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1. September 2007, 08:53 Uhr

Die neue Klassengesellschaft

Plackerei statt baden: Patrick Strankowski (Mitte) trainiert achtmal die Woche, auch bei größter Hitze© Anne Schönharting

Der wichtigste Grund für den Auszug der Mittelschicht - nach der Sorge um die Kinder - ist das, was Sozialforscher die "Kultur im öffentlichen Raum" nennen. Wie sieht es auf der Straße aus, auf den Plätzen? Muss ich aus Furcht immer mal die Straßenseite wechseln? Wenn die Klingelschilder regelmäßig vollgeschmiert werden, wenn der Müll stinkt, wenn der Supermarkt um die Ecke zwei Regale Tiernahrung und zwei Regale Alkoholika anbietet, die Frischeabteilung aber aus einem Eimer fauligem Wasser besteht, in dem ein paar glitschige Bunde Petersilie dümpeln, dann nur noch eins: den Möbelwagen. Die Sorgen um die Schulbildung der Kinder und die Kultur der Nachbarschaft führen also zu einer wachsenden Spaltung der Gesellschaft. Üblich sind jedoch völlig andere Erklärungen:

Erstens: Zu viele Migranten stören das Gleichgewicht. Widerspruch. Im Türkenpfuhl ist das Miteinander vorbildlich, obwohl die Hälfte der Bewohner nicht deutscher Herkunft ist. Sie fühlen sich ihren Nachbarn näher als ihren jeweiligen Landsleuten in den Unterschichtsghettos. Die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht ist also viel prägender als die Herkunft aus einem Land.

Zweitens: Die Einkommensunterschiede sind der Spaltpilz der Gesellschaft. Widerspruch. Annette Weber-Vinkeloe ist nicht umgezogen, weil ihre Nachbarn wenig Geld haben. Anstand ist nicht abhängig vom Kontostand. Viele Menschen mit schmalem Portemonnaie haben keine Probleme mit der Müllentsorgung und erziehen ihre Kinder verantwortungsvoll. Doch Einkommensunterschiede sind die bequeme Universalerklärung für alle Probleme der Gesellschaft, insbesondere für deren Spaltung. "Ich glaube aber, dass sich die Gesellschaft stärker nach kulturellen Kriterien gruppiert als nach ökonomischen", sagt der Soziologe Häußermann.

Die Klassenfrage ist heute keine Geldfrage mehr. Es ist eine kulturelle Angelegenheit. Oberschicht, Mittelschicht, Unterschicht, Klassenfrage - das klingt nach angegammelter Gewerkschaftsrhetorik einerseits und gleichzeitig nach Dünkel und Hochnäsigkeit. Hatten wir in Deutschland nicht das Denken in diesen Kategorien überwunden? In Frankreich, England oder in den USA ist das Bewusstsein für Klassenunterschiede ein alltäglicher Begleiter der Menschen. Bei uns nicht. Warum?

Bis zum Faschismus war Deutschland eine Klassengesellschaft wie die anderen in Europa. Dann brachten die Nazis einen Teil der Eliten um oder vertrieben sie. Außerdem etablierten sie durch die Partei völlig neue Aufstiegsmechanismen. Nach dem Faschismus waren die übrig gebliebenen Eliten diskreditiert. Die DDR versuchte sich an der klassenlosen Gesellschaft. Im Westen entwickelte sich das, was der Soziologe Helmut Schelsky die "nivellierte Mittelstandsgesellschaft" nannte. In der Utopie der DDR waren alle Arbeiter und Bauern. Die Utopie der Bundesrepublik kannte nur die Mittelschicht. Die meisten Deutschen sind also mit nur einem geringen Bewusstsein für Standesunterschiede aufgewachsen. Seit einigen Jahren ändert sich das. Die Unterschiede werden stärker wahrgenommen. Womöglich ist Deutschland auf dem Weg zurück zur europäischen Klassengesellschaft.

Das Merkmal, nach dem sortiert wird, heißt jedoch nicht: Du bist, was du hast. Es sind die alten Klassensignale: Du bist, was du isst: In der Mittelschicht wird gesunde Ernährung zur Statusfrage. In den Aufsteigervierteln eröffnet ein Biomarkt nach dem anderen. Fastfood dagegen entwickelt sich zur Hauptnahrung der Unterschicht. Du bist, was du anziehst: Kleidung, Marken, Farben, aber auch Frisuren, Tattoos oder Piercings haben eine enorme Signalwirkung. Generell gilt: Die Mittelschicht mag es unauffälliger. Die Unterschicht steht auf "starke Reize".

Du bist, wie du sprichst: In England ist der Akzent eines der stärksten Klassenmerkmale. Auch in Deutschland gilt: Wer kein korrektes Hochdeutsch spricht, egal, ob Migrant oder Einheimischer, für den bleibt der Weg nach oben versperrt. Du bist, was du glotzt: Die Gesellschaft sortiert sich immer stärker nach den Medienwelten, in denen man lebt. In vielen "bildungsfernen" Haushalten sind auf der Fernbedienung im einstelligen Bereich keine öffentlich-rechtlichen Sender gespeichert. Die besser Gebildeten schauen nicht nur andere Sender, sie lesen auch. Du bist, was du weißt: Das wichtigste Merkmal ist die Bildung. Die Wissensgesellschaft teilt die Menschen zuallererst danach ein, was sie gelernt haben.

Einer der schärfsten Spiegel der Gesellschaft ist der Sport. Über Generationen waren Sportvereine Orte, an denen sich Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft begegneten. Doch Wissenschaftler beobachten, wie sich die Unterschicht von den Sportplätzen zurückzieht. Aufs heimische Sofa. Der Soziologe Markus Friederici, der an der Universität Hamburg über Sportvereine forscht, sagt: "Insbesondere im Fußball beobachten wir, dass die Lust abnimmt, mit oder auch gegen Leute zu spielen, die aus einem anderen sozialen oder kulturellen Milieu stammen."

Die Jungs aus den Vereinen der besseren Viertel beschweren sich, dass die Rabauken aus den Ghetto-Klubs brutal einsteigen oder nie zugeben, wenn sie den Ball zur Ecke berührt haben. Auf Fußballplätzen gibt es jedes Wochenende Hauereien. In der Mittelschicht wird darum Hockey immer beliebter. Es gibt Sportarten für jedes Milieu: Wenn die Unterschicht sich überhaupt bewegt, dann spielt sie Fußball, boxt oder ringt. In der Leichtathletik, beim Turnen, im Volleyball oder beim Schwimmen bleiben Gymnasiasten oder Erwachsene mit Abitur unter sich.

"Los, Jungs, nicht nachlassen, jetzt noch mal beißen!" Mitten in Neukölln, auf dem Teltowkanal, tuckert ein kleines Motorboot. Der Mann am Steuer ist ein Trainer der Rudergesellschaft Wiking. Er hält sich das Mikro eines Megafones vor den Mund. Seine Anweisungen brüllt er Kerlen in einem Vierer ohne Steuermann zu. Gnadenlos brennt die Sonne. Männerschweiß rinnt ins Boot. Seit über einer Stunde pullen die vier 18-Jährigen im Grenzbereich. In ihren Ohren rauscht das Blut. Ihre Oberschenkel fühlen sich an, als würden sie gleich platzen. "Jetzt noch mal volle Konzentration!", scheppert es aus dem Lautsprecher. "Und eins, zwei, drei …" Dies ist bereits die zweite Trainingseinheit des Tages. Die erste, am frühen Morgen, war noch länger und noch härter. Ein ganz normaler Samstag.

Seit mehr als 100 Jahren entdeckt der Traditionsverein Wiking Talente und führt sie zu Meistertiteln. Der Vierer quält sich für die deutschen Jugendmeisterschaften. An zweiter Position rudert Patrick Strankowski. Der Modell-Athlet ist für den Verein etwas ganz Besonderes. Denn Patrick kommt aus der Nachbarschaft, aus einer der elenderen Straßen Neuköllns. Und er ist ein Berliner mit "Migrationshintergrund". Seine Eltern sind aus Polen eingewandert. Damit ist Patrick seit vielen Jahren der erste Junge aus den Unterschichtsquartieren und der einzige Junge nicht deutscher Herkunft im Klub, aus dem ein richtiger Ruderer geworden ist. "Als ich angefangen habe, war ich 13. In der Schule lief es nicht so gut, und ich war, na ja, ziemlich moppelig", erzählt Patrick.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 35/2007

 
 
KOMMENTARE (10 von 30)
 
H.P. (04.09.2007, 09:16 Uhr)
es öffentlich zeigen.
Kalox (2.9.2007, 9:39 Uhr)
auf den dieses Gesindel stolz ist.
Eine Gesellschaft formt diese Menschen, es ist also auch ein Gesellschaftsproblem, wie gesagt, wer Menschen bewusst aus grenzt, sie als Gesindel bezeichnet, ihnen kaum eine Chance gibt, kann nichts anderes erwarten. Wie viele Menschen die in der Oberschicht leben sind schlimmer als die, die sich auf der Straße schlecht benehmen und es öffentlich zeigen.
Filapensill (04.09.2007, 01:47 Uhr)
Wegziehen...
...als langjähriger Einwohner Kreuzbergs kann ich bestätigen, dass einige alte Bekannte hier weggezogen sind, zb. ein gut verdienender Freund in die Schweiz, weil er dort viel weniger Steuern zahlen müsse oder andere, ehemalige Hausbesetzer, denen nun doch mehr die Gemütlichkeit eines bürgerlichen Viertels gefällt, inklusive strenger Hausordnung und engem Kontakt zu den Nachbarn. Keiner dieser Menschen sagte aber, ich will hier weg, weil ich jetzt ein Spießer bin oder sein möchte oder weil ich inzwischen soviel verdiene, dass mir hier unwohl ist. Dabei wäre das meiner Ansicht nach durchaus legitim. Ein Kreuzberger Galerist sagte vor Jahren in der Presse: "Ich ziehe hier weg wegen den Drogensüchtigen." Nun lungerten diese weder vor seiner Galerie herum, noch brachen sie jeh bei ihm ein. Er wollte sich in der Galerienmeile Berlin-Mitte nur ein bißchen bei en anderen einschleimen. Ich glaube deshalb, dass die Gründe des Wegzugs oft viel banaler sind. Kreuzberg ist tatsächlich für viele, die anderswo nicht reinpassen, eine echte Wohltat. Die Menschen, die hier verächtlich von "Gutmenschen" sprechen, möchte ich jedenfalls in ihrer oft rassistischen, aggressiven, intoleranten Gesinnung nicht als Nachbarn haben. Sie leben tatsächlich in einer Parallelkultur -zu meiner. Vor diesen Menschen bin ich vor 30 Jahren aus der Provinz geflüchtet.
Garnet (03.09.2007, 10:49 Uhr)
Was soll das?
Eine Klassengesellschaft gab es in Deutschland schon immer. Das hat nichts mit der Globalisierung oder Hartz 4 zu tun. Schade das die Diskussionen immer so entgleisen. Ewig am Thema vorbei. Es hilft nicht zu versuchen die Schuld fuer das versagen einer Bevoelkerungsgruppe bei anderen zu suchen ausser der Politik. Das Sozialgewimmere geht wirklich auf den Nerv. Es gibt diese Randgruppen ueberall, in jedem Land. Kalox sagt das richtige. Die Erziehungsfehler, Eltern welche keine sind, antiautoritaere Erziehung, Leistungsverweigerung, Faulheit, das Sozilae Netz ab Absicherung und ein versagen des Schulsystems haben die Situation weiter verschaerft. Ich setze dem ganzen noch einen drauf und habe meinen Sohn in Kanada zur High School geschickt und in Australien zur Universitaet. Mir ist nur ein Wohnortwechsel nicht genug.
sternHERZ (03.09.2007, 04:58 Uhr)
RE: german by nature
nur weil Sie aus Ihrem braunen Dorf in Meck-Pomm oder sonst wo noch nicht rausgekommen sind, setzen Sie bitte nicht Ihre Umgebung mit Gesamt Deutschland gleich. Wahrscheinlich schieben Sie nur Frust weil Ihr Nachbar einen grösseren Heckspoiler als Ihr VW Jetta hat und sich zwei Bier mehr an der Tanke leisten kann.
German_by_nature (02.09.2007, 20:36 Uhr)
http://www.no-go-fuer-deutsche.de
Die Zustände in Berlin sind schon überall Realität ... aber schön das der Herr Gutmensch mir verbieten möchte dieses anzusprechen. Ein Zeichen ihrer Toleranz? Wohl eher kaum. Eher ein Zeichen ihrer verbissenen realitätsfernen Liberalität ...
Schrdro (02.09.2007, 19:25 Uhr)
Rücksichtlosigkeit und Schicht
Zum Hundedreckproblem kann ich allerdings aus leidvoller Erfahrung nur sagen, dass es keineswegs immer die Unterschichtsangehörigen sind, sondern durchaus auch gutsituierte Leute, die ihre Köter fortgesetzt vor anderer Leute Tür sch...en lassen. Ähnliches gilt für das Rasen vor Kindergärten und Schulen usw. Rücksichtslosigkeit ist nicht unbedingt der Frage der sozialen Schicht, da hätte der Artikel m.E. deutlicher machen müssen.
Robert-Ludwig (02.09.2007, 14:09 Uhr)
Nazis
an German_by_nature,
Ihr Intellekt lässt auch auf etwas niedrigen geistigen Bildungsstand schließen, ich hoffe, dass von der Redaktion ihr link 1.Sep 12:14 gelöscht wird, so eine braune Brühe gehört in den Ausguss.
GordonBleu (02.09.2007, 12:40 Uhr)
@german_by_nature
wen genau meinen sie mit "deutschem bodensatz"? mir fallen zu "deutschem bodensatz" spontan die stockbesoffenen, gröhlenden rechten kahlschädel ein, die deutsche tugenden wie mut und tapferkeit immer dann zelebrieren, wenn sie andersdenkenden zahlenmäßig mindestens 10:1 überlegen sind meinen sie die auch?
Diver277 (02.09.2007, 12:40 Uhr)
Solange wir...
Politiker haben und hatten wie RAF-Anwälte Schilly und Ströbele die für alles und jeden Veständniss haben, nur nicht für dei eigene Bevölkerung, braucht man sich über solche Zustände nicht zu wundern. Den Ausländern geht es doch gut bei uns, diw wären doch dumm so ein sorgenfreies Land wie Deutschland den Rücken zu kehren.
German_by_nature (02.09.2007, 11:38 Uhr)
Die Früchte der unkontrollierten Einwanderung
Natürlich gibt es integrierte und angepasste Ausländer, welche ihre Kinder in die richtigen Bahnen bringen und sich selbst in die deutsche Gesellschaft einbringen.
Der Großteil der Ausländer die wir hier "dulden" dürfen sind aber entwurzelt, ungebildet und niemals gewillt oder in der Lage gewesen sich integrieren zu wollen.
Und Ausländer wie die "afrikanischen Dealer" ... warum sagt man eigentlich dealende Neger ... gibt es mittlerweile überall in Deutschland und unsere Gutmenschen tolerieren dieses seit Ende der 80er bzw. frühen 90er . Wir sehen hier die Ergebnisse unserer falschen Politik bzgl Asylanten und Abschiebung.
Das Gleichgewicht kippt, die Gesellschaft verarmt und die deutsche Unterschicht vermischt sich mit den Ausländern, welche auch in ihrer angestammten Heimat nur zum Bodensatz gehören würden.
Die Lösung kann nur eine radikale Abschiebung von kriminellen Ausländern sein Gleiches gilt für langfristig arbeitslose Ausländer bzw. Sozialschmarotzer.
Und auch um den deutschen Bodensatz muss man sich kümmern. Die Kinder sind noch nicht verloren. Hier bedarf es Projekte um den Kindern wieder Werte und Tugenden zu vermitteln. Ihnen eine Ausbildung zu ermöglichen und damit Perspektiven zu zeigen.
Deutschland leidet an einem gesellschaftlichen Wertverfall und die Zeichen sind überall zu erkennen. Die etablierten Parteien haben dunkel-rosafarbene Gutmenschenbrillen angezogen. Predigen immer noch Multikulti und verraten so das deutsche Volk.
Deutschland wach endlich auf aus deiner linksliberalen Lethargie.
Und an die integrierten Ausländer - Respekt - aber wäre es nicht ehrenhafter wenn ihr euer Potential euren Heimatländern geben würdet um diese nach vorne zu bringen.
Alle Nationen und Völker spüren die Globalisierung durch das vaterlandslose Finanzkapital.


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