Fakt ist: Der CIA-Geheimdienst interessierte sich für alles, was mit der radikal-islamistischen Szene im Raum Ulm zu tun hatte. Auch für die Tschetschenien-Kämpfer, wie Aussagen von Khaled el-Masri zeigen. Der 2002 getötete Tschetschenien-Kämpfer, der in dem Haus gegenüber der Wohnung des Ehepaar Bauers lebte, soll nach Erkenntnissen deutscher Sicherheitsbehörden von einem gebürtigen Araber für den Dschihad angeworben worden sein. Gegen ihn wurde im Frühjahr 2003 deswegen ermittelt, er wurde zu dieser Zeit als "Gefährder" eingestuft. Aus polizeilichen Vermerken geht hervor, dass el-Masri zu ihm Kontakt hatte.
Dies war laut Ermittler-Vermerken nicht der einzige Kontakt zu Islamisten, den el-Masri vor seiner Entführung gehabt haben soll. Im Dezember 2005 notiert das Landeskriminalamt Baden-Württemberg: "El-Masri war als Kontaktperson zu allen Gefährdern aus dem kriminalgeografischen Raum Ulm/Neu-Ulm bekannt." Aufgezählt werden neben Reda Seyam und Yehia Yousif sieben weitere Personen - darunter ein gebürtiger Libanese, der als Aktivist von Al Tawhid bezeichnet wird. Al Tawhid gilt bei Ermittlern als Terrororganisation.
Ein erster Bezug von el-Masri zur islamistischen Szene, so das LKA-Papier, das stern.de vorliegt, habe sich im Sommer 2002 ergeben, als bei Ermittlungen das Auto eines Islamisten aus dem Raum Frankfurt vor seiner Wohnung festgestellt worden sei. Im September 2002 sei El-Masri als Nutzer eines Fahrzeugs aufgefallen, das auf die damalige Firma eines als Gefährder eingestuften Arabers zugelassen gewesen sei.
In seinem Umfeld, so heißt es weiter in den Unterlagen, sei El-Masri spätestens zum Zeitpunkt Oktober 2003 als Vertreter einer fundamentalistischen Linie des Islam und Befürworter des militärischen Djihads bekannt gewesen. "Das ist absurd", sagt el-Masri selbst dazu. Das LKA hielt sogar fest, el-Masri habe damals Reden von Osama bin Laden aus dem Internet heruntergeladen und auch Hetzpredigten radikaler Imame auf Tonbandkassetten mitgeführt. Die Einschätzung, dass el-Masri eine fundamentalistische Linie befürworte, habe auch im engsten Bekanntenkreis im Februar 2004 - als der Neu-Ulmer verschwunden war - zu der Vermutung geführt, er sei als Muhajeddin in die Kampfgebiete Tschetschenien oder Irak gezogen. Deshalb sei im März 2004 die Rückreise seiner Familie in den Libanon organisiert worden. Teile des Hausrats seien dem Multikulturhaus als Spende überlassen worden.
Von der deutschen Bundesregierung war el-Masri bisher als Figur ohne überregionale "Bedeutung in der islamistischen Szene" eingestuft worden. Die Darstellungen in dem LKA-Papier legen nun nahe, dass el-Masris Entführung nicht auf eine Verwechslung zurück geht - wie es von den Amerikanern gegenüber dem damaligen Innenminister Otto Schily behauptet worden war. Vieles spricht dafür, dass die CIA ganz bewusst den Deutsch-Libanesen für ihre illegale Aktion auswählten. Grund: Sie wussten, dass er zu mehreren Islamisten im Raum Ulm Kontakt hatte. Die detaillierten Fragen bei den Vernehmungen in Kabul lassen eindeutig darauf schließen.
Dass sich die CIA so stark für die Islamistenszene im Raum Ulm interessierte, könnte einen weiteren Grund haben: die mögliche Verbindung der Hamburger al-Kaida-Zelle um den Todespiloten Mohammed Atta nach Neu-Ulm. Während seiner Entführung wurde el-Masri nach der Hamburger Zelle gefragt. Und wiederholt auch nach dem ägyptischen Arzt el-A., der bis Herbst 2001 in Neu-Ulm eine Chirurgiepraxis betrieb. El-Masri sagte nach eigener Darstellung den CIA-Agenten, er habe el-A. nicht gekannt.

Nachgestellte Szene: Mohammed Atta im Taxi?© Report Mainz/ARD
El-A. stand damals in Verdacht, mit Mitgliedern der Hamburger Terrorzelle in Verbindung zu stehen. Womöglich ein begründeter Verdacht, wie sich jetzt zeigt: Ein Neu-Ulmer Taxifahrer berichtete stern.de und "Report Mainz", er habe im Jahr 2001, wenige Wochen vor den Anschlägen in den USA, drei elegant gekleidete Araber von einem Telekomladen zur Praxis von el-A. gebracht. Einer der Gäste habe ihm erzählt, sie seien aus Afghanistan. El-A. sei "ein sehr guter Freund". Nach den Anschlägen von New York und Washington will der Taxifahrer auf den Fahndungsfotos zwei seiner Fahrgäste wiedererkannt haben: Mohammed Atta - und Said Bahaji, der als Cheflogistiker der Anschläge gilt.
"Ich bin damals nicht zu den Behörden gegangen, weil es nichts mehr gebracht hätte: Die über 3000 Menschen in den USA waren tot, und auch die Terroristen", sagt der Taxifahrer heute.
Er ist nicht der einzige Zeuge, der von einem Besuch Attas in Neu-Ulm berichtet. Wie in Sicherheitskreisen bestätigt wird, hatte bereits früher eine Sprechstundenhilfe von Dr. el-A. ausgesagt, Mohammed Atta sei in der Praxis ihres Chefs gewesen. Der ägyptische Arzt selbst bestritt bisher, mit Atta Kontakt gehabt zu haben.
Sicher ist: Neben Hamburg spielte der Raum Ulm/Neu-Ulm im islamistischen Netzwerk eine entscheidende Rolle. Amerikanische Terrorfahnder haben sich frühzeitig nach dem 11. September 2001 über dieses Zentrum an der Donau kundig gemacht - womöglich auch vor Ort, auf eigene Faust.