
Auch einem Kollegen sei die angenehme Art des Zehnjährigen aufgefallen. "Ich erinnere mich daran, dass er einmal nach einer Unterrichtsstunde zu mir sagte, dass der Frank etwas ganz Besonderes vorgetragen habe." An dessen Noten könne sich Helmut Kuhlmann spontan nicht erinnern. Frank sei in einer guten Klasse nicht aus der Reihe gefallen. "Da waren einige Kinder auf Zack."
Nach der vierten Klasse kam Frank-Walter Steinmeiers Mutter auf Helmut Kuhlmann zu, unschlüssig, wie es mit ihrem Jungen weitergehen soll. Muss sie ihn aufs Gymnasium schicken? Oder doch lieber auf die Realschule? Beim Englischunterricht könnten sie ihrem Jungen nicht helfen, hätte die Mutter damals geklagt. "Ich habe ihr dazu geraten, Frank aufs Gymnasium zu schicken", sagt Helmut Kuhlmann. "Es war die richtige Entscheidung." Seine Ehefrau Ilse nickt. Auch sie hat ihre eigenen Erinnerungen an den Schüler. "Ich habe ihn als Nachbarsjunge im Kindergottesdienst erlebt. Seine leicht zurückhaltende Art war sehr angenehm. Er hat sich nicht in den Vordergrund gespielt", sagt sie.
Helmut Kuhlmann wird manchmal im Ort auf seinen ehemaligen Schüler angesprochen. Stolz empfinde er jedoch nicht. "Ich habe zwar die Weichen ein wenig mit gestellt, kann jedoch nichts dafür, dass er nun Außenminister ist. Was er heute macht, verfolge ich natürlich mit besonderem Interesse."
Brakelsiek ist ein gepflegtes Dorf. Mittendrin, gleich bei der Aral-Tankstelle, steht eine überdachte Tafel mit einer Orientierungskarte. Direkt daneben ein Schaukasten der SPD. "Unser soziales Deutschland" heißt es auf dem Plakat. Der SPD-Parteivorsitzende Kurt Beck strahlt den Betrachter direkt an. Brakelsiek ist SPD-Hochburg, aber schon der Landrat im Kreis Lippe kommt von der CDU. Es würde nicht verwundern, sollte jemand das Konterfei Kurt Becks beschmieren, um so dem Wunsch vieler Bewohner, "den Frank" ins Kanzleramt zu hieven, Nachdruck zu verleihen. Aber Graffiti-Sprühereien sind in Brakelsiek selten, hier ist die Welt noch in Ordnung. Ein Findling an der Straßenkreuzung schräg gegenüber erinnert an die Auszeichnung "Golddorf 1997".
Aufregendes passiert nur, wenn zwei schwere Limousinen mit verdunkelten Fenstern durch das Dorf preschen und von der Hauptstraße in einen kleinen Feldweg abbiegen, hoch zum Elternhaus von Frank-Walter Steinmeier. Das sorgt für Gesprächsstoff. "Dann wird die Straße abgesperrt", sagt einer. "Da stehen Scharfschützen", sagt ein anderer. "Alles Quatsch", sagt ein Dritter, "die Bodyguards übernachten im Landhaus in Schieder. Ist alles halb so wild hier, und der Frank macht nun überhaupt keinen Wind."
Frank-Walter Steinmeier ließ nie den Kontakt zu seinem Heimatdorf abreißen. Nicht, als er zum Jurastudium nach Gießen ging, nicht, als er in die Niedersächsische Staatskanzlei nach Hannover wechselte und auch nicht nach dem Sprung vom Chef des Bundeskanzleramtes zum Außenminister der Bundesrepublik Deutschland. Gestern Uno-Vollversammlung in New York, heute Treffen mit dem chinesischen Außenminister Yang Jiechi, morgen Brakelsiek. Regelmäßig, angeblich vierteljährlich, besucht Frank-Walter Steinmeier seine Eltern. "Wie geht's im Dorf?", lautet seine erste Frage, erzählen Freunde.
Eine Antwort könnte Klaus Null geben. Er ist eine Instanz in Brakelsiek, war jahrzehntelang Trainer der Jugend- und Herrenmannschaft des TuS 08. Er hat Frank-Walter Steinmeier trainiert, seit er 14 Jahre alt war. Klaus Null wohnt in einem schmucken Fachwerkhaus direkt neben dem "Alten Krug", der alten Vereinsgaststätte. "Über den Frank wollen Sie was wissen? Na, dann kommen Sie mal rein." Schon rasselt er alles Positive herunter, das ihm zum "Prickel" einfällt: "Immer ehrgeizig, äußerst zuverlässig, sehr beliebt, wollte immer gewinnen und nie im Mittelpunkt stehen."
Und Negatives? "Na ja, die Sonnenbrille. Der Frank hat schon immer schlecht gesehen." Seine Frau steht auf und holt ein eingerahmtes Bild aus der Gartenlaube. Die Fußballmannschaft, in der zweiten Reihe: Frank-Walter Steinmeier. Mit Sonnenbrille. "Ich könnt' mich kaputt lachen", sagt Klaus Null. "Prickel mit Sonnenbrille auf dem Mannschaftsfoto! Im Gegensatz zu Lehrer Kuhlmann ist Klaus Null mächtig stolz, den Außenminister persönlich zu kennen. Und was sagt er zum Aufstieg seines ehemaligen Spielers zum politischen Global Player? Klaus Null guckt sich oft die Nachrichten an. Wenn er Prickel im Fernsehen sehe, schwärmt er, dann sei er immer noch so wie früher. Er verstelle sich nicht.
So wie Klaus Null denken viele im Ort. Er sei immer noch einer von ihnen, ist zu hören. So wie im Fernsehen sei er auch schon vor mehr als 30 Jahren gewesen. Kein Hampelmann, kein Sprücheklopfer. Und auch kein Scharfmacher. Defensives Mittelfeld halt. Brakelsieker Verlässlichkeit.