
stern-Autor Walter Wüllenweber© Karin Rocholl
Aus den besseren Vierteln hört man sie einwenden: "Aber es können nun mal nicht alle aufs Gymnasium gehen und studieren. Es muss auch welche geben, die die einfache Arbeit machen." Was für ein Quatsch! In den meisten skandinavischen Ländern, in Australien oder in Island studieren etwa doppelt so viele wie bei uns. Sind die alle schlauer? Bleibt bei denen der Müll liegen? Nein, dort gibt es Vollbeschäftigung und kräftiges Wirtschaftswachstum. Und dort gibt es einen hohen Anteil der Studierenden aus unteren sozialen Schichten. Bei uns ist er seit 2000 um ein Drittel gesunken. Das ganze Geschwafel, man müsse sich eben damit abfinden, dass nicht jeder ein Einstein sei, ist nichts anderes als Standesdünkel, getarnt als Verständnis für Benachteiligte. Denn wer in Deutschland oben und wer unten ist, das entscheidet zuerst die Bildung. Dieses Privileg wollen viele nicht teilen. Dann schon lieber die Sozialtransfers erhöhen, damit Ruhe herrscht. Sozialknete ist ungefährlich. Sie verkleinert die gesellschaftliche Spaltung um keinen Millimeter. Lieber Geld teilen als Bildung.
In der Politik spiegelt sich die alles überragende Bedeutung der Bildung nicht wider. Das sieht man schon am Personal. Bildungspolitiker sind keine Polit-Promis, keine Alphatiere, die ihre Sache durchkämpfen. "Bildungsminister sind so etwas wie Poeten, die man sich leistet, auf die man aber nicht hört", sagt Jan-Hendrik Olbertz. Er muss es wissen. Er ist Bildungsminister in Sachsen- Anhalt.
Bei der Föderalismusreform hat der Bund großzügig auf alle Kompetenzen in der Bildungspolitik verzichtet. Politisch gesehen ist Bildung damit keine Frage von nationaler Bedeutung mehr. In der Realität dagegen schon. Hört sich pathetisch an, ist aber wahr: Bildung ist die nationale Schicksalsfrage. Und das bei Weitem nicht nur ökonomisch. Alle großen gesellschaftspolitischen Probleme haben eine starke Verbindung zu Versäumnissen bei der Bildung. Oft sind sie sogar die Ursache. Und meistens ist Bildung die wirksamste Methode, die Probleme zu lösen.
Wirklich wirksam ist Bildung natürlich nur, wenn damit nicht lediglich reines Datenlernen gemeint ist. Es reicht nicht zu wissen, wie lange der Dreißigjährige Krieg dauerte. Die Bildung der Persönlichkeit heißt in unserer Sprache Erziehung. Die meisten anderen Sprachen unterscheiden da nicht. Den Satz des Pythagoras büffeln oder wie man sich gesund ernährt - für Engländer ist das alles "education". Und weil sie nicht unterscheiden, haben sie auch kein Problem damit, wenn die Schule erzieht oder wenn der Kindergarten bildet. In Deutschland ist das streng getrennt: Eltern erziehen, Schule bildet.
Und was macht der Kindergarten? Basteln. Ob die Kinder im Kindergarten gefördert werden, hängt vom Zufall ab, von der einzelnen Kindergärtnerin. Die müssen in Deutschland nicht studieren, wie es in den allermeisten EU-Ländern Standard ist. Das Kindergartenpersonal ist nicht nur unzureichend ausgebildet, es gibt auch viel zu wenige Betreuer. Die EU empfiehlt höchstens acht Kinder pro Erzieher. In Deutschland sind es im Schnitt 24. Das macht den Kindergarten billig. Ganze elf Milliarden Euro gibt der Staat dafür aus. Allein das Wohngeld für Hartz-IV-Empfänger kostet die Steuerzahler 13,7 Milliarden Euro. Bei der Bildung knausern wir, bei der Finanzierung der Folgen mangelnder Bildung sind wir großzügig.
Sozialstaat ist Nachsorge. Bildung ist Vorsorge. "Wir investieren zurzeit fast alles in die Nachsorge. In einen Sozialstaat, der versucht, die Kinder aus dem Brunnen zu fischen, in den er sie hat fallen lassen", sagt Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin. Um aus den Kindergärten Bildungseinrichtungen zu machen, müsste der Staat seine Investitionen in die frühkindliche Erziehung verdoppeln. Die Bildungsforscher sind sich einig: Diese Investition hat von allen die höchste Priorität.
Verdoppelung?, werden die Politiker stöhnen. Naiv, unrealistisch, vergesst es! Doch der Staat nimmt 2007 an Steuern etwa 50 Milliarden Euro mehr ein als 2006. So richtig hatte niemand damit gerechnet, ein unverhoffter Geldsegen. Was wäre, wenn wir genau das mit dem Geld machen würden, was in den Parteitagsreden gefordert, in den Wahlkampfreden versprochen und in den Regierungserklärungen behauptet wird: Wenn wir das Geld in die Zukunft investieren würden, in das Bildungswesen?
Man wird ja noch träumen dürfen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 52/2007