
Die SPD-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft zweifelt an der Regierungsfähigkeit der Linken© Bernd Thissen/DPA
Die Linken sehen das naturgemäß anders: "Wir wollen einen grundlegenden Politikwechsel, nicht nur einen Regierungswechsel - und so treten wir auf", sagt Wolfgang Zimmermann, Zweiter auf der NRW-Liste. Der schnauzbärtige Gewerkschafter sitzt in dieser nachösterlichen Woche auf dem Podium des Düsseldorfer Seniorenbeirats, Titel der Veranstaltung: "Senioren fragen, Politiker antworten". Alle "großen" Parteien haben Vertreter geschickt, Zimmermann ist der einzige unter ihnen, der keine heimeligen Anekdoten aus seinem Privatleben serviert. "Ich bin 60 Jahre alt, verheiratet und habe eine Tochter, das muss reichen", sagt Zimmermann und redet lieber über Altersarmut, Verteilungsgerechtigkeit und Wohnungsknappheit, über wunde Punkte der Marktwirtschaft, die wohl nur so deutlich benennen kann, wer nicht an sie glaubt. "So isses", murmelt sogar eine Seniorin mit SPD-Kugelschreiber, als Zimmermann über den Pflegenotstand referiert.
Auf Landesebene reagieren die etablierten Parteien gereizt auf die Spitzen der Linken, die permanent alles und jeden angreifen können, weil sie noch nie mitregiert haben und das nach eigenem Bekunden auch "nicht um jeden Preis" wollen. Die Grünen-Spitzenkandidatin Sylvia Löhrmann spricht von einem "politischen Absurdistan", SPD-Frontfrau Hannelore Kraft bescheinigt den Linken, "derzeit nicht regierungsfähig" zu sein. Der Unmut ist verständlich: Die Linken treiben Grüne und SPD vor sich her, ohne in absehbarer Zukunft für ihre umfassenden sozial- und umweltpolitischen Forderungen einstehen müssen. Mit ihren permanenten Attacken umschiffen sie unbequeme Fragen nach ihrem roten Star Sahra Wagenknecht und dem diffusen Ziel des "demokratischen Sozialismus". Mit Erfolg: In den Umfragen stehen die NRW-Linken bei sieben Prozent der Wählerstimmen.
Am Abend eines langen Tages im Münsterlander Wildpark betritt Bärbel Beuermann eine charmant vermüllte Büroetage in der Bochumer Innenstadt. Es mufft nach SPD-Ortsverein, doch dies ist das Hauptquartier der Linken im Wahlkampf. Beuermann soll vier Direktkandidatinnen der Partei Tricks und Kniffe beibringen, wie sie sich auf Podien gut präsentieren und kritische Fragen von Journalisten meistern. Was könnte eine solche Frage sein? Zum Beispiel: Was finden die Linken an der herrschenden Gesellschaftsordnung gut oder zumindest ausbaufähig? Die Direktkandidatinnen schweigen. Lange. Dann sagt eine: "Gut ist, dass es die Linke gibt." Und bringt damit das Mantra der NRW-Linken auf den Punkt: Wir gegen den Rest. Eine "splendid isolation", mit der sich kurzfristig ein Wahlerfolg erringen lässt. Nicht mehr und nicht weniger.
*Das ursprüngliche Zitat war versehentlich verkürzt wiedergegeben, Red.