
Im Mai 2006 besuchte Benedikt XVI. die Gedenkstätte des KZ Auschwitz. Dort ließ er keinen Zweifel an seinem Abscheu über die Verbrechen der Nazis© P. Ricci/Forum/Coloupress/DDP
Doch Aufbruch macht oft auch Angst. Während die einen freudig das Neue begrüßen, trauern andere dem Verlorenen nach und versuchen festzuhalten, was der Zeitgeist bedroht. Der "Geist des Konzils", hieß der in der Kirche. Und etlichen wurde eiskalt, wo er wehte. Gitarrenlieder statt Gregorianik? Das "Allerheiligste" sollte das Laienvolk nun mit ungeweihten Händen berühren dürfen? In munterem Wettbewerb entdeckten Theologen selbst unter Atheisten noch "anonyme Christen". Oder sie sprachen davon, die doch "heilige" Kirche habe gegen Frauen und Juden "gesündigt", weil sie die einen als zweitrangig und die anderen als "Gottesmörder" abgestempelt hatte. Wohin also trieb diese Kirche, während Zehntausende Priester heirateten und einfache Gläubige offenbar annahmen, sie könnten den Kurs auch gegen die "Amtskirche" mitbestimmen?
Marcel Lefebvre, ein freundlich und bescheiden wirkender älterer Herr, der die Französische Revolution wohl mindestens so verfluchte wie das Konzil, erklärte 1974: "Wir hängen mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele am katholischen Rom, der Hüterin des katholischen Glaubens und der für die Erhaltung dieses Glaubens notwendigen Traditionen, am Ewigen Rom, der Lehrerin der Weisheit und Wahrheit. Wir lehnen es hingegen ab, und haben es immer abgelehnt, dem Rom der neo-modernistischen und neo-protestantischen Tendenz zu folgen, die klar im Zweiten Vatikanischen Konzil und nach dem Konzil in allen Reformen, die daraus hervorgingen, zum Durchbruch kamen."
Da war an Abspaltung noch nicht zu denken. Und so wurde auch die Priesterbruderschaft des Heiligen Pius X. zunächst mit offiziellem Segen gegründet. Die Lage verschärfte sich aber durch weitere Polarisierungen. Während hierzulande bärtige Kapläne die Klampfe zupften und jedes lateinische Wort für einen Rückfall in das Mittelalter hielten, paktierten ebenso bärtige Priester in Südamerika mit kommunistischen Revoluzzern und schlossen selbst den bewaffneten Kampf für die Armen nicht aus. Ideologisch überbaut wurde das durch eine "Befreiungstheologie", die auch hier bald als Synonym für jede Art von Widerwillen gegen den Vatikan stand.
Die Spannungen erreichten ein kritisches Stadium, als der 1978 gewählte polnische Papst drei Jahre später einen zwar etwas scheu wirkenden, aber messerscharf denkenden deutschen Gelehrten an die Spitze der Glaubenskongregation berief. Joseph Ratzinger, zuvor Professor für Dogmatik, dann vier Jahre Erzbischof von München und Freising, sollte die geistliche Spreu vom Weizen trennen. Bald gab es kaum Zweifel, dass Ratzinger diese Arbeit gründlich erledigen würde.
Was er 1984 einem italienischen Journalisten in langen Gesprächen erläuterte und dann als Buch "Zur Lage des Glaubens" publizierte, ist nicht gar so weit von den Gedanken Lefebvres und seiner Gesinnungsbrüder entfernt. Das "wahre Konzil" nämlich sah der Kardinalpräfekt missachtet. Denn dem "stellte man schon während der Sitzungen und mehr und mehr dann in der darauffolgenden Zeit einen angeblichen ‚Geist des Konzils‘ entgegen, der in Wirklichkeit ein wahrer ‚Ungeist‘ ist".
Zwar hatte Ratzinger als junger Berater des Kölner Kardinals Joseph Frings beim Konzil selbst mitgewirkt, galt gar als aufmüpfig gegenüber der verkrusteten römischen Kurie, die das angereiste Bischofskollegium mit Verfahrenstricks auszubremsen versuchte. Doch wer damals Bischöfen zu ihrem theologisch verbrieften Mitspracherecht verhelfen wollte, muss sich später noch lange nicht dafür einsetzen, dass auch Frauen geweiht werden, Priester heiraten und Laien mit entscheiden dürfen, ob Pille, Abtreibung oder Homo-Ehe katholisch erlaubt sind.
Was Konservative im Verein mit Papst und Glaubenskongregation für Übertreibungen oder schlicht für entsetzliche Irrlehren hielten, wurde von Ratzingers Glaubenshütern zunehmend klarer benannt und bekämpft. Auch in dieser Zeit schon gab es Verhandlungen mit den Piusbrüdern, um die Einheit der Kirche zu wahren. Doch denen ging die Restauration des Wahren, Guten und Schönen zu langsam und nicht weit genug.
Da Marcel Lefebvre schon 82 Jahre alt war und damit rechnen musste, dass seine Bruderschaft durch seinen Tod ausbluten könnte, da nur Bischöfe weihen dürfen, entschied er sich schließlich trotz energischer römischer Ermahnungen für den Bruch. Am 30. Juni 1988 vollzog er eine vierfache Bischofsweihe mit dem gleichgesinnten brasilianischen Bischof Antonio de Castro Mayer an seiner Seite. Doppelt hält nämlich auch sakramental besser. So soll sichergestellt werden, dass die vermeintlich ununterbrochene apostolische Reihe von den ersten Jüngern bis zu den heutigen Bischöfen, ihren Nachfolgern, auf keinen Fall abreißt.
Da dies aber im Ungehorsam geschah und so etwas wie eine illegale Filialkirche gegründet wurde, machte sich Lefebvre aus vatikanischer Sicht eines "Schismas" schuldig, also einer (Ab-)Spaltung. Darauf steht nach Canon 1364 des kirchlichen Gesetzbuches die Exkommunikation als "Tatstrafe". Und die traf Lefebvre und de Castro Mayer samt den vier neu geweihten Bischöfen wie ein göttlicher Blitz.
Auch das ist nämlich eine Besonderheit klerikalen Rechtsverständnisses: Die Strafe tritt im selben Augenblick ein, in dem ein Rechtsbruch begangen wird. Ganz egal, ob sie ein Kirchenoffizieller ausspricht oder nicht. Im Fall Lefebvres und seiner Bischöfe ist die Exkommunikation wenige Tage nach dem vollzogenen Schisma sogar ausdrücklich festgestellt worden. Rechtlich erforderlich aber war das nicht. Letztlich steckt dahinter der Glaube, dass im Himmel sogar auch das alles bemerkt - und im Sündenregister vermerkt - wird, was irdischen Augen entgehen mag.
Der Generalobere der Piusbrüder, der aus dem Schweizer Wallis stammende Bischof Bernard Fellay, bezweifelt allerdings, dass es in strenger kirchenrechtlicher Interpretation der Vorgänge je zu einem Schisma - und demzufolge zu einer Exkommunikation der Beteiligten - gekommen ist. Denn der Ungehorsam entstamme Gewissenszwängen, und zudem habe Lefebvre nicht grundsätzlich die Autorität des Papstamtes attackiert. Auch wenn es bis heute unter seinen Anhängern schwere Zweifel an der Rechtgläubigkeit aller Päpste ab Johannes XXIII. gibt.
Dass diese Argumentation trotzdem einiges Gewicht haben könnte, bestätigt auch der heutige Papst und damalige Präfekt der Glaubenskongregation: 1993 hatte Ratzinger die vom dortigen Bischof ausgesprochene Exkommunikation von sechs hawaiianischen Katholiken aufgehoben, die sich öffentlich zu Lefebvre bekannt und entsprechende Messen besucht hatten. War das nicht ein Signal von höchster Stelle für die fortdauernde Zugehörigkeit der Rebellen zur katholischen Kirche? Joseph Ratzinger war erst wenige Monate im päpstlichen Amt, da empfing er im August 2005 bereits Bernard Fellay, den in voller Bischofsmontur angetretenen und doch exkommunizierten obersten Piusbruder. Auch der Leiter des deutschen Distrikts war zugegen, als man sich herzlich die Hand schüttelte. Seither sind die Kontakte nicht abgerissen, die vor allem über die schon 1988 eigens eingerichtete Kommission "Ecclesia Dei" liefen. Auch vorher bemühte sich der Vatikan um Nähe. Mehrfach traf sich Ratzinger mit Lefebvre und handelte eine Konsenserklärung aus, die aber nicht mehr unterzeichnet wurde.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 08/2009