings...
maikfr (23.10.2008, 12:20 Uhr)
Beamtentum zu teuer? Leistung kostet Geld!
Herr Bueb stellt die These auf, dass Lehrer nicht Beamte sein sollten und eh zu teuer sind. Hierzu kann man nur sagen: Leistung kostet Geld. Und schon heute verdienen Lehrer oftmals viel weniger als ähnlich qualifizierte Akademiker in der freien Wirtschaft. Wie - bitte schön - sollen motivierte und gute Lehrer angelockt werden, wenn die Rahmenbedingungen noch schlechter werden, als sie eh schon sind? Man muss sich schon entscheiden: Leistung, die auch Geld kostet, oder Mittelmaß! Wir haben schon jetzt Lehrermangel,u.a. wegen der schlechten Bezahlung und den schlechten Arbeitsbedingungen. Meine These lautet daher: Abschaffung des Beamtentums bzw. eine Verschlechterung der Bezahlung führt zwangsläufig zu einer weiteren Verschlechterung des Bildungszustandes in Deutschlands! Diese Wette gehe ich ein! Guten Abend Deutschland:)
johnniedeamonic (23.10.2008, 12:06 Uhr)
??
@Motte07
wie wäre es denn mit "ZUHAUSE" ??
wird von den Schülern ja auch verlangt.
Motte07 (22.10.2008, 18:10 Uhr)
@wachsam
Wenn Sie so dafür eintreten, dass Lehrer ihre Arbeitszeit in der Schule verbringen müssen, dann treten Sie sicher auch dafür ein, dass dort dann auch die dafür benötigten Arbeitsbedingungen herrschen? Also, jeder einen eigenen Schreibtisch, einen PC mit Internetanschluss.
Oder anders gefragt: Haben Sie schonmal ein Lehrerzimmer von innen gesehen. Wie soll man bitte auf einer Schreibtischfläche von 60x60 cm ohne PC seinen Unterricht vorbereiten?
SethusCalvisius (22.10.2008, 17:10 Uhr)
nicht
Sorry! Natürlich muss es heißen:
Fakten, die man NICHT kennt, interessieren eben nicht.
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