
"Ich werde mich da festbeißen": Der Ausschussvorsitzende Siegfried Kauder von der CDU© Fritz Reiss/AP
So weit sind die beiden Versionen unstrittig. Erhebliche Unterschiede gibt es jedoch, was die Beteiligung der deutschen Regierung betrifft. Die Regierung von Kanzlerin Angela Merkel behauptet bislang, die Regierung ihres Vorgängers Gerhard Schröder habe von el-Masris Entführung erst nach dessen Freilassung erfahren, als dessen Anwalt an das Kanzleramt geschrieben habe. Dass deutsche Behörden von der Verschleppung des deutschen Staatsbürgers gewusst hätten - oder sie gar stillschweigend in Kauf genommen hätten - bestreitet Berlin vehement. Dem gegenüber steht eine zweite Version, laut der die Deutschen von der Entführung el-Masris schon vorab oder währenddessen erfuhren und sie tatenlos beobachteten, sie sogar billigend in Kauf nahmen. Zwar birgt diese Version eine enorme politische Sprengkraft - auch für die große Koalition, eindeutige Belege gibt es für sie bislang jedoch nicht. Wäre "Sam" allerdings tatsächlich ein deutscher Beamter, müsste die Version der Bundesregierung ernsthaft bezweifelt werden.
Nur, wie stichhaltig ist el-Masris Behauptung? Auch der ermittelnde Münchner Staatsanwalt Martin Hofmann berichtet den Parlamentarieren an diesem Tag. Er ist es, der die Entführer el-Masris jagt. Zwar bestätigt Hofmann El Masris Angaben zu Daten und Umständen der Entführung, die "Sam-Variante" Gerhard L. schließt er aber ausdrücklich aus. "Es handelt sich bei dem Beamten nicht um Sam", sagt er. Es gebe eindeutige Aussagen dafür, dass Gerhard L. während des betreffenden Zeitraums in seiner Dienststelle gewesen sei, nicht in Afghanistan. Die Angaben der befragten BKA-Mitarbeiter seien glaubwürdig. Eine "abgearbeitete Sam-Variante", sei das, sagt Hofmann. Hofmanns Chef, Oberstaatsanwalt August Stern, sagt, man ermittle eher in Richtung einer anderen "Sam-Variante". Er sagt das nicht ausdrücklich, aber es ist klar, dass die Münchner eher dem Verdacht nachgehen, bei Sam handele es sich um einen CIA-Mann. Die Opposition im Ausschuss gibt später unverhohlen zu erkennen, dass sie glaubt, dass die Münchner einfach noch nicht genug ermittel haben, um L. ausschließen zu können.
Dabei ist der Verweis auf Sam an diesem Tag nicht die einzige Aussage, mit der el-Masri die Bundesregierung belastet - und deren Version des Verschleppungsfalls in Frage stellt. Er wirft Berlin indirekt vor, seine Entführung bewusst ignoriert zu haben. El-Masri berichtet, während seiner Gefangenschaft in dem Hotel in Skopje um Kontakt zur deutschen Botschaft gebeten zu haben. Diesen Kontakt hätten ihm die Entführer jedoch verweigert. Er deutet an, die deutsche Botschaft habe keinen Kontakt mit ihm aufnehmen wollen, obwohl sie, so der Umkehrschluss, von seinem Fall wusste. "Ich habe mehrmals danach verlangt, mit der deutschen Botschaft oder deutschen Behörden Kontakt zu bekommen," sagt el-Masri. Aber jene, die ihn gefangen hielten, hätten nur geantwortet: "Die Deutschen wollen mit ihnen nicht sprechen." Dem Vorsitzenden des Ausschusses, CDU-Mann Siegfried Kauder, ist die Brisanz dieser Aussage bewusst. Ob er sich sicher sei, dass die Entführer genau dies gesagt hätten, hakt er nach. In früheren Aussageprotokollen habe er das nicht gesagt, behauptet Kauder. "Das war ganz sicher so", antwortet el-Masri. Fast drohend warnt Kauder ihn daraufhin: "Ich frage deswegen, weil ich mich da festbeißen werde. Ich werde mir alle Protokoll genau ansehen", sagt er.
Wußte die deutsche Botschaft in Skopje nun etwas und blieb untätig? Das Verhalten der Diplomaten in jenem Januar 2004 rückt am Donnerstag noch ein weiterer, in den vergangenen Tagen überraschend aufgetauchter, Zeuge ins Zentrum der Aufmerksamkeit: Wolf-Dietrich Mengel, ein Ex-Direktor der mazedonischen Telekom. Der 61-jährige Deutsche behauptet, in seiner Funktion als "Sicherheits-Direktor" der Telekom-Firma Anfang 2004 von der Entführung eines Deutschen gehört. Er habe diese der deutschen Botschaft telefonisch gemeldet, sagt er. Bei seinem kurzen Anruf sei er allerdings mit dem Verweis beschieden worden, davon habe man schon gehört und darum kümmere man sich. Er habe seiner Frau am Abend des Anrufs erzählt, er sei abgewimmelt worden, berichtet Mengel
Auch diese Aussage ist prekär. Zwar gibt es Zweifel daran, ob Mengels Nachricht die Verantwortlichen in der Botschaft tatsächlich erreicht hat. So ist unklar, mit wem er in dem kurzen Telefonat gesprochen hat und ob die Nachricht auch den zuständigen Diplomaten erreicht hat. Offenbar hat Mengel nur die allgemeine Nummer der Botschafter angerufen, besondere Kontakte, etwa zur Botschafterin hatte er nicht. Auch hat das Auswärtige Amt nach der Information über Mengels Behauptung in den vergangenen Wochen sofort mit Nachdruck in der Botschaft in Skopje ermittelt und niemanden gefunden, der sich an einen Anruf erinnern kann.
Aber gleichzeitig - "mit dem Pizzaservice habe ich nicht gesprochen" - gibt es wenig Anlass, an Mengels persönlicher Glaubwürdigkeit zu zweifeln. Auch sein Bericht, wie er von der Entführung erfahren haben will, legt nicht den Schluss nahe, dass es sich um eine Agenten-Fantasie handelt. Als Sicherheits-Chef der Telekom-Firma hatte Mengel ein Netz von lokalen Informanten eingerichtet, das ihn etwa über geplante Anschläge unterrichten sollte, um Telekom-Mitarbeiter aus den bedrohten Gebieten fern halten zu können. Mengel geht davon aus, dass der Mitarbeiter, der ihm von der Verschleppung des Deutschen berichtete, seine Informationen aus Polizei-Quellen bezog. Zudem, so Mengel, sei die Entführung eines Deutschen keine alltägliche Geschichte gewesen. Er habe das während seines mehrjährigen Aufenthalts in Mazedonien nur einmal erlebt.
Mengels Aussagen belegen noch nicht, dass die deutsche Botschaft über den Fall el-Masri gewusst haben muss. Auch ist nicht belegt, dass die Nachricht wirklich die Botschaft in Skopje erreicht hat. Dennoch bleibt die Frage offen, wie es sein kann, dass die mazedonische Polizei Informationen über die Verschleppung eines Deutschen an Dritte - nämlich Telekom-Mitarbeiter - weitergeben konnte, ohne dass die Deutschen davon Wind bekamen. Eine echte Geheimsache war die Entführung in Skopje offenbar nicht. In das Bild passt, dass ein BND-Mitarbeiter vor wenigen Wochen überraschend berichtete, er habe die Nachricht von der Entführung eines Deutschen in Skopje in einer Kantine aufgeschnappt. In der kommenden Woche soll nun auch dieser BND-Mann mit Decknamen "Cordes" vor dem Ausschuss aussagen. Wenn er aussagt. Bisher heißt es, "Cordes" wolle sich auf sein Zeugnisverweigerungsrecht berufen, weil er sich sonst selbst belasten könnte.
Für eine originelle Sam-Variante sorgt während el-Masris Aussage am Donnerstag übrigens Grünen-Obmann Hans-Christian Ströbele. Irgenwann während der Marathon-Sitzung hebt Ströbele den Kopf, guckt hinauf auf die Zuschauer-Empore, von der vor allem Journalisten herablugen, und wendet sich an den Vorsitzenden Kauder: "Können sie nicht mal fragen, ob Sam nicht vielleicht dort oben sitzt", bittet Ströbele - und erntet Kopfschütteln, oben und unten.