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22. März 2009, 09:05 Uhr

"Ich habe keine Angst vor Krisen"

Frank-Walter Steinmeier, Außenminister, SPD, Wirtschaftskrise, Kanzlerkandidat

Blick zurück auf schwierige Zeiten: "Wir hatten viel Hader und Kleinkrieg", sagt SPD-Vize Steinmeier über seine Partei© Peter Rigaud

Der Spielraum sieht momentan so aus: Der Staat pumpt Woche für Woche Milliarden in irgendwelche Löcher, in der Hoffnung, damit zu retten, was zu retten ist. Denken Sie nicht manchmal: Wahnsinn, was wir hier machen?

Der Wahnsinn hat stattgefunden, bevor die Politik gefragt war: Gier, Unvernunft und Verantwortungslosigkeit auf internationalen Finanzmärkten. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie empört die "Experten" reagiert haben, wenn man bloß darüber nachdachte, ob Regeln nötig sind. Deshalb hatten wir auch keinen Erfolg beim Versuch, den Einfluss von Hedgefonds wenigstens etwas einzugrenzen. Nach dem Desaster ist Politik wieder gefragt, ich würde sogar sagen: attraktiv.

Sie fühlen sich nicht überrollt?

Ich fühle mich im Moment sehr viel stärker wieder als Handelnder. Wir haben jetzt ein Zeitfenster, das mehr als einen Spaltbreit geöffnet ist. Der Schrecken sitzt tief wie nie. Ich kämpfe deshalb dafür, dass wir jetzt die Chance für den Neuanfang nutzen und endlich jene Regeln schaffen, die auf den regellosen Märkten bisher fehlen. Wir brauchen zum Beispiel eine bessere Aufsicht der Banken und eine Art TÜV für Finanzprodukte.

Für die Bürger stellt sich die Politik so dar: Diejenigen, die den Schlamassel angerichtet haben, rettet der Staat mit Milliarden, die kleinen Krauter lässt er über die Klinge springen.

Das habe ich vorausgesehen. Deshalb hatte ich von vornherein gesagt, es muss zum Rettungsschirm für die Banken auch einen Schutzschirm für Arbeitsplätze geben. Dafür haben wir viel Geld in die Hand genommen, um Unternehmen und Betrieben zu helfen, die wegen des Versagens der Banken ins Trudeln geraten. Die mehr als 13 Milliarden Euro für kommunale Investitionen sichern ja vor allem Arbeit für Tausende von Handwerksbetrieben. Hinzu kommen Hilfen für Familien und die Abwrackprämie, die wir gegen die CDU und viele andere Zweifler durchgesetzt haben.

Sie wissen derzeit immer genau, was Sie entscheiden und tun?

Politik ist keine exakte Wissenschaft. In Situationen wie diesen braucht man oft Mut, nach gründlicher Überlegung auch das zu tun, wo man die Konsequenzen jeder einzelnen Maßnahme nicht aufs Komma genau berechnen kann. Aber ich bin fest überzeugt: Die Gesamtwirkung der Dinge, die wir seit dem vergangenen Herbst entschieden haben, wird positiv sein.

Dem Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser machen Sie Angst. Er sagt, die Politiker in Berlin wissen genau, dass sie das Falsche tun, sie tun es trotzdem, um bis zu den Wahlen über die Runden zu kommen.

Ich schätze Herrn Abelshauser sehr. Aber hier unterschätzt er unser Verantwortungsbewusstsein. Uns ist sehr bewusst, dass niemand mit den riesigen Summen, die wir im Moment bereitstellen, Wahlkampf machen darf. Wir wissen doch, dass wir mit der Neuverschuldung für das Konjunkturpaket die nachfolgenden Generationen erheblich belasten. Aber wenn wir jetzt nichts oder nur wenig tun, wird es noch teurer, weil noch mehr Jobs verloren gehen, Steuereinnahmen sinken und Sozialausgaben steigen.

Herr Steinmeier, Sie haben gerade eine Charmeoffensive gestartet. Sie reden bei "Beckmann" über Ihr Leben, "Bild" druckt Ihr Buch vorab. Haben Sie's so nötig?

Quatsch. Aber seit ich Kanzlerkandidat bin, verändern sich die Fragen an mich. Die Menschen interessiert, woher ich komme, was mich geprägt hat, was mich treibt.

Lassen Sie uns das doch mit einem kleinen Fragespiel klären. Vater oder Mutter?

Meine Mutter ist als 15-Jährige bei Kriegsende aus Breslau geflüchtet, ihr Schulweg war danach beendet. Darunter hat sie gelitten. Von der Mentalität her bin ich vielleicht stärker vom Vater geprägt: ein nervenstarker, gelassener Mensch.

Ente oder Käfer?

Meine beiden ersten Autos waren Enten, beide hellblau. Das Wunderbare war: Sogar mit meinem technischen Verstand konnte ich fast alles reparieren, was kaputtging. Der Nachteil: Ich brauchte diese Kenntnisse jedes Wochenende.

Bayern oder Gladbach?

Schalke.

Wembley 1966: Drin oder nicht drin?

1966 war ich zehn. Wir hatten keinen Fernseher, das war das eigentliche Drama. Das Spiel habe ich bei meiner Oma gesehen. Natürlich war der Ball nicht drin.

Beatles oder Stones?

Da musste man sich in meiner Jugend zum ersten Mal wirklich entscheiden. Ich gehörte eindeutig zur Stones-Fraktion.

Jura oder Architektur?

Brot oder Butter? Zunächst wollte ich Sportreporter werden, dann Journalist. Architektur war auch immer eine Neigung. Mein Vater war Tischler, vielleicht hat mich deshalb das Gestaltende gereizt. Ich habe mich dann doch fürs Brotstudium Jura entschieden.

Frank oder Frank-Walter? In den Papieren steht Frank-Walter. Solange ich mich zurückerinnern kann, nennen meine Freunde mich Frank.

Pils oder Pomerol?

Ich weiß nicht, für was man das bei mir zu Hause gehalten hätte... Pomerol mag ich nicht so gern. Deswegen: eindeutig Pils.

Schmidt oder Schröder?

Warum oder?

Kohl oder Merkel?

Weder noch.

Schlafen Sie eigentlich gut?

Immer noch. Vielleicht auch deshalb, weil die Gelegenheiten dazu so knapp sind.

Träumen Sie?

Klar! Am intensivsten merkwürdigerweise bei irgendwelchen Fernflügen, bei diesen Drei-Stunden-Schlafgelegenheiten.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 12/2009

 
 
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