
Peer Steinbrück in seinem Büro nach dem stern-Gespräch mit den Redakteuren Andreas Hoffmann, Andreas Petzold und Andreas Hoidn-Borchers (von links)© Michael Trippel
Genau. Wenn die USA 800 Milliarden Dollar kreditfinanzieren, finden andere Staaten schwer Interessenten für ihre Anleihen. Bei zu hoher Verschuldung verlieren Investoren irgendwann auch das Vertrauen in die Staatsanleihen. Womöglich programmieren wir so die nächste Krise.
Wir laufen in dieselbe Falle wie nach dem 11. September 2001, als die US-Notenbank die Finanzmärkte mit billigem Geld überflutete - und gleichzeitig den Finanzmärkten keine Regeln setzte. Uns könnte nach Überwindung der Rezession eine Inflation drohen, und zwar eine massive.
Endlich mal ein Professor, der sich nicht akademisch ausdrückt. Ansonsten sollte er sich mehr Informationen über Deutschland und mich besorgen.
Was wir mit dem zweiten Paket gemacht haben, ist vertretbar. Für mehr sehe ich im Haushalt keinerlei Spielraum. Punkt.
Ich weiß, dass auch in meiner Partei viele den Standpunkt vertreten, man solle Sozialleistungen erhöhen, um die Kaufkraft zu stärken. Ich halte das für falsch. Dann müssten auch Arbeitnehmer etwas kriegen, denn wer arbeitet, sollte mehr in der Tasche haben als ein Transferempfänger. Das ist schon jetzt nicht immer der Fall.
Das kann eine Möglichkeit sein.
Ich bin nun gar nicht mehr Herr über meine Zeit. Die Lebensqualität geht flöten. Aber das kann man sich nicht aussuchen. Man hat seine Pflicht zu tun.
Ja.
Selbstzweifel nicht, aber die Befürchtung, dass man die falschen Knöpfe bedient.
Weder das eine noch das andere. Wir haben ein vertrauensvolles Verhältnis - und das ist wertvoll in einer solchen Krise. Sie instrumentalisiert mich nicht, ich instrumentalisiere sie nicht. Sie agitiert mich nicht, ich agitiere sie nicht. Was wir unter vier Augen besprechen, bleibt unter uns. Das ist eine sehr tragfähige Basis. Wenn einer das verletzen würde, wäre der Faden gerissen.
Für mich wäre das stilistisch falsch, und politisch bringt es keinen Gewinn. Gleichwohl müssen Umsetzungsdefizite insbesondere bei der Bekämpfung der Steuerhinterziehung, der Begrenzung von Managergehältern und beim Thema Jobcenter klar beim Namen genannt werden.
Die Bürger wollen in einer so scharfen Krise keine Wirtshausschlägerei. Bezogen auf die Finanzmarktkrise kann ich die aber auch nicht erkennen. Die Leute wollen, dass die Regierung - im Jargon meines Sohnes - ihren Job macht. Die Historiker werden einmal sagen, es war eine äußerst glückliche Fügung, dass wir in den Jahren 2008/2009 eine Große Koalition hatten.
Das können Sie sich in einer Demokratie nicht aussuchen.
Warum denn nicht? Sie hätte auch nicht weniger Kompetenz als Schwarz-Gelb. Und mit zwei sehr unterschiedlichen Partnern, CDU und CSU, hat es die SPD jetzt schon zu tun. Die CSU macht zunehmend auch der CDU das Leben schwer.
Ich glaube, ich habe sogar welche hier in der Schublade. Und mein Schweizer Taschenmesser habe ich auch noch nicht weggeschmissen!
Ich bekomme schlimme Briefe. Ich muss da eine Hauptschlagader getroffen haben. Jahrzehntelang ist tabuisiert worden, was in der Schweiz läuft. Nach plausiblen Schätzungen haben deutsche Bürger etwa 200 Milliarden Euro in die Schweiz geschafft. Ich lasse mal außer Acht, wie viel davon am Fiskus vorbeigeschafft wurde. Selbst wenn ich sehr bescheiden rechne, müsste ich mindestens zwei Milliarden Euro Quellensteuer pro Jahr aus der Schweiz kriegen. Wissen Sie, wie viel ich kriege? Rund 80 Millionen. Und da wollen mir Leute weismachen, dass sei kein Problem! Gelegentlich muss man den Finger aufs Schlimme legen. Oder glauben Sie, die ganzen anderen Steueroasen - Liechtenstein, Guernsey, die Cayman Islands - hätten sich in den letzten Monaten ohne Druck bewegt?
Ich kann auch im korrekten Politikerdeutsch reden: Eine gute Grundlage ist die beste Voraussetzung für eine solide Basis. Das eckt nicht an, bleibt aber folgenlos.
Sie können nicht schnellzüngig sagen: Das kommt gar nicht infrage. Geht Opel pleite, sind über 100.000 Menschen direkt oder indirekt betroffen - und wir verlieren Steuern und Sozialversicherungseinnahmen und haben höhere Ausgaben durch Transferzahlungen wie Arbeitslosengeld.
Ich habe da einen sehr nüchternen, pragmatischen Ansatz: von Fall zu Fall entscheiden. Mit der Schwäche, dass damit auch Willkür verbunden sein könnte.
Es könnte sein, dass Schaeffler staatliche Bürgschaften braucht. Genau für solche Fälle haben wir unseren 100-Milliarden- Fonds eingerichtet.
Nobody knows. Auch ich nicht. Machen wir uns nichts vor: Wir werden im Mai erhebliche Einbrüche bei den Steuereinnahmen haben - und das ist freundlich ausgedrückt. Die Arbeitslosenzahl wird steigen. Wir haben jetzt einen scharfen Absturz, aber aufwärts wird es irgendwann nur sehr, sehr langsam gehen. Das wird Jahre dauern. Wenn wir Glück haben, beginnt es 2010.
Wir kommen nur wieder raus, wenn wir weniger konsumieren oder ausgeben, als das Wachstum zulässt. Es wird lange Zeit fast nichts zusätzlich zu verteilen geben.
Da müssen wir im Haushalt umschichten. Das wird Konflikte geben, die wir bisher gescheut haben. Jetzt Steuersenkungen von 25 bis 30 Milliarden Euro zu versprechen, wie CSU und FDP es tun, ist grotesk.
Man könnte in der Tat die Einkommensteuer so ändern, dass der Spitzensatz und im obersten Bereich auch die Einkommensgrenzen früher greifen, um Zukunft in Deutschland zu finanzieren. Die besteht aus drei Teilen: Bildung, Bildung, Bildung. Das dürfte Bestandteil des SPD-Wahlprogramms werden.
Helmut Schmidt hat mal gesagt: Lieber fünf Prozent Inflation als fünf Prozent Arbeitslosigkeit … Aber fünf Prozent Inflation ist für die unteren Einkommensschichten eine Form der Enteignung, machen wir uns nichts vor. Das kann keiner wollen.
Das ist ein völlig unverhältnismäßiges Horrorgemälde. Kein Mensch wird irgendetwas tun, was die Stabilität des Euro gefährdet. Das ist völlig ausgeschlossen. Vorher würden wir handeln - müssen!
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 15/2009