
"Ich will wissen, er mir das angetan hat und warum": Entführungsopfer Abdel Halim Khafagy, 76, mit seiner Tochter Ahlam, 32© Armin Brosch
Khafagy erinnert sich an den Flug im Helikopter. An seine Zelle: ohne Tageslicht, ohne frische Luft. Auf dem Boden gab es eine Decke, aber keinen Stuhl, keinen Tisch und kein Bett: "Sie haben immer wieder plötzlich die Tür aufgerissen und das Gewehr auf mich gerichtet. Dann bin ich jedes Mal aufgesprungen." Manchmal hört er seinen Schwager in der anderen Zelle rufen. "Später hat er mir erzählt, er habe immer meinen Namen geschrien, wenn er gerade geschlagen wurde."
Sie bringen ihn mit verbundenen Augen zu den Verhören. Einmal sagt er seinen Vernehmern, er habe einen Termin, den müsse er absagen. Aber er darf niemanden anrufen. Die Kinder fürchten um das Leben ihres Vaters. Sie schalten einen Anwalt ein, der telefoniert sich die Finger wund. Angeblich weiß niemand etwas Genaues.
Vier Tage nach der Festnahme kommt ein dürres Fax von der Nato-Schutztruppe. Ihr Vater sei in Haft, aber "bei guter Gesundheit". Am 6. Oktober wird er deportiert - nach Ägypten, wo er wieder im Gefängnis verschwindet. Die deutschen Behörden wissen spätestens am 8. Oktober von der Abschiebung. Khafagys Anwalt kann sich an eine Information nicht erinnern. Ein ägyptischer Wärter lässt den Familienvater endlich seine Kinder anrufen.
Ende Oktober ist Khafagy wieder bei seiner Familie. Die Ägypter haben ihn freigelassen. Offenbar ist er harmlos. "Wir waren so froh, dass er noch ganz war", sagt seine Tochter Ahlam. Obwohl er diese Narbe am Kopf hatte. Sein Arzt attestiert ihm zwei "Kopfplatzwunden, 9 cm und 3 cm lang, die große noch teilweise verschorft", sowie drei Hämatome am Rücken.
Den Fall an die große Glocke hängen wollen die Khafagys nicht. Gegen die Amerikaner könne man eh nichts machen. Auch die Bundesregierung schweigt. Der Fall wird erst durch einen stern-Artikel im Oktober 2006 publik. Im Dezember 2006 sagt Steinmeier im Bundestag, erst Ende 2004, Anfang 2005 habe er "bestätigende Hinweise" auf eine US-Entführungspraxis erhalten. Der FDP-Abgeordnete Max Stadler fragt nach, wann er vom Fall Khafagy gehört habe. "Das kann ich Ihnen jetzt sozusagen nicht aus dem Ärmel schütteln", sagt Steinmeier.
Kann es sein, dass ihm BKA-Chef Kersten am 9. Oktober 2001 nichts von den möglichen "Menschenrechtsverletzungen" gesagt hat, die sein Sprechzettel enthielt? Dass die Beamten im Kanzleramt nicht erfuhren, was die von ihnen genehmigte Mission nach Tuzla gebracht hatte? Das Protokoll der Lagekonferenz vom 9. Oktober fehlt in den Unterlagen, die der Untersuchungsausschuss bekommen hat.
Ungerührt liefern die Deutschen 2001 weiter Hinweise über terrorverdächtige Bürger an US-Behörden - obwohl man damit rechnen müsse, dass Informationen, "auch wenn diese vage sind", von den US-Kollegen "aufgrund des hohen Erfolgsdrucks unverzüglich und ohne Rücksicht umgesetzt werden", wie es in dem Papier eines deutschen Militärs vom 17. Oktober 2001 heißt. Der Hamburger Islamist Muhammad Haidar Zammar sitzt deshalb bis heute in einem syrischen Foltergefängnis.
Jetzt kommt die Wahrheit doch noch ans Licht, auch wenn sie für Khafagy nicht mehr viel ändert. Er will ein frommer Moslem sein, ein guter Vater, ein friedlicher Bürger. Seine Tochter Ahlam ist 32 Jahre alt und sieht aus wie ein Model. Sie hat Innenarchitektur studiert und arbeitet für eine deutsche Baufirma in Dubai. Seine Söhne sind Bayern-Fans, er trägt Anzug und Krawatte, aber zu Hause gern einen Kaftan. Er hat vier Enkelkinder in Deutschland, das Kleinste hat der Jüngste mit seiner christlich-orthodoxen Lebensgefährtin.
Der alte Mann redet nicht gern über die Zeit, in der man ihn zu Unrecht festhielt und demütigte und seine Familie um ihn bangte. Gerechtigkeit wäre schön, vielleicht eine Entschuldigung, das ja. "Gott sieht alles", sagt er, und ob die, die ihm das angetan haben, nun hier auf Erden bestraft werden oder später, von Gott - für die deutsche Politik mag das eine Rolle spielen. Ihm ist es letztlich egal.