Anika Schirmer ist eine dieser neuen Lehrerinnen, die zeigen, wie es geht und wie viel ein guter Pädagoge bewirken kann. Seit zwei Jahren unterrichtet Anika Schirmer Deutsch und Spanisch an der Robert-Bosch-Gesamtschule in Hildesheim. Gemeinsam mit ihren Kollegen arbeitet die 31-Jährige systematisch an der Verbesserung des Unterrichts. So ist es üblich, dass sich die Lehrer gegenseitig im Unterricht beobachten und anschließend über die Qualität diskutieren: Haben alle Schüler das Buch "Die Rote Zora" gelesen? Haben sie Lesetagebücher geführt? Sinnvolle Notizen gemacht? Genug gelernt? "Am Anfang hatte ich vor der Hospitation tierische Angst", sagt Anika Schirmer. "Aber das Feedback hilft mir, meinen Unterricht noch besser zu machen." Der Einsatz der Lehrer in Hildesheim hat sich gelohnt: Vor einem Jahr wurde ihre Schule von einer Expertenjury zur besten Schule Deutschlands gekürt. Sie bekam den Deutschen Schulpreis.
Ralf Kerstgens, 45, unterrichtet am Maria-Sibylla-Merian-Gymnasium in Telgte. Im Speckgürtel von Münster gehen 60 Prozent der Kinder aufs Gymnasium, viele kommen aus der Mittelschicht. Für Ralf Kerstgens endet das Engagement für seine Schüler nicht nach der sechsten Stunde. Sie können ihn immer anrufen: "Wenn es ein Problem gibt, dann will ich das klären, sonst können die Kinder sich nicht aufs Lernen konzentrieren." Kerstgens hat eine Homepage für seine Klasse eingerichtet. Dort finden Kinder und Eltern nicht nur die Termine für den nächsten Elternsprechtag und die Englischarbeit, sondern auch Hinweise, was drankommt. Zusammen mit Kollegen arbeitet Kerstgens an dem Konzept "Schülern helfen Schülern": Am Nachmittag sollen starke Schüler den schwächeren Hausaufgabenund Nachhilfe geben. Ralf Kerstgens: "Wir wollen die kommerziellen Nachhilfe-Institute überflüssig machen, sie sind ein Armutszeugnis für unser Schulsystem."
Gute Lehrer sorgen dafür, dass jedes Kind in seinem Tempo lernt. "Lernen ist ein durch und durch individueller Prozess", sagt der Pädagogik-Professor Peter Fauser, einer der Autoren der McKinsey-Studie. Er fordert: Lehrer müssen verstehen, wie Kinder denken, ihre Sicht einnehmen. Wie das funktioniert, erklärt er an einem Beispiel: Wenn der Physiklehrer fragt: "Warum schwimmt ein Schiff?", geben Kinder ganz unterschiedliche Antworten: Weil es aus Holz ist. Weil es einen Kapitän hat. Weil es durch den Auftrieb das Wasser verdrängt. "Alle Antworten sind richtig", sagt Fauser. Für den Physiklehrer, der nur sein Fach im Blick hat, gibt es nur eine richtige Antwort. "Alle guten Lehrer wechseln die Perspektive, jeder kann das lernen", sagt Fauser.
Dagmar Gräber unterrichtet an der Tackenberg-Grundschule in Oberhausen Mathe, Deutsch, Musik, Religion und Sachunterricht. Die 37-Jährige arbeitet viel mit Wochenplänen. Die Arbeitsblätter liegen in bunten Kisten in der Klasse aus: Rot für Deutsch, Blau für Mathe, Grün für Sachkunde. Jedes Kind löst die Aufgaben in seinem Tempo. Wer früher fertig ist, bekommt zusätzliches Lernfutter. Projekte wie das über Haustiere bereiten die Lehrerinnen gemeinsam vor. "Den Unterricht neu zu gestalten ist anstrengend. Das kostet viel Zeit", sagt Dagmar Gräber. "Aber wenn die Kinder allein arbeiten, mich gar nicht mehr bemerken - dann habe ich meinen Job gut gemacht."
Für Schüler und Eltern sind solche Lehrer wie ein Sechser im Lotto. Ein glücklicher Zufall. Die systematische Auswahl, Ausbildung oder Belohnung guter Lehrer findet in Deutschland nicht statt. Das muss sich ändern.
Finnland lädt zum Abgucken ein. Die Schüler des Landes zwischen Helsinki und Rovaniemi holten nur deshalb beim Pisa-Vergleich schon zum dritten Mal die meisten Punkte, weil sie hervorragende Lehrer haben. Nur die Besten dürfen Kinder unterrichten. Die Auslese ist hart und gefürchtet: 6500 Bewerber kämpften in diesem Sommer um 800 Plätze. Drei Tests waren zu bestehen. Erst müssen die Aspiranten Fragen zu einem Text über Erziehungswissenschaften beantworten, dann ein Gruppeninterview überstehen und sich zum Schluss einem Einzelgespräch stellen. Alles dreht sich um Pädagogik. Matti Meri, Professor an der Universität Helsinki und Leiter des Auswahlverfahrens, sagt: "Wir brauchen keine Lehrer, die wunderbar Flöte spielen. Wir brauchen Menschen, die sich fragen: Wie erreiche ich, dass Kinder gern Flöte spielen?" Der Beruf des Lehrers genießt hohes Ansehen. Das zieht gute Leute an.
Zulassungstests vor dem Studium? Warum nicht endlich auch in Deutschland? Gymnasiallehrer Ralf Kerstgens hat in Nordrhein-Westfalen jahrelang Referendare ausgebildet. "Etliche davon mochten keine Kinder. Denen hätte man sagen müssen: ,Lass die Finger von dem Beruf, das ist nichts für dich!‘" Das tat Kerstgens aber nicht. Das ist ein Tabu in Deutschland. Kaum einer fällt bei der Lehramtsprüfung durch.
Auch das Studium muss reformiert werden. "Ich wurde in mittelalterlichem Englisch geprüft", erzählt Kerstgens. Das braucht er höchstens, wenn er mit seinem Leistungskurs in der Oberstufe religiöse Lyrik im Original liest. Was er dagegen wirklich im Schulalltag benötigt, hat er im Studium nicht gelernt. "Viele meiner Schüler wissen in der fünften Klasse nicht, wie sie ihren Ranzen packen oder wie sie ihre Hausaufgaben planen sollen." Kerstgens hat sich deshalb im "Methodentraining" weitergebildet. Freiwillig.
In der Wirtschaft wird gute Arbeit belohnt: mit mehr Gehalt oder Sonderzahlungen. In der Arbeitswelt Schule gibt es keinen Anreiz, den Unterricht zu verbessern. Für Lehrer ist es vollkommen egal, wie viele ihrer Schüler fehlerfrei lesen können, den Dreisatz kapieren oder beim Abitur durchfallen. Ihr Gehalt steht fest. Am wenigsten verdienen Grund- und Hauptschullehrer, obwohl sie die meisten Stunden in der Klasse stehen und die schwierigsten Schüler haben.
Isabelle Menz unterrichtet jede Woche 28 Stunden Mathe, Englisch und Religion an der Martin-Luther-King-Hauptschule in Köln. Dazu kommen Vor- und Nachbereitung sowie Elterngespräche. Dafür erhält sie im Monat 3174,10 Euro brutto. Ihr Kollege Ralf Kerstgens vom Gymnasium (Englisch, Religion und Sport) hat auf seiner Gehaltsrechnung für 25,5 Stunden Unterricht insgesamt 4520 Euro brutto. Das sind über 1300 Euro mehr im Monat. Isabelle Menz findet das ungerecht: "Wir machen alle die gleiche Arbeit mit unterschiedlichen Schwerpunkten. An der Hauptschule müssen wir mehr erziehen, fördern und Probleme klären, der Kollege am Gymnasium muss mehr korrigieren."
Alle Lehrer sollen das gleiche Grundgehalt bekommen und dazu Prämien für Leistung. Auch hier lohnt sich ein Blick über die Grenze: nach Finnland, Dänemark oder den Niederlanden. Dort bekommen Lehrer für die Förderung von Schülern oder die Betreuung der Theater-AG zusätzliches Geld. Ein ähnliches Modell berechnen derzeit Ökonomen am Institut der Wirtschaft (IW) in Köln für Deutschland.
Prämien könnte es zum Beispiel für herausragenden Unterricht geben. Oder für den Einsatz an Brennpunktschulen. Helmut Klein, Leiter der IW-Studie, sagt: "In einem besonders schwierigen Umfeld brauchen wir die besten Lehrer. Warum sollen die nicht auch besser verdienen?" Auch über Zuschläge für Fächer denkt er nach: "Es fehlen Lehrer für Mathe, Physik und Informatik. Die Studenten sind so begehrt, die gehen lieber in die Wirtschaft als in die Schule."
Zur Finanzierung der Prämien wollen die Experten den Altersbonus und die Heirats- und Elternzulagen abschaffen. Bei Gymnasiallehrer Ralf Kerstgens, verheiratet, zwei Kinder, macht die Zulage fast 300 Euro im Monat aus. Die Mehrheit der Lehrer wünscht sich sogar eine Bezahlung nach Leistung: 80 Prozent sind dafür. Das zeigt eine neue Forsa-Umfrage im Auftrag der "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft". Auch die Lehrer-Gewerkschaft (GEW) fordert das seit Langem.
Die Schulleiter sollen entscheiden, wer eine Prämie bekommt. Sie können am besten beurteilen, wer viel leistet. Wilfried Kretschmer leitet die Robert-Bosch-Gesamtschule in Hildesheim. "Ich hätte gern die Möglichkeit, engagierten Kollegen mehr zu zahlen als denen, die nur Dienst nach Vorschrift machen." Zum Beispiel den Lehrern der Fächer Natur, Geschichte und Wirtschaft, die zurzeit für die neunten Klassen fächerübergreifenden Unterricht vorbereiten: Die Schüler werden in einem Naturschutzgebiet Pflanzen bestimmen, Wasserproben nehmen und das Leben im Mittelalter auf einer Burg erforschen.
Die Schulleiter rücken in der McKinsey-Studie ins Rampenlicht: Hinter jeder guten Schule steckt ein guter Manager. Von ihm hängt ab, ob das Kollegium weiter vor sich hinschnarcht, oder ob es den Lehrplan umkrempelt, Kontakte zur Wirtschaft sucht und Musikinstrumente für die Schule organisiert. "Alle internationalen Befunde zeigen, dass in der Führungsqualität der Schulleitung der entscheidende Hebel für die Qualität von Schulen zu finden ist", heißt es in der Studie. Damit nicht jedes Bundesland seine Schulmanager unterschiedlich ausbildet, fordern McKinsey und die Bosch-Stiftung die Gründung einer "deutschen Akademie". An dem zentralen Institut sollen Lehrer, Forscher und Staatsbeamte gemeinsam lernen, Schule zu entwickeln. Ähnliche Akademien arbeiten bereits erfolgreich in Großbritannien und Österreich.
Ein völlig neues Profil entsteht: Schulleiter sollen wie Unternehmer handeln, Strategien für ihre Schule entwickeln, die Leistung ihrer Lehrer überprüfen.
Früher bestand die Aufgabe des Direktors darin, überspitzt gesagt, die Abiturrede zu halten und die Stundenpläne zu organisieren. "Heute muss ich kommunizieren, Teams motivieren und moderieren", sagt Schulleiter Kretschmer. Als er die Chance bekam, für seine Schule ein eigenes Budget zu verwalten, griff er zu - als einziger Rektor in Hildesheim. "Viele wollen die Verantwortung nicht." Von den rund 75.000 Euro pro Jahr kann er Büromöbel oder Lehrmittel wie Tafeln kaufen, Lehrer davon bezahlen darf er aber nicht. Für die meisten Lehrer ist der Schulleiterposten ein undankbarer Job: zu viel Verwaltungsarbeit, kaum Geld für die Mehrarbeit an Grund- und Hauptschulen. Tausende deutsche Schulen haben derzeit keinen Chef.
Schulleiter Heinz Klein von der Martin-Luther-King-Schule in Köln wundert das nicht. Er fordert: "Gebt uns mehr Freiheiten." An seiner Hauptschule entschied er vor sieben Jahren: "Keiner bleibt mehr sitzen." Fünfer-Kandidaten schickt er in Förderkurse am Nachmittag. Heinz Klein möchte seine Lehrer selbst aussuchen können - und notfalls entlassen dürfen. "Es geht nicht darum, sich als Boss aufzuspielen", sagt er. "Wir müssen Schule besser machen: für unsere Kinder!"
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 44/2008