Ein Beobachter schrieb 2004: "Über Guido Westerwelle liest man heute immer mal wieder, aus dem jugendlich frechen Spaßvogel sei ein früh Gealterter geworden; einer, der schon so ernst und weise daher rede wie ein Bundespräsidenten-Kandidat. Wird nicht umgekehrt ein Schuh draus? Der schon früh 'alte' Westerwelle hatte sich seinen jugendlich schmissigen Auftritt als Juli-Vorsitzender und Generalsekretär zielgruppen- und mediengerecht zugelegt. Nachdem ihn die Medien als allzu nassforschen, gefühlskalten Yuppie kritisierten, korrigierte er sein Image erst mit Fröhlichkeit und dann mit Nachdenklichkeit. Unweigerlich übertrieb er jedes Mal, weil das eine wie das andere nicht authentisch, sondern aufgesetzt war. Eigenschaften, die wir nicht haben, Verhaltensweisen, die wir uns zulegen, aufreden lassen, haben eine gefährliche Schwachstelle: Wir haben für sie kein inneres Maß."
Kein inneres Maß - Guido Westerwelles Schwachstelle. Er ist auf der ewigen Suche nach sich selbst. Auf seinem langen Weg ringt er sich jeden Millimeter Unsicherheit mühsam ab, um den Preis, dass sich jeder Millimeter in Überheblichkeit verwandelt. Arroganz - auch scheinbar kontrollierte - ist das äußere Erkennungszeichen innerlich Ungefestigter. Arroganz ist ein Tarnanzug. Doch Kundige wissen: Arroganz zeugt vom fehlenden inneren Maß.
Westerwelle kriegt seine Rollen als Parteichef, Außenminister und Vizekanzler nicht unter einen Hut; den Fraktionsvorsitz hat er nur nominal an Birgit Homburger abgegeben. Neben sich erträgt er niemanden an der Spitze. Seinem persönlichen Führungs-Credo von 2001 getreu: "Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, ist einer, der die Sache regelt. Und das bin ich." Wofür ihm damals die Parteitagsdelegierten zujubelten, gerät ihm jetzt zum Verhängnis. Er will und kann in keinem Team spielen. Guido Westerwelle hat seinen Zenit überschritten. Der Abstieg hat begonnen. Wie lange der dauert, hat er nicht im Griff.