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31. Januar 2006, 17:06 Uhr

Deutschlands beste Schule gesucht

Jenaplan-Schule in Jena: Hier bleiben die Schüler von der Vorschule bis zum Abitur. Peter, 18 (r.), ist seit 15 Jahren auf der Schule, seine Schwester Karolin, 4 (in Rosa), fängt gerade erst an© Nele Martensen

Denn er hat Zeit für sie. An der Max-Brauer-Schule haben die Kinder vier Tage in der Woche bis 16 Uhr Unterricht. Während der langen Pause ab 12.30 Uhr bekommen sie Mittagessen. "Ich merke gar nicht, wie schnell der Tag vergeht, weil die Schule so viel Spaß macht", sagt Nele, 10, aus der 5 b. Auch Lehrer Knop hat mehr Spaß an seinem Job - auch wenn er länger arbeitet als früher. Seine 53 Jahre sieht man ihm nicht an, er wartet nicht auf den Ruhestand. "Diese neue Form des Unterrichts gibt mir neue Energie", sagt er.

Nur für knapp elf Prozent aller Schüler in Deutschland gibt es nachmittags an ihrer Schule ein Angebot. Damit es mehr werden, stellt der Bund bis 2007 vier Milliarden Euro zur Verfügung. Doch das Geld darf nur für Bau und Ausstattung verwendet werden. Eine Cafeteria macht aus einer Schule noch keine Ganztagsschule. Dazu braucht man Personal - bis zu 30 Prozent mehr als an üblichen Schulen. Die Kosten dafür müssen die Länder selbst tragen. An der Max-Brauer-Schule bieten deshalb Eltern und freiwillige Experten Geigenunterricht oder Sportklettern an.

Früher wusste Lehrer Knop nicht, wie viel von dem Stoff bei seinen Schülern ankommt, jetzt sieht er es genau. Ihre Fortschritte werden auf "Kompetenzrastern" festgehalten, die auf den Lehrplänen für Deutsch, Mathe und Englisch basieren. Auf den Zetteln ist im Detail beschrieben, was ein Schüler im Laufe eines Schulhalbjahres lernen soll. Bei Mathe steht beispielsweise zum Thema Zahlen: "Ich kenne mich mit großen Zahlen und Stellenwertsystemen aus." In Deutsch heißt ein Ziel für Grammatik: "Ich kann Nomen, Verben und Adjektive unterscheiden und kurze, einfache Sätze bilden." Für jede Aufgabe gibt es einen grünen Punkt. Ist das Feld abgearbeitet, gibt es einen dicken roten Punkt. Darjusch hat viele rote Punkte. Der Zehnjährige ist ein Mathe-Ass, er hat im ersten Halbjahr schon fast den Stoff der fünften Klasse gelernt. Dafür muss er sich im zweiten Halbjahr mehr um Deutsch kümmern.

Darjuschs Vater kommt aus dem Iran. Sieben von 22 Kindern der 5 b haben Eltern, die nicht aus Deutschland stammen. Die Max-Brauer-Schule liegt in Hamburg-Altona, nicht die allerbeste Adresse der Hansestadt: ein Stadtteil mit vielen Ausländern und Arbeitslosen. Für 30 Prozent der 1222 Schüler ist Deutsch nicht die Muttersprache. Hier sitzt eine Arzttochter neben dem Sohn einer Flüchtlingsfamilie. Schulleiterin Barbara Riekmann findet das gut. "Diese Vielfalt ist eine Bereicherung."

Ohle, 11, braucht mal eine Pause von den anderen, er zieht sich zum Arbeiten in die Leseecke des Klassenzimmers zurück© Nele Martensen

Auch in andere Schulen kommt Bewegung. Vorbild für viele ist die Jenaplan-Schule. An der Reformschule in Thüringen lernen und leben Kinder von der Vorschule bis zum Abitur. In drei Kategorien des Deutschen Schulpreises ist sie vorbildlich: mit ihrem besonderen Klima, mit dem Gemeinsinn der Schüler und bei ihrer Leistung. In Jena machen Schüler Abitur, die an einer anderen Schule überhaupt keinen Abschluss geschafft hätten.

Ebenfalls preisverdächtig: die katholische Grund- und Hauptschule St. Martin am Bodensee. Seit mehr als 30 Jahren verbessern die Lehrer gezielt ihren Unterricht, stimmen ihn individuell auf jedes Kind ab. Schon die ganz Kleinen lernen in der Grundschule freie Stillarbeit: Sie wählen ihr Thema frei und bekommen die Zeit, die sie für ihre Aufgabe brauchen.

Renate Stiebing, Leiterin des Leibniz-Gymnasiums in Offenbach, steht mit ihren Ideen zur Veränderung am Anfang. Auch sie will raus aus dem 45-Minuten-Takt. Bereits in der fünften Klasse beginnt sie mit Methodentraining: Wie lernt man? Wie hält man ein gutes Referat?

Auch Schulen wie das Leibniz-Gymnasium, die noch nicht so viele Erfolge vorweisen können wie die Max-Brauer-Schule, die Jenaplan-Schule oder die Bodenseeschule, haben Chancen beim Deutschen Schulpreis. "Wir wollen Schulen auszeichnen, die sich auf den Weg gemacht haben", sagt Ingrid Hamm von der Bosch Stiftung. Nicht der einmal erreichte Status entscheidet über die Vergabe, sondern auch die Ausgangslage der Schule: Welche Hürden musste sie auf dem Weg zu einer besseren Schule überwinden?

Beim Schulzentrum Koblenzer Straße in Bremen sind die Probleme gigantisch. Die Schule für Gymnasiasten, Haupt- und Realschüler liegt im Bremer Stadtteil Tenever, wegen der Hochhäuser auch "Klein-Manhattan" genannt. 75 Prozent der Schüler sind Ausländer. Schulleiter Gerd Menkens sagt: "Wir müssen handeln. Sofort!" Nicht nur das Gebäude - ein Betonklotz - will er sanieren, sondern gleich die ganze Struktur.

Gute Schulen nützen allen: Schülern, Eltern, Lehrern - und der Gesellschaft. Die kann es sich nicht mehr leisten, wie bisher im internationalen Vergleich nur mittelmäßige Absolventen zu produzieren, von denen 20 Prozent nicht ausreichend lesen und schreiben können. Denn sie braucht Steuerzahler. Und die deutsche Wirtschaft braucht mehr Fachkräfte - bei schrumpfender Kinderzahl. Derzeit gehen 12,5 Millionen zur Schule, bis 2015 wird die Zahl auf 10,8 Millionen zurückgehen, prognostiziert die Kultusministerkonferenz. "Wollen wir den Wandel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft gestalten, müssen wir massiv in Bildung investieren", sagt Ingrid Hamm. "Die nächste Generation muss die gebildetste werden, die Deutschland je hatte."

Der Schulpreis stößt auch den Wettbewerb im Schulsystem an. Für viele Lehrer ist das ungewohnt und neu. Aber auch die Schulen dürfen nicht stehen bleiben. Sie müssen Antworten finden auf die Fragen der Eltern. Und die werden in Zukunft noch eine weitere stellen: Warum kann die Max-Brauer-Schule sich so positiv verändern - und warum geht das an unserer Schule nicht?

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 6/2006

Bewerbungen Bewerbungsunterlagen können Sie auch hier, bei der Robert-Bosch-Stiftung, herunterladen.

Catrin Boldebuck
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