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8. Juli 2004, 12:00 Uhr

Der Kanzler-Flüsterer

Die medienwirksam inszenierte Klausur im vorigen Sommer auf Schloss Neuhardenberg, bei der die "vorgezogene Steuerreform" beschlossen wurde, war Steinmeiers (r.) Idee© Julia Fassbender/Bundespresseamt

Die ihn gut kennen, erinnern sich, wie verbiestert er blickte, als Schröder vor Ohrenzeugen nach der Wahl 1998 in der Regierungs-Challenger auf dem Flug von Bonn nach Hannover befand: "Von den 50 guten Ideen, die Bodo jeden Tag hat, ist es deine Aufgabe, Frank, fünf umzusetzen." Ein Satz, der schmerzte. Zumal Kanzleramtsminister Bodo Hombach bis zu seiner Entsorgung zum EU-Beauftragten auf dem Balkan laut mit 220 Pfund Lebendgewicht durch die Flure des Kanzleramts gewalzt war und getönt hatte: "Ich bin der Chef, und Steinmeier ist der Staatssekretär."

Dass ihm Hombach damals vor die Nase gesetzt wurde, obwohl er glaubte, Schröders Wort ("Du musst das machen") für den Chefposten im Kanzleramt zu haben, ist die bisher einzige Niederlage in der Karriere des Frank-Walter Steinmeier gewesen. Geboren ist er in Brakelsieg im ostwestfälischen Lippeland, wie Schröder. Nach dem Jurastudium kam er nach oben wie ein Korken, den man unter Wasser loslässt. Fünf Jahre nur, dann war aus dem Medienreferenten der niedersächsischen Staatskanzlei ihr Chef geworden. Es war Steinmeier, sagen viele, der damals Niedersachsen regiert hat. Er fütterte den Ministerpräsidenten Schröder mit halbseitigen Aktennotizen, und der sagte: "Mach mal, Frank!"

Selbstbewusste Mitarbeiter quälen ihn

Selbst als alleiniger "Chef BK", so das Dienstkürzel für seine Position im Bundeskanzleramt, und damit Vorgesetzter von rund 500 Beamten, litt er Qualen unter allzu selbstbewussten Mitarbeitern. Dass Schröders außenpolitischer Berater Michael Steiner ohne Absprache mit ihm Zugang beim Kanzler gesucht und gefunden hatte, erhitzte den Mann bis zur Weißglut. Dass Steiner wegen einer grotesk aufgeblasenen Geschichte stolperte - er verlangte bei einem nächtlichen Tankstopp der Kanzlermaschine in Moskau lauthals nach Kaviar -, verdankt er Steinmeier.

Wolfgang Nowak, der ideenquirlige Chef der Planungsabteilung in der Regierungszentrale, musste - wie ihm von Steiner prophezeit - nach der Wahl 2002 ebenfalls gehen. Viel zu bunter Vogel, fand Steinmeier. Auch den weltläufigen, international renommierten Ökonomen Professor Klaus Gretschmann litt man auf Dauer nicht bei Hofe. Zu selbstständig, so die Kritik. Außerdem war er, wie Nowak, schon zu Hombachs Zeiten gekommen, was bei Steinmeier zum Stigma reichte. Und noch heute ist Ex-Justizministerin Herta Däubler-Gmelin überzeugt, dass sie nicht über einen unbedachten Bush-Hitler-Vergleich gestolpert ist, sondern ihren Sturz einer Intrige der beiden Juristen Steinmeier und Otto Schily verdankt, die ihre selbstbewusste Amtsführung nicht länger ertrugen. Am früheren Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye hat Steinmeier stets dessen "Halbwissen" bekrittelt. Dessen Nachfolger Bela Anda gewährt er dennoch keinen Zutritt in den inneren Kreis um Schröder.

Zu Recht allerdings wird Steinmeier für seinen Einsatz allseits Respekt entgegengebracht. Ameisenfleiß treibt ihn um. Keine Hobbys, keine Zeit für Kino und Theater. Stets macht er im Kanzleramt das Licht aus. Ein Aktenfresser - wenngleich vielleicht einer, der in den Akten steckt, statt über ihnen zu stehen. Ein Urlaub, bei dem er nicht vorzeitig zurückgerufen werde, lästern Spötter, betrachte Steinmeier als misslungen. Sein Töchterchen glaubte lange: "Der Papa wohnt im Büro."

"Der Bursche hat schon was drauf"

"Der Bursche hat schon was drauf", räumt selbst CDU-Mann Volker Kauder ein, der bei einem Wahlsieg der Union 2006 Steinmeier im Kanzleramt beerben will. Andererseits sei nicht zu übersehen, dass handwerkliche Fehler zuhauf die Regierungsarbeit begleiteten. Kauders Schluss: Steinmeiers Koordination klappe nicht, weil sich seine Autorität aus der des Kanzlers ableite. Und die sei seit langem beschädigt. Und dass mit der Abgabe des SPD-Vorsitzes an Franz Müntefering die Abstimmungsprozesse noch komplizierter geworden sind, wird auch in Steinmeiers Umgebung eingeräumt.

Bevor Steinmeier ins Kanzleramt wechselte, hat er Rat bei Manfred Schüler gesucht, dem legendär tüchtigen Amtschef von Helmut Schmidt. Doch dessen Tips können kaum hilfreich gewesen sein. Denn Schmidt war ein Kopf-Kanzler, dessen Strategie sein Staatssekretär operativ umzusetzen hatte. Schröder ist ein Bauch-Kanzler, der einen kritisch-analytischen Kopf an seiner Seite bräuchte. Einen mit Mut zum Widerspruch, das vor allem.

Diesen Part hat Steinmeier jahrelang nicht geleistet. Hat das rot-grüne Chaosmanagement nicht verhindert. Widersetzte sich nicht, als Schröder nach dem Machtwechsel sogleich den von der Union zur Sanierung des Rentensystems bereits beschlossenen Demografiefaktor wieder kippte.War Kanzlers Pannenhelfer, anstatt ihn vor den Fettnäpfchen zu bewahren. Ließ zu, dass mit dem "Bündnis für Arbeit" nutzlos Zeit vertändelt wurde.

Frühwarnsystem Steinmeier hat oft nicht funktioniert

Wo war das Kanzleramt, als Rot-Grün nach dem Wahlsieg 2002 ohne langfristige Planung in die Koalitionsgespräche stolperte? Nichts war vorbereitet. Steinmeier machte mit, als überfällige politische Entscheidungen in Kommissionen ausgelagert wurden. "Der innovative Konsens bringt die Verhältnisse in Bewegung", predigte er - und verwaltete de facto den Stillstand. Zuweilen bremste er nicht einmal Schnapsideen wie die Ausbildungsplatzabgabe oder die Gleichstellung Alleinerziehender mit kinderlosen Singles. Das selbst ernannte Frühwarnsystem Steinmeier hat oft nicht funktioniert. Er wollte Krisen erst gar nicht entstehen lassen - und war doch fast pausenlos damit beschäftigt, Fehler glatt zu bügeln.

Mehrfach am Tag eilt Steinmeier aus seinem Büro im siebten Stock des Kanzleramts hinüber zu Schröder. Im Foyer passiert er dabei das Bild "Männer bei der Arbeit". Beim Blick darauf könnte dem Kanzleramtschef zuweilen sein Lieblingszitat in den Sinn kommen: "Jede Generation muss, wie Sisyphos, ihren Felsblock wälzen." Sein Felsblock heißt Schröder. So gesehen hat er den richtigen Job. Denn er gehört zu den Menschen, denen ihr Leiden an der Unfähigkeit anderer Befriedigung bereitet.

Hans Peter Schütz
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