
Plackerei statt baden: Patrick Strankowski (Mitte) trainiert achtmal die Woche, auch bei größter Hitze© Anne Schönharting
Der wichtigste Grund für den Auszug der Mittelschicht - nach der Sorge um die Kinder - ist das, was Sozialforscher die "Kultur im öffentlichen Raum" nennen. Wie sieht es auf der Straße aus, auf den Plätzen? Muss ich aus Furcht immer mal die Straßenseite wechseln? Wenn die Klingelschilder regelmäßig vollgeschmiert werden, wenn der Müll stinkt, wenn der Supermarkt um die Ecke zwei Regale Tiernahrung und zwei Regale Alkoholika anbietet, die Frischeabteilung aber aus einem Eimer fauligem Wasser besteht, in dem ein paar glitschige Bunde Petersilie dümpeln, dann nur noch eins: den Möbelwagen. Die Sorgen um die Schulbildung der Kinder und die Kultur der Nachbarschaft führen also zu einer wachsenden Spaltung der Gesellschaft. Üblich sind jedoch völlig andere Erklärungen:
Erstens: Zu viele Migranten stören das Gleichgewicht. Widerspruch. Im Türkenpfuhl ist das Miteinander vorbildlich, obwohl die Hälfte der Bewohner nicht deutscher Herkunft ist. Sie fühlen sich ihren Nachbarn näher als ihren jeweiligen Landsleuten in den Unterschichtsghettos. Die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht ist also viel prägender als die Herkunft aus einem Land.
Zweitens: Die Einkommensunterschiede sind der Spaltpilz der Gesellschaft. Widerspruch. Annette Weber-Vinkeloe ist nicht umgezogen, weil ihre Nachbarn wenig Geld haben. Anstand ist nicht abhängig vom Kontostand. Viele Menschen mit schmalem Portemonnaie haben keine Probleme mit der Müllentsorgung und erziehen ihre Kinder verantwortungsvoll. Doch Einkommensunterschiede sind die bequeme Universalerklärung für alle Probleme der Gesellschaft, insbesondere für deren Spaltung. "Ich glaube aber, dass sich die Gesellschaft stärker nach kulturellen Kriterien gruppiert als nach ökonomischen", sagt der Soziologe Häußermann.
Die Klassenfrage ist heute keine Geldfrage mehr. Es ist eine kulturelle Angelegenheit. Oberschicht, Mittelschicht, Unterschicht, Klassenfrage - das klingt nach angegammelter Gewerkschaftsrhetorik einerseits und gleichzeitig nach Dünkel und Hochnäsigkeit. Hatten wir in Deutschland nicht das Denken in diesen Kategorien überwunden? In Frankreich, England oder in den USA ist das Bewusstsein für Klassenunterschiede ein alltäglicher Begleiter der Menschen. Bei uns nicht. Warum?
Bis zum Faschismus war Deutschland eine Klassengesellschaft wie die anderen in Europa. Dann brachten die Nazis einen Teil der Eliten um oder vertrieben sie. Außerdem etablierten sie durch die Partei völlig neue Aufstiegsmechanismen. Nach dem Faschismus waren die übrig gebliebenen Eliten diskreditiert. Die DDR versuchte sich an der klassenlosen Gesellschaft. Im Westen entwickelte sich das, was der Soziologe Helmut Schelsky die "nivellierte Mittelstandsgesellschaft" nannte. In der Utopie der DDR waren alle Arbeiter und Bauern. Die Utopie der Bundesrepublik kannte nur die Mittelschicht. Die meisten Deutschen sind also mit nur einem geringen Bewusstsein für Standesunterschiede aufgewachsen. Seit einigen Jahren ändert sich das. Die Unterschiede werden stärker wahrgenommen. Womöglich ist Deutschland auf dem Weg zurück zur europäischen Klassengesellschaft.
Das Merkmal, nach dem sortiert wird, heißt jedoch nicht: Du bist, was du hast. Es sind die alten Klassensignale: Du bist, was du isst: In der Mittelschicht wird gesunde Ernährung zur Statusfrage. In den Aufsteigervierteln eröffnet ein Biomarkt nach dem anderen. Fastfood dagegen entwickelt sich zur Hauptnahrung der Unterschicht. Du bist, was du anziehst: Kleidung, Marken, Farben, aber auch Frisuren, Tattoos oder Piercings haben eine enorme Signalwirkung. Generell gilt: Die Mittelschicht mag es unauffälliger. Die Unterschicht steht auf "starke Reize".
Du bist, wie du sprichst: In England ist der Akzent eines der stärksten Klassenmerkmale. Auch in Deutschland gilt: Wer kein korrektes Hochdeutsch spricht, egal, ob Migrant oder Einheimischer, für den bleibt der Weg nach oben versperrt. Du bist, was du glotzt: Die Gesellschaft sortiert sich immer stärker nach den Medienwelten, in denen man lebt. In vielen "bildungsfernen" Haushalten sind auf der Fernbedienung im einstelligen Bereich keine öffentlich-rechtlichen Sender gespeichert. Die besser Gebildeten schauen nicht nur andere Sender, sie lesen auch. Du bist, was du weißt: Das wichtigste Merkmal ist die Bildung. Die Wissensgesellschaft teilt die Menschen zuallererst danach ein, was sie gelernt haben.
Einer der schärfsten Spiegel der Gesellschaft ist der Sport. Über Generationen waren Sportvereine Orte, an denen sich Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft begegneten. Doch Wissenschaftler beobachten, wie sich die Unterschicht von den Sportplätzen zurückzieht. Aufs heimische Sofa. Der Soziologe Markus Friederici, der an der Universität Hamburg über Sportvereine forscht, sagt: "Insbesondere im Fußball beobachten wir, dass die Lust abnimmt, mit oder auch gegen Leute zu spielen, die aus einem anderen sozialen oder kulturellen Milieu stammen."
Die Jungs aus den Vereinen der besseren Viertel beschweren sich, dass die Rabauken aus den Ghetto-Klubs brutal einsteigen oder nie zugeben, wenn sie den Ball zur Ecke berührt haben. Auf Fußballplätzen gibt es jedes Wochenende Hauereien. In der Mittelschicht wird darum Hockey immer beliebter. Es gibt Sportarten für jedes Milieu: Wenn die Unterschicht sich überhaupt bewegt, dann spielt sie Fußball, boxt oder ringt. In der Leichtathletik, beim Turnen, im Volleyball oder beim Schwimmen bleiben Gymnasiasten oder Erwachsene mit Abitur unter sich.
"Los, Jungs, nicht nachlassen, jetzt noch mal beißen!" Mitten in Neukölln, auf dem Teltowkanal, tuckert ein kleines Motorboot. Der Mann am Steuer ist ein Trainer der Rudergesellschaft Wiking. Er hält sich das Mikro eines Megafones vor den Mund. Seine Anweisungen brüllt er Kerlen in einem Vierer ohne Steuermann zu. Gnadenlos brennt die Sonne. Männerschweiß rinnt ins Boot. Seit über einer Stunde pullen die vier 18-Jährigen im Grenzbereich. In ihren Ohren rauscht das Blut. Ihre Oberschenkel fühlen sich an, als würden sie gleich platzen. "Jetzt noch mal volle Konzentration!", scheppert es aus dem Lautsprecher. "Und eins, zwei, drei …" Dies ist bereits die zweite Trainingseinheit des Tages. Die erste, am frühen Morgen, war noch länger und noch härter. Ein ganz normaler Samstag.
Seit mehr als 100 Jahren entdeckt der Traditionsverein Wiking Talente und führt sie zu Meistertiteln. Der Vierer quält sich für die deutschen Jugendmeisterschaften. An zweiter Position rudert Patrick Strankowski. Der Modell-Athlet ist für den Verein etwas ganz Besonderes. Denn Patrick kommt aus der Nachbarschaft, aus einer der elenderen Straßen Neuköllns. Und er ist ein Berliner mit "Migrationshintergrund". Seine Eltern sind aus Polen eingewandert. Damit ist Patrick seit vielen Jahren der erste Junge aus den Unterschichtsquartieren und der einzige Junge nicht deutscher Herkunft im Klub, aus dem ein richtiger Ruderer geworden ist. "Als ich angefangen habe, war ich 13. In der Schule lief es nicht so gut, und ich war, na ja, ziemlich moppelig", erzählt Patrick.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 35/2007