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26. November 2009, 06:02 Uhr

Showdown beim ZDF

Brender, ZDF, Koch,

Hessens Ministerpäsident Roland Koch (r.) will Nikolaus Brender nicht länger als ZDF-Chefredakteur. Bundeskanzlerin Angela Merkel soll diese Meinung teilen© Herbert Knosowski/AP

Eine Frage der Glaubwürdigkeit

Die notorischen Optimisten hoffen auf einen Not-Kompromiss: eine Verlängerung für Brender um gute zwei Jahre. Das würde Intendant Schächter aus seinem Dilemma helfen. Und Brender könnte diesem gesichtswahrenden Deal vielleicht zustimmen.

Doch es geht längst nicht mehr um eine Personalie, um Nikolaus Brender. Der genießt ohnehin schon Märtyrerstatus. Es geht auch um mehr als um das ZDF. Weit über den 27. November hinaus geht es um die Frage, ob sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen und seine Journalisten in Zukunft endlich gegen den Durchgriff der Politik wehren können. Es geht um die Glaubwürdigkeit des Fernsehens mit seinem Informationsauftrag. Und damit um die Frage, ob die Zuschauer das erwarten können, was ihnen als Gebührenzahler (insgesamt 7,5 Milliarden jedes Jahr für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk) zusteht: kompetenten, integren, unabhängigen Journalismus. "Es geht um die Demarkationslinie zwischen Journalismus und politischer Macht", mahnt der Journalist Frank Schirrmacher.

Einflussnahme leicht gemacht

Kaum irgendwo sind die Voraussetzungen für staatlichen und parteipolitischen Durchgriff so gut wie beim ZDF - wenn man von Italien mal absieht. Dort ist es noch einfacher: die privaten Sender gehören Ministerpräsident Berlusconi. Die staatlichen Sender kontrolliert er. Beim ZDF entscheidet der Verwaltungsrat über wichtige Personalien, im Falle des Chefredakteurs soll dies einvernehmlich mit dem Intendanten geschehen. So will es der Staatsvertrag des ZDF, und dieser Staatsvertrag sieht auch vor, dass in den Aufsichtsgremien unter anderem Vertreter des Staates sitzen. Unter diesen Vertretern verstehen Politiker allerdings vor allem sich selbst. Seit Jahrzehnten verfilzt das System, man kungelt, was das Zeug hält. Heute sitzen gleich vier aktive Ministerpräsidenten im Verwaltungsrat, dazu ein ehemaliger Ministerpräsident und ein Vertreter der Bundesregierung. Auch Staatssekretär a.D. Willi Hausmann gehört dazu. Der soll Merkels Medienpolitik durchsetzen, heißt es, mit direktem Draht ins Kanzleramt.

Dutzende parteipolitische Strippenzieher tummeln sich im 77-köpfigen Fernsehrat, der über Programmschwerpunkte entscheidet und wiederum Vertreter in den Verwaltungsrat schickt. Ministerpräsidenten suchen ihnen jeweils genehme Vertreter "gesellschaftlicher Gruppen" für den Fernsehrat aus. Dazu werden ihnen Listen vorgelegt, auf denen stehen drei Namen. Davon dürfen sie dann einen aussuchen.

Dabei gibt es nur ein Problem: das Fernsehen soll staatsfern sein. So will es das Grundgesetz. Das unabhängige Fernsehen soll die Mächtigen kontrollieren. Und nicht umgekehrt.

Im Konflikt mit der Verfassung

Der Mainzer Staats- und Medienrechtler Professor Dieter Dörr hat sich die Zusammensetzung der beiden wichtigsten ZDF-Gremien genauer angesehen. Lediglich fünf der 77 Mitglieder im Fernsehrat könnten als wirklich unabhängig bezeichnet werden, meint er, die Vertreter der Kirchen und des Zentralrates der Juden. "Im ZDF droht damit die Gefahr eines dominierenden Einflusses der Parteien und des Staates", so Doerr. "Ich halte die Zusammensetzung des Fernseh - und des Verwaltungsrates für verfassungswidrig." Die Kritik gilt allen Parteien – allen voran CDU/CSU und SPD. Auch die "Roten" verstanden es immer, ihre Parteigänger in Positionen zu hieven.

Die Verfassungsfrage stellen auch 35 Staatsrechtler, die in einem bislang beispiellosen offenen Brief Alarm schlagen: "Es handelt sich um den offenkundigen Versuch, einen unabhängigen Journalisten zu verdrängen und den Einfluss der Parteipolitik zu stärken. Es geht schlicht darum, wer die Macht hat beim ZDF."

Die Politiker haben diese Machtfrage öffentlich gestellt, sie wollen den Durchmarsch. Im Jahr 61 des Bestehens der Bundesrepublik glauben sie immer noch, einen Fernsehsender wie ein kurfürstliches Lehen behandeln zu können. Genau daraus aber ergäbe sich eine Chance: das Verfassungsgericht könnte die Frage der direkten politischen Einflussnahme im ZDF prüfen.

Doch dazu braucht es einen Kläger. Dies könnte etwa eine Landesregierung sein, wie die SPD-Regierung in Rheinland-Pfalz. Ministerpräsident Kurt Beck ist ja immerhin Vorsitzender des ZDF-Verwaltungsrates. Auch ein Drittel aller Bundestagsabgeordneten könnte als Gruppe klagen. Als die Grünen Anfang der Woche eine Aktuelle Stunde zum Thema Brender beantragten, wurden sie erst mal abgebügelt. Aus Zeitgründen sei dies nicht möglich, hieß es offiziell.

Von Katja Gloger
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KOMMENTARE (10 von 35)
 
salz63 (27.11.2009, 21:32 Uhr)
Und der Nachfolger wird:
Franz Josef Jung!

Hat grad nix zu tun und kann gut mit Koch!
JanvanHelsing (27.11.2009, 16:46 Uhr)
ZDF-Chefredakteur Brender muss gehen
16:30 dpa ticker

Berlin - Der Vertrag von ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender wird nicht verlängert. Das hat der ZDF-Verwaltungsrat entschieden. Das sagte der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck in Berlin. Für Brender haben laut Beck sieben der 14 Mitglieder gestimmt, für eine Verlängerung wären neun Stimmen erforderlich gewesen. Brenders Amtszeit läuft damit Ende März 2010 aus. Beck ist Vorsitzender des Verwaltungsrats.
(dpa)
auwei (27.11.2009, 16:42 Uhr)
Müssen wir
...jetzt alle Koch-TV gucken? Kann man dann auch per TED gegen Ausländer und für geheime Vermächtnisse votieren? Ich hoffe, der rüde Roland ärgert sich zumindest ein bisschen über die Negativ-PR, die er sich mit dieser Posse eingehandelt hat. Und ich hoffe, die Dufspur bleibt bis ins Kanzleramt nachverfolgbar. Da dürfte eh gerade dicke Luft herrschen...
SoSuJo (27.11.2009, 16:41 Uhr)
Hat sich schon mal jemand die Mühe gemacht, die Gründe zu überprüfen, mit denen Koch sein Vorgehen rechtfertigt.
Er will Wiederwahl von Brender mit dem Argument verhindern, dass die Quoten vom ZDF insbesondere im Bereich der Nachrichtensendungen gesunken sind.

Ob das wirklich stimmt, sei einmal dahingestellt. Aber selbst wenn, dann kann das nicht das alleinige Kriterium sein, nach dem ein Chefredakteur eines öffentlich-rechtlichen Senders beurteilt wird. Denn: das ZDF hat immer noch einen öffentlichen Auftrag zu erfüllen. Und es steht, zumindest für mich, immer noch für einen Qualitätsjournalismus. Und dieser kann nun einmal nicht mit Quote gemessen werden. Dies sollte eigentlich auch Herrn Koch bewußt sein...

Ich würde den Beteiligten wünschen, dass Schächter den Mut aufbringt, vors Bundesverfassungsgericht zu ziehen und diese Möglichkeit nicht aus Angst vor dem eigenen Job verstreichen lässt.
bayerbienengift (27.11.2009, 16:35 Uhr)
Ich habe die Konsequenzen gezogen
und der GEZ gekündigt. Zu meinen Fernsehzeiten waren die öffentlich rechtlichen das Einzige, was für mich erträglich war. Aber was soll man nun von diesen CDU-Propagandasendern noch erwarten, ausser Verdrehung der Tatsachen, Meinungsmanipulation und politischer Verblödung. Gute Nacht, liebe öff. rech.
GustavMahler (27.11.2009, 16:12 Uhr)
Abducker?
Schächter selbst bietet ein schlechtes Bild. Sollte er es mit der Freiheit ernst meinen, so hätte er im Vorfeld der Wahl signalisieren können, dass er selbst Verfassungsbeschwerde einlegt. Aber sein Posten ist ihm wohl wichtiger.

Jetzt bleiben noch 2 Chanche. Entweder Beck (NRW) wird tätig, oder eine Gemeinschaft aus SPD, Grüne und Linke im Parlament. Ich hoffe, dass jemand im Interesse der Unabhängigkeit tätig wird. Insofern sollte man über seinen örtlichen Parteifürsten oder die Fraktionsvorsitzenden der genannten Parteien per mail Druck machen.

Es kann nicht sein, dass die Poltik die Gesellschaftsordnung in unserem Lande weiter unter Kontrolle nimmt. Ihre Verweigerung bei den Themen Bürgerrechte, Datenschutz und Überwachung ist schon schlimm genug.

Also, liebe Mitbürger. Ihr seid der Souverän, nicht der Unteran.
Pressefreiheit (27.11.2009, 15:34 Uhr)
Presse- und Meinungsfreiheit???!!
Nach Recht und Gesetz geurteilt, müsste zu allererst der Meineid-Ministerpräsident aus Hessen hinter Schloss und Riegel.
Und im Übrigen, wie heißt es so schön im Grundgesetz dem alle Amtsträger per Eid verpflichtet sind: Eine Zensur findet nicht statt.
Schon wieder ein, zumindest geplanter, Meineid der Schwarz-Combo.
emeinung (27.11.2009, 15:19 Uhr)
Warum denn erst jetzt?
Der ÖR-Rundfunk in Deutschland ist nicht staatsfern, wie er immer gerne von sich selbst behauptet, und er ist es nie gewesen. Auch und gerade die SPD hat durch ihre Pöstenchenbesetzung in den verschiedenen Landesrundfunkanstalten und Einkäufe in vielen Printmedien ihr eigenes Sprachrohr geschaffen! Und dann noch Kurt Beck an der Spitze der Rundfunkkommission der Länder (was hat DER da zu suchen?), mit Null Bock, an diesem Abzockersystem etwas zu ändern! Natürlich ist das mit Brender nicht in Ordnung, aber der Protest gegen diesen Filz überhaupt hätte schon viel eher einsetzen müssen.
wohliver (27.11.2009, 15:01 Uhr)
Na und?
Wer ist Herr Brender und warum die ganze Aufregung? In meinem Leben habe ich noch nie von einem Herrn Brender profitiert, auch nicht von der politischen Berichterstattung des ZDF. Die verliert nämlich immer mehr an Seriösität und an Unparteilichkeit sowieso.
Es wird das berichtet was Kohle bringt, was den eigenen Ruf fördert und dabei wird keine Rücksicht auf andere Menschen genommen. Dabei wird von Journalisten alles aufgedeckt, nur nicht die alltäglichen Tricks und Mauscheleien der eigenen Branche. Mein Mitleid mit Herr Brender hält sich in Grenzen.
Außerdem wäre die Situation auch nicht anders, wenn die SPD die Mehrheit hätte in diesem Verwaltungsrat hätte. Dann bliebe Herr Brender eben (aus für die SPD guten Gründe) im Amt.
Und man muss auch mal sagen (weil das in einigen Kommentaren erwähnt wurde): Nicht alle Hessen sind traurig, dass Frau Ypsilanti und die zwiträchtige Hessen-SPD es nicht geschafft haben. Viele hielten sie für inkompetent und darüberhinaus unehrlich und arrogant, was sie ja durch ihr Verhalten auch bewiesen hat.
RudiRastlos (27.11.2009, 14:47 Uhr)
Die Macht geht vom Volk
aus, so sollte es jedenfalls in einer Demokratie sein. Die Realität die sich aber immer wieder zeigt stellt sich in der Art und Weise da das die Macht dem Volk AUSGEHT.......
So mir geht es hier grundsätzlich nicht um Personen sondern um dem Fakt das die Parteipolitik Einfluss in ein Medium nimmt und das schon seit Jahrzehnten das unabhängig sein muss! so steht es in unserer Verfassung da steht unter anderen auch der Satz drin das jeder Bürger ein Recht auf Widerstand hatt wenn er grundlegende Gefahren für diese Unabhänigkeit sieht.......

Zur Zeit sind die Studenten mit Ihren berechtigten Anliegen auf der Strasse da waren sie auch 1968 und dann veränderte sich unsere Republick......

Es würde mal wieder Zeit werden das sich Geschichte wiederholt
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