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22. Dezember 2007, 12:35 Uhr

Die Mutter, die ihre fünf Söhne tötete

Erst mit Schlafmitteln betäubt, dann mit einer Tüte erstickt: Justin wurde neun Jahre alt

Kaum jemand weiß, wo sie herkommt, welches Leben sie führte, sie ist eine Frau ohne Vergangenheit, jedenfalls erzählt sie fast nichts davon. Einen Bruder habe sie gehabt, den sie sehr geliebt habe, aber der sei gestorben, die Mutter wohne in der Nähe, von einem Vater ist nie die Rede. Keiner der wenigen Freunde und Bekannten weiß, dass sie ursprünglich aus der DDR stammt, aus Halle-Neustadt. Die alten Schulkameraden in Sachsen-Anhalt wiederum erinnern sich kaum noch an sie, das Mädchen aus Block 943, Plattenbau. Eine Einzelgängerin sei sie gewesen, die oft nicht mal gegrüßt habe, irgendwie unheimlich, seltsam. Eines Tages sei sie dann weg gewesen, noch vor der Wende, mit zwölf, wohl in den Westen, keine Ahnung wohin, kein Kontakt mehr. Wo andere eine Biografie haben, von der sie erzählen oder die sie weiterleben, scheint bei Steffi nur ein schwarzes Loch zu klaffen.

Liams Diagnose bestätigt sich

Aber sie hinterlässt auf putzigen Katzenseiten "Schöne Grüße von Steffi und der Rasselbande". Zu Hause rasselt es nicht. Es knallt. Die Diagnose der Ärzte bestätigt sich: Er ist Autist. Liam sitzt stundenlang nur da, wippt mit dem Oberkörper vor und zurück, er will nicht sprechen, fängt sogar an, den Kopf gegen die Wand zu schlagen, immer wieder. Er spürt keinen Schmerz. Er reißt die Tapete von der Wand, zerstört jedes Spielzeug. Bis zu 20- mal müssen die Eltern nachts aufstehen, weil das Krachen des Kopfes gegen die gepolsterte Wand klingt wie ein Vorschlaghammer. Oft gehen sie nachts mit Liam spazieren, damit die anderen Mieter im Haus etwas Ruhe haben. Und die Mieter beschweren sich.

Wir sind überlastet, klagt Michael bei den Freunden, in deren Küche er immer öfter sitzt. Steffi schreibt ihre Sorgen lieber ins Internet. Sie bittet um Unterstützung für eine Delfintherapie, sogar an die Michael- Jackson-Stiftung wendet sie sich. Sie sucht ein Netz im Netz, das sie auffängt. Aber sie selbst verheddert sich langsam. Eines Tages sagt Michael bei den Nachbarn in der Küche, er habe Angst, den Kindern könnte etwas passieren, "denn die Steffi, die ist nicht ganz richtig im Kopf ". Mehr sagt er nicht. Und die Freunde fragen erst einmal nicht nach. Liam hat ein gewaltiges Käfigbett bekommen, das aussieht wie eine Zelle. 80 Zentimeter auf zwei Meter, dicke Holzstäbe, die bis zur Decke reichen, vorn wird der Käfig versperrt durch ein starkes Magnetschloss. Da sitzt der Junge und schlägt den Kopf immer wieder gegen die gepolsterten Gitterstäbe, die alles aushalten. Die Ehe seiner Eltern hingegen beginnt auseinanderzubrechen.

Sie sind aus der Kellerwohnung gezogen, hoch in den ersten Stock. Einer Freundin hatte Steffi erzählt, sie habe sich sterilisieren lassen, vier Kinder, eines behindert, alle mit Sprachstörungen, das sei mehr als genug, aber dann wurde sie wieder schwanger mit Aidan Elias, dem fünften Sohn. Sie sind jetzt zu siebt. Michael versucht zu arbeiten, eigenes Geld zu verdienen. Er nimmt einen Ein- Euro-Job an, bei einer Firma, die alte Möbel wieder herrichtet, ein fleißiger Typ, umgänglich, zuverlässig, sagen die Kollegen. Aber er erzählt ihnen auch, dass seine Frau ihm mit der Scheidung gedroht habe, als er den Job angenommen hatte, und dass sie ständig vor dem Computer sitze.

Steffi überlässt die Familie mehr und mehr dem Vater

Steffi ist fortan viel allein unterwegs, wenn die Kinder in der Schule oder im Kindergarten sind und Liam in dem integrativen Kindergarten. Sie fährt mit dem Taxi die wenigen Kilometer nach Preetz, geht ins Schwimmbad, ins Kino. Auch als Michael nicht mehr arbeitet. Sie flieht immer mehr, die Last liegt immer mehr auf Michael. Und sie ist wieder unsterblich verliebt. Tobi heißt er, Tobi, der Taxifahrer, den sie immer bestellt, aber Tobi will nichts von ihr wissen. Ein halbes Jahr lang ist sie hinter ihm her, stellt ihm sogar Pizza und Wein vor die Tür. Aber er will sie nicht. Ihr Leben bleibt ihr altes, Liam und die vier Brüder, Michael, einsame Kinobesuche, das Internet, das Hämmern an der Wand, 20-mal in der Nacht.

Steffis Geschichten werden immer seltsamer. Sie erzählt, dass Jonas, ihr zweiter Sohn, die Folge einer Vergewaltigung sei, aber zu ihrem Ex-Partner - und angeblichen Vergewaltiger - hat sie ein freundschaftliches Verhältnis. Sie behauptet, dass Michael schwul sei und sie und Tobi ein Paar. Immer öfter sitzt Michael bei den Nachbarn und weint sich aus. Steffi hat nun das Spirituelle für sich entdeckt, und das bereitet ihm Sorge. Sie entschlüsselt Bekannten mit kabbalistischen Zahlenspielen Charaktereigenschaften. Etwas wichtigtuerisch mutet die Freunde das an und seltsam, klar, aber was ist nicht seltsam an ihr? Doch die Fähigkeiten, die Steffi nun an sich entdeckt, werden immer mehr. Sie legt Tarotkarten und blickt in die Zukunft. Sie pendelt und erhält Botschaften aus dem Jenseits. Schließlich hört sie auch Stimmen. "Ich sage dir deine Zukunft voraus", erklärt sie einer Bekannten. "Ich sage dir, wie lange du lebst, wie lange deine Kinder leben." Und: "Dein toter Bruder hat zu mir Kontakt aufgenommen. Er lässt dich grüßen." Es ist nicht mehr nur seltsam, sondern auch unheimlich. Die Bekannten fangen an, ihr aus dem Weg zu gehen.

Michaels Angst wächst

Aber sie hat ihre eigene Welt. Im Internet, wo sie esoterischen Rat und Weisheiten findet, wo viele Menschen sonderbare Mächte beschreiben und wo man in mystischen Rollenspielen zu dem Wesen werden kann, das man sein will. Steffi wird im Netz nun zu Patricia Celean. Celean, wie die schwarze Schwänin aus dem Onlinespiel Epic-Quest, Meisterin der Trauer und des Todes, Tochter von Yaia und Éor. Michaels Angst wächst. Im Sommer 2006 bringt er Steffi dazu, sich im Kreiskrankenhaus Preetz untersuchen zu lassen. Schizophrene Psychose, sagen die Ärzte. Schizophrenie ist eine schillernde Krankheit. Der Inbegriff dessen, was man landläufig verrückt nennt. Ein Prozent der Bevölkerung ist von ihr betroffen, Menschen, die genetisch oder biografisch bedingt besonders verletzlich sind. Wird die psychische Belastung zu groß, kann die Krankheit ausbrechen. Das Gehirn Schizophrener schüttet eine Übermenge des Botenstoffes Dopamin aus, die Umweltreize werden dadurch in einer extremen Intensität wahrgenommen. Aus dieser Reizüberflutung macht sich der überforderte Verstand ein wahnsinniges Bild von der Welt.

Sie muss Psychopharmaka nehmen, sagen die Ärzte, eine Therapie besuchen. Doch sie bricht die Therapie ab, lässt die Medikamente liegen. "Mir geht es gut", sagt sie. "Alles normal." Michael sagt: "Sie hat einen Vollknall. Ich habe Angst, es passiert etwas." Liam schlägt weiter mit dem Kopf gegen die Wand, Michael versucht die Kinder zu versorgen, und Steffi verliert sich mehr und mehr. Sie sitzt den ganzen Tag im Schlafzimmer, allein, liest die Zukunft aus den Karten, steht morgens auf, befragt die Karten, und wenn sie ihr bedeuten, sich wieder ins Bett zu legen, dann macht sie das. Aus einem Leben voller Fragen ist eines voller Antworten geworden. Michael nimmt ihr die Karten weg. Sie kauft sich neue. Michael, der gutmütige, gibt es auf. "Wenn ich könnte, wie ich wollte, würde ich einfach die Kinder nehmen und nach Amerika gehen", sagt er den Nachbarn. Er kann nicht, wie er will. Er muss, was er kann. Er kocht, er putzt, er schmiert den Kindern das Pausenbrot, er geht mit ihnen raus zum Spielen, während seine Frau ihre Mächte wachsen spürt.

Die Welt der Schizophrenen ist irrsinnig, aber es gibt immer einen Fixpunkt, von dem aus die Kranken sie in den Wahnsinn verrücken: einen Charakter, eine Lebensgeschichte, Sehnsüchte und Qualen eines Alltags, die den Wahn füttern. Die Kranken können schwer von ihm lassen, denn er erscheint ihnen als absolute Wahrheit. Etwas Prahlerisches hatten ihre Fantasien, sagen Bekannte. Steffi K., die Mutter ohne Schlaf und Nerven, die Frau, die alle für seltsam halten, ist nun eine bedeutende Frau, wenn sie von ihren übersinnlichen Kräften erzählt. Die Waschmaschine der Nachbarn geht kaputt. Ja ja, das habe sie schon vorher gewusst. Ein Wasserschaden bei Freunden. Ja, sie habe schon vorhergesehen, dass dort bald neu gefliest werde. Und ein Buch schreibe sie. Über was? "Über mein Leben, nur noch 50 Seiten fehlen."

"Die Ärzte sagten, es sei eine Erkältung"

"Die Ärzte sagten, es sei eine Erkältung" Im Internet schrieb Steffi K. für ihren autistischen Sohn Liam. Auszüge eines bewegenden Hilferufs

"Hallo, ich bin Liam. Geboren wurde ich vor 18 Monaten … Man sagte Mama und Papa, dass ich einen Herzfehler habe. Zunächst sagte man noch, dass der nicht wirklich gravierend sei. Doch das hat sich mittlerweile als Irrtum herausgestellt. Später sagte man meinen Eltern, dass ich seltsam aussehe und man müsste einen Chromosomentest machen. 3 Wochen später die Nachricht, dass nichts zu finden war. Irrtum Nummer 2. Meine Eltern nahmen mich am 3. Tag mit nach Hause und waren ganz stolz (und sind es noch immer). Als ich zu Hause ankam, konnte ich nicht schlafen, weil meine Nase immer so zugeschwollen war. Die Ärzte sagten, es sei eine Erkältung, meine Eltern sollten mich wärmer anziehen. Irrtum Nummer 3. Ich wurde größer, und ich wollte nicht angefasst werden und jemanden anlachen. Die Ärzte sagten zu meinen Eltern: 'Machen Sie sich keine Sorgen, er ist einfach nur ein ernstes Kind!' - Irrtum Nummer 4. Meine Eltern liefen mit mir von einem Arzt zum anderen. Nach 13 Monaten hat man dann zum ersten Mal bemerkt, dass ich nicht hören kann. (…) Mittlerweile musste man feststellen, dass mein Herzfehler doch nicht so harmlos ist, er muss zu 90 % operiert werden. (…) Meine Mama hat im Internet rauf und runter gewühlt, um Informationen zu bekommen, und sie ist auf etwas gestossen, das plötzlich alles erklärte … Es nennt sich VCFS … und ist ein Chromosomendefekt. (…) Es wird auch vermutet, dass ich ein Autist bin. Wenn ich traurig bin oder Schmerzen habe, dann verletze ich mich selbst, indem ich den Kopf an etwas Hartes haue. (…) Wir wissen nicht, was wegen dem Chromosomendefekt auf uns zukommen wird, denn es gibt viele Erkrankungen, die ich noch bekommen könnte … aber wir wollen nur an das Beste glauben und uns um das kümmern, was ich zur Zeit habe."

 
 
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