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22. März 2005, 16:30 Uhr

Ich Mann, du Frau

Szene aus "Tarzan, der Affenmensch" mit Johnny Weissmuller und Maureen O'Sullivan, 1932© AKG

In Pulheim bei Köln und in Dessau soll in Zukunft mit finanzieller Unterstützung des Bundesbauministeriums geschlechtergerecht gebaut werden. Knapp 300 000 Euro spendiert Bau- und Verkehrsminister Manfred Stolpe für die wissenschaftliche Begleitung des Pilotprojektes "Gender Mainstreaming im Städtebau". Gut angelegtes Geld, findet Staatssekretär Tilo Braune: "Städte sollen für Frauen und Männer, für Mädchen und Jungen gleichermaßen zu attraktiven Lebensräumen werden." Fragt sich, für wen Städte bisher gebaut wurden.

In Pulheim, wo der Stadtgarten geschlechtergerecht umgestaltet werden soll, hat die Stadt 205 Bürger befragt, was sie sich davon erhoffen. Ergebnis: "Nicht genutzt wurde der Stadtgarten vor allem deshalb, weil er nicht bekannt war." Außerdem wissen die Planer jetzt, dass der Park "den Mädchen besser gefällt als den Jungen, die ihn eher langweilig finden". Vier Monate dauerte die Auswertung der Fragebogen. Sie kann aber, weil sie "keine repräsentativen Aussagen enthält ... die fehlende Bestandsanalyse nicht ersetzen". Die soll nun folgen. Ist ja genug Geld da.

Rund sieben Millionen Euro hat die Bundesregierung bisher vergendert, nicht gerechnet die Personalkosten, die anfallen, wenn Staatsdiener in "Pilotprojekten" und "Sensibilisierungsveranstaltungen" Gender Mainstreaming üben. "Eine Aufschlüsselung dieser Kosten ist nicht möglich", heißt es in der Antwort der Bundesregierung auf die Anfrage des Abgeordneten Wissing. "Die wissen nicht, wofür sie ihr Geld ausgeben. Und es gibt keine Qualitätskontrolle", schimpft der.

Auch in den Bundesländern ist vom Sparzwang nichts zu spüren, wenn es um die neue Geschlechtergerechtigkeit geht. 2,5 Millionen Euro in drei Jahren lässt sich das strukturschwache Mecklenburg-Vorpommern Gender Mainstreaming kosten. Doch die meisten Bundesländer sind nicht in der Lage, genau zu beziffern, wie viel sie für GM ausgeben. Sie haben "keine detaillierten Informationen" über die Gesamtkosten - so auch das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen.

Dort gibt allein Umweltministerin Bärbel Höhn von den Grünen 50000 Euro für die wissenschaftliche Begleitung eines Pilotprojektes aus, das die geschlechtsspezifischen Unterschiede von Waldbesuchern untersuchen soll. "Frauen und Männer, Mädchen und Jungen haben unterschiedliche Zugänge und Auffassungen zu Wald und seinen Funktionen", haben die Beamten erkannt und schlagen Alarm: "Wer geschlechtsblind ist, trägt unter Umständen zur Verschärfung ökologischer Probleme bei." Die Landtagsabgeordnete Angela Freimuth (FDP) ist erstaunt. "Wir müssen sparen und schließen Jugendeinrichtungen, aber für so was haben wir Geld."

In Hessen stehen "Impulsveranstaltungen" für Kommunalpolitiker auf der Tagesordnung. Jungen spielten lieber Fußball als Mädchen, erklärte die Referentin den verdutzten Mitgliedern des Frankfurter Umweltausschusses. Außerdem wusste die promovierte Soziologin über Gender Mainstreaming auf dem Spielplatz noch zu berichten, dass sich 30,8 Prozent der Mädchen, aber nur 11,1 Prozent der Jungen über Hundekot im Sandkasten aufregen. Verärgert über die "phrasenhaften Aussagen geringsten Niveaus" verließ Markus Frank (CDU) die Sitzung. Richtig sauer ist der Stadtverordnete, seit er weiß, dass der Vortrag 16-mal in verschiedenen Ausschüssen gehalten wurde und die beiden Referenten 7076 Euro Honorar kassierten.

Besonders wichtig ist "Gender Budgeting" - die geschlechtergerechte Verteilung von Steuergeldern. In Berlin haben Verwaltungsbeamte deshalb genau beobachtet, wie oft Männer, Frauen, Jungen und Mädchen in die Stadtbibliotheken gehen. Im östlichen Lichtenberg leihen 59,5 Prozent Frauen und Mädchen Bücher aus, aber nur 40,5 Prozent Männer und Jungen. Umgerechnet bedeutet das: 1050509 Euro des Etats kommen dem weiblichen Geschlecht, aber nur 715959 Euro dem männlichen zugute. Als genderpolitische Lösung haben Neuköllner Bibliothekare eine Wand mit "Jungen-und-Männer-Literatur" aufgestellt.

Im schleswig-holsteinischen Friedrichstadt trat die gesamte Rathausbelegschaft zum Gender-Kurs an. "Alle Menschen sind entweder Männer oder Frauen - richtig oder nicht?", fragte die Referentin mit todernster Miene im Ratssaal. Laut "Veranstaltungskonzept" war das "die Sensibilisierungsphase", die "der Bewusstwerdung der eigenen Geschlechtlichkeit" dienen sollte. 1200 Euro kassierte die promovierte Geografin für ihre zweitägigen Übungen. "War alles nicht neu", lästerte der Personalratsvorsitzende gegenüber der "taz". Zweifel am Sinn solcher "Pilotprojekte" und "Sensibilisierungsveranstaltungen" wischt eine Sprecherin des Bundesfamilienministeriums beiseite. Warum die Feststellung, Frauen und Männer hätten "unterschiedliche Fortpflanzungsorgane", lächerlich sein soll, versteht sie nicht. Und den Hinweis, dass über einen Behördenbrief die Anrede "sehr geehrte Damen und Herren" gehört, findet sie "durchaus angebracht. Wir stehen zu den Formulierungen".

Im Bundesbauministerium dagegen keimen offenbar erste Zweifel. "Gender Mainstreaming", steht in einer Broschüre über den geschlechtergerechten Städtebau, "ist kein einfaches Unterfangen." Wie ein leiser Seufzer liest sich das Fazit: "Nicht von ungefähr wurde Gender Mainstreaming auch schon mit der Frage umschrieben: ,Wie nagelt man den Pudding an die Wand?""

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 12/2005

Kerstin Schneider
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