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8. Mai 2008, 08:59 Uhr

"Wer hat mir das angetan?"

Abdel Halim Khafagy: Sie schlugen mich, vor allem auf den Kopf© Armin Brosch

Gab es da Leute, die sagten, Sie seien Deutsche?

Abdel Halim Khafagy: Das haben sie nicht gesagt. Aber ich habe das gespürt.

Wieviele?

Abdel Halim Khafagy: Ich weiß es nicht mehr genau.

Ihr Schwager war im selben Gefängnis?

Abdel Halim Khafagy: In einer anderen Zelle. Ich habe gehört, dass er nach mir gerufen hat. Später hat er mir erzählt, er habe immer meinen Namen geschrien, wenn er gerade geschlagen wurde.

Haben Sie in dem Gefängnis andere Gefangene gesehen?

Abdel Halim Khafagy: Nein.

Die Nato-Schutztruppe SFOR hat nach der Verhaftung in dem Hotel im Oktber 2001 erklärt, die Festgenommenen – also Sie - hätten womöglich mit Al Kaida in Verbindung gestanden. Hatten Sie Kontakte zu Terroristen?

Abdel Halim Khafagy: Damit habe ich nichts zu tun. Moslems sind niemals für Gewalt, niemals.

Frau Khafagy, wie haben Sie von der Festnahme erfahren?

Ahlam Khafagy: Wir bekamen im Verlag einen Anruf aus dem Hotel Hollywood, unser Vater sei blutüberströmt abgeführt worden. Dann haben wir unseren Anwalt eingeschaltet. Der hat versucht, heraus zu finden, was passiert ist. Und wir haben Briefe geschrieben, auch an die ägyptischen Botschafter in Bosnien und Deutschland.

Sie hatten Angst?

Ahlam Khafagy: Natürlich hatten wir Angst. Wir haben Tag und Nacht geweint.

Wann haben Sie erfahren, dass Ihr Vater noch lebt?

Ahlam Khafagy: Als das Schreiben von der SFOR kam, vier Tage nach der Festnahme. Aber die SFOR hat behauptet, es gehe ihm gut.

Wussten Sie, was ihm vorgeworfen wird?

Ahlam Khafagy: Das haben sie nicht mal unserem Anwalt gesagt. War es eine Verwechslung? Was war es? Wir wissen es bis heute nicht.

Wie war das, als Ihr Vater wieder in München ankam?

Ahlam Khafagy: Er kam durch die Haustür rein und wir sind ihm in die Arme gefallen. Wir waren so froh, dass er noch ganz war. Obwohl er diese große Narbe am Kopf hatte. Aber er hatte noch beide Augen, Arme, Beine. Er möchte immer zeigen, dass er ein starker Mann ist. Aber er war sehr zerbrechlich und wenn er von seiner Geschichte erzählt hat, haben wir nur geweint.

Hat Ihr Vater bleibende Verletzungen?

Ahlam Khafagy: Er kann seine Daumen nicht richtig benützen, wenn er zum Beispiel die Teetasse nimmt. Ich glaube, das kommt von den Handschellen. Er kann nicht allein sein. Und nachts muss immer das Licht an bleiben, seit dieser Sache. Wenn wir mal nicht da sein, geht er zu Freunden.

Der Untersuchungsausschuss beschäftigt sich jetzt mit Ihrem Fall. Was sollten die Politiker in Berlin tun?

Abdel Halim Khafagy: Ich will wissen, wer mir das angetan hat. Und warum. Ich konnte nach der Sache in Bosnien meinen Verlag nicht mehr richtig führen. Vorher konnte ich viele wichtige Bücher herausgeben. Ich habe selbst ein Buch geschrieben über das, was nach dem Tod geschieht. Das ist schade, dass ich da nicht weiter machen konnte.

Was hätten Sie sich im Jahr 2001 von den deutschen Behörden erhofft?

Ahlam Khafagy: Ich hätte mir erhofft, dass sie uns genau sagen, womit das alles zu tun hatte. Wofür wurde er beschuldigt? Fanden Sie seine Bücher nicht so toll? Es ist nicht in Ordnung, einfach still zu halten, wenn ihm Unrecht zugefügt wird. Wir leben nicht hinter dem Mond. Wir sind alle gebildet. Man kann miteinander reden.

Man hat Sie auflaufen lassen?

Ahlam Khafagy: Genau. Wir wissen nicht: Wer hat ihn verhört? Wer wusste Bescheid? Man hat uns in die Irre geführt und zwar absichtlich. Als er nach Hause kam nach der Entführung, wurde er zum Verhör geladen, also haben die deutschen Behörden doch Bescheid gewusst. Wenn danach etwas passierte, zum Beispiel bei dem Anschlag in London, wurde er in das Landeskriminalamt geladen, als Zeuge. Aber das geht nicht, dass wir da immer eingeladen werden. Wir haben damit nichts zu tun. Wir sind keine Terroristen.

Die SPD hat im Untersuchungsausschuss die Frage nach Ihrem Verhältnis zu den radikalen ägyptischen Muslimbrüdern gestellt. Sind Sie dort Mitglied?

Abdel Halim Khafagy: Nein.

Sie als gläubiger Moslem: Stört es Sie, dass einer Ihrer Söhne eine christlich-orthodoxe Lebensgefährtin hat?

Ahlam Khafagy: Er mag sie total gerne!
Abdel Halim Khafagy: Es gibt eben nicht nur Schwarz oder weiß. Moslems respektieren alle Religionen! Das ist die Wahrheit. Jeder hat das Recht Christ, Jude oder Moslem zu sein.
Ahlam Khafagy: Das hat er uns auch beigebracht, dass wir in der Schule keine Witze reißen über andere Nationen. Wir dürfen uns nicht lustig machen, sei es über Türken oder wen auch immer.

Ihr Vater macht einen recht gelassenen Eindruck, wenn er über das spricht, was ihm passiert ist.

Ahlam Khafagy: Wir sind überzeugt, dass Gott alles sieht. Jeder bekommt seine gerechte Strafe. Wenn nicht jetzt, dann später. Deshalb nehmen wir alles an. Wenn man den Schuldigen nicht finden kann für das, was meinem Vater passiert ist, dann heulen wir nicht rum. Dann geht das Leben weiter. Und eines Tages kommt die Wahrheit ans Licht.
Abdel Halim Khafagy: Ich danke Ihnen, dass Sie gekommen sind. Das nächste mal werde Ihnen ein schönes Buch mitbringen. Wie kann man die Welt ändern? Mit Krieg? Nein. Aber mit Büchern kann man die Welt verändern.

Interview: Hans-Martin Tillack, Frauke Hunfeld
Seite 1: "Wer hat mir das angetan?"
Seite 2: Gab es da Leute, die sagten, Sie seien Deutsche?
 
 
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