In der Würzburger Uni-Bibliothek hätte Merkel der ungeschminkten Bildungsrealität begegnen können. Die Not in Würzburg ist nämlich typisch. Fachhochschulen können sich pro Student nur noch ein halbes Buch im Jahr leisten. 85 Prozent aller Schulen haben überhaupt keine Bibliothek. In fast allen anderen EU-Ländern gehören öffentliche Bibliotheken zu den Pflichtaufgaben des Staates und werden massiv ausgebaut. In Deutschland wird im Schnitt an jedem Werktag eine Bibliothek geschlossen. Die Situation in Würzburg ist aber auch typisch für die Hochschulen in Deutschland, denn in beinahe jeder Uni gibt es ähnliche Missstände. Über Jahrzehnte ließ man die Gebäude vergammeln. Die Sanierung würde mehrere hundert Millionen Euro kosten. Nicht zusammen, pro Uni.
Mindestens ebenso dringend wie die Reparatur ist ein massiver Ausbau des Hochschulwesens. Deutschland bildet viel zu wenig Akademiker aus. Im OECD-Schnitt schließen 37 Prozent eines Jahrgangs ein Studium ab. In Deutschland gerade mal 21 Prozent. Die Bundesregierung peilt eine Quote von 40 Prozent an. Dazu braucht man zusätzliche Professoren. Doch zwischen 1995 und 2005 wurden 6,4 Prozent der Professuren gestrichen, in den Ingenieurwissenschaften sogar 13,3 Prozent.
"Wir haben bestimmt keine Bildungsmisere", sagt die Kanzlerin. "Aber wir haben noch Reserven." Ähnlich sieht das auch Frank Walter Steinmeier, Merkels Herausforderer bei der Bundestagswahl. "Wir brauchen uns nicht zu verstecken", schätzt der Außenminister die Lage der Hochschulen ein. Auch für den Kanzlerkandidaten der SPD ist Bildung eines der zentralen Themen. So wie für alle Landesregierungen und alle Bürgermeister. Glaubt man den Reden von Politikern aller Parteien, dann hat die Verbesserung des Bildungssystems für sie allerhöchste Priorität. Trotzdem veröffentlichen Wissenschaftler eine internationale Studie nach der anderen, die dem deutschen Bildungswesen katastrophale Ergebnisse bescheinigt.
"Eine Kernfrage der Zukunft des Bildungssystems", nennt Angela Merkel die Qualität der frühkindlichen Entwicklung. Darum hat sie sich gleich zwei Kindergärten angeschaut. Merkel freute sich über "ein Projekt, das zeigt, was möglich ist." Richtig muss es heißen: Was möglich wäre. Denn Projekte sind nicht auf die reguläre Finanzierung angewiesen, sondern werden aus anderen Quellen gefördert, in diesem Fall von der privaten Hertie-Stiftung. In den Protokoll-Kindergärten gibt es beispielsweise genügend Erzieher. Die EU empfiehlt acht Kinder pro Betreuer. In Deutschland sind es im Durchschnitt 24. In den wenigen Kindergärten, die das Glück haben, als Projekt gefördert zu werden, sind saubere Bäder und Toiletten selbstverständlich. In der Berliner Kita "Schwalbennest" nicht. "Das Gesundheitsamt meckert bei jedem Besuch", berichtet die Kita-Leiterin, Karin Reinhold. "Vor einem halben Jahr haben sie uns schließlich die Dusche geschlossen."
Als Karin Reinhold von der Bildungsreise der Kanzlerin hörte, hat sie sich gefreut. Zuerst. Als sie von der Reiseroute hörte, hat sie sich geärgert. "Sieht die denn nicht, was hier los ist?" Neulich musste ihre Kita mehrere Stellen neu besetzen. Erzieher zu finden ist nicht leicht, denn die Arbeitsbedingungen sind hart und die Löhne miserabel. Rund 1300 Euro netto verdient eine Erzieherin, die Vollzeit arbeitet. Aus Spargründen werden in Berlin aber kaum noch Erzieher Vollzeit eingestellt. So manche arbeitslose Erzieherin kann es sich daher gar nicht leisten, im Kindergarten zu arbeiten.
Nicht weit vom "Schwalbennest" entfernt liegt die Alice-Salomon-Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Dort werden exakt jene Pädagogen ausgebildet, die in der frühkindlichen Erziehung dringend gebraucht werden. Die "Kindergärten Nordost", wozu auch das Schwalbennest gehört, bemühen sich intensiv um Absolventen der Fachhochschule. Mit Werbeaktionen wollen sie die Studenten für ihre Kindergärten begeistern. Ergebnis: Keine einzige Bewerbung. Wer studiert schon, um dann 1300 Euro netto zu verdienen?
Die Armut im Bildungswesen hat zur Folge, dass es von allem zu wenig gibt, was eine "Bildungsrepublik" im 21. Jahrhundert braucht: Zu wenig Studienplätze, zu wenig Professoren, zu wenig Bibliotheken, zu wenig Kindergartenplätze, zu wenig Erzieher, zu wenig Weiterbildung, zu wenig Ganztagsschulen. Zu wenig Schulleiter. In Deutschland sind mehr als 1000 Schulleiter-Stellen nicht besetzt. Und zu wenig Lehrer. Insgesamt fehlen an deutschen Schulen rund 20.000 Lehrer.
Besonders groß ist die Lehrer-Not im nordrhein-westfälischen Kreis Minden. Dennoch traute sich Angela Merkel, in dieser Problemregion eine Schule zu besuchen. Das "Mindener Tageblatt" ist voll mit Artikeln über den dramatischen Lehrermangel, an allen Schulen. Fast allen. Einzig in der Hauptschule Löhne West kennt man solche Probleme nicht. Im vergangenen Jahr wurde sie als eine der besten Hauptschulen Deutschlands ausgezeichnet. Richtig geraten: Genau diese Schule bekam kürzlich hohen Besuch.
Hätte sich die Kanzlerin nur wenige Kilometer weiter fahren lassen, dann hätte sie am Mathe-Unterricht der 10e der Gesamtschule Porta Westfalica teilnehmen können. Textaufgabe: Berechne den Unterrichtsausfall an unserer Schule. Ergebnis: 14,6 Prozent. "Vor allem in Mathe und in den Naturwissenschaften ist es katastrophal", sagt Dorothee Scheck, die Schulleiterin. "Ich habe sogar schon versucht, einen 57-jährigen, arbeitslosen IT-Experten zu überreden, bei mir als Lehrer anzufangen. Der wäre eine Zumutung für die Schüler, ich weiß. Aber ich muss alles ausprobieren."
Der Lehrermangel ist ein bundesweites Problem. Er hat das Land nicht überraschend heimgesucht. Wie viele Kinder die Schule besuchen werden, weiß man sechs Jahre im Voraus, wie viele Lehrer in Pension gehen, ist sogar Jahrzehnte vorher bekannt. Darum wurde die Katastrophe schon vor Jahren exakt berechnet. Grundrechenarten. Auch die Lösung ist nicht kompliziert: Neue Lehrer einstellen. Doch die kosten Geld. Das sparen die Länder. Für 2013, wenn die Kinder eingeschult werden, die heute zur Welt kommen, ist ein Lehrermangel von 40.000 berechnet.
Die fehlenden Lehrer gehen auf das Konto der Bundesländer. Für die maroden Schulgebäude sind die Kommunen zuständig. Bei den Kindergärten sind die Kommunen allein verantwortlich, für Gebäude und für Personal. Die Universitäten sind komplett Angelegenheit der Länder. Und der Bund? Nicht zuständig. Die Bundeskanzlerin nennt die Bildung "das Schlüsselthema des 21. Jahrhunderts", doch die Richtlinienkompetenz der wichtigsten deutschen Politikerin gilt nicht für das wichtigste Thema der Politik. Bei der Bildung steuern alle mit, aber jeder in eine andere Richtung. Die deutsche Bildungspolitik? Die gibt es in Wahrheit nicht.
Wie sehr das Zuständigkeitsdenken den Bildungsalltag prägt, das erfährt auch Schulleiterin Scheck. Zu gerne hätte sie Angela Merkel die katastrophale Situation in ihrer Schule vorgeführt. Das wäre die einzige Chance gewesen, ihre Probleme der Politik vorzutragen. Denn an das Ministerium darf sie sich nicht wenden. Das würde den Dienstweg verletzen. Scheck beschwert sich beim Schulamt. Das ist erlaubt, aber wirkungslos. Sie redet mit ihrem Landtagsabgeordneten. Der verspricht mutig, "das Thema anzusprechen". Ein paar mal schon hat sie sich dennoch direkt an das Bildungsministerium gewandt. "Dann muss ich mir immer Vorträge über Loyalität anhören. Auch dass ich hier mit dem stern rede, wird sicher Ärger geben. Aber ich habe nicht mehr lange bis zur Pension."
Vom Schulhof ihrer Gesamtschule aus kann man am Horizont das Denkmal Kaiser Wilhelms an der Porta Westfalica erkennen. Auf einer Informationstafel ist dort ein Spruch zitiert, der im deutschen Bildungswesen noch immer Gültigkeit zu besitzen scheint: "Es ist dem Untertanen untersagt, den Maßstab seiner beschränkten Einsicht an die Handlungen der Obrigkeit anzulegen."
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