
Im Zentrum der Macht: Philip Rösler im Gespräch mit Familienministerin Krisitina Köhler, Agrarministerin Ilse Aigner und Innenminister Thomas de Maiziere (v.l.n.r.)© Tobias Schwarz/Reuters
Wie anders Rösler ist, zeigt sich am Montagabend dieser Woche bei einem Besuch in der Rettungsstelle des Klinikums Neukölln. Ein langer, schmaler Gang, kaltes Neonlicht. Am Rand stehen Betten, darin Patienten, Notfälle, mit dünnen Laken dürftig zugedeckt. "Herr Doktor, wann kommen Sie denn mal wieder?", ruft eine alte Frau den Männern im weißen Kittel hinterher, als sich der Tross des Ministers aus Ärzten, Managern, Journalisten und Fotografen an ihr vorbeizwängt. Doch keiner dreht sich um - auch nicht Rösler.
Vorgängerin Ulla Schmidt hätte in so einer Situation die Ärzte einfach stehen gelassen und jedem Patienten die Hand geschüttelt. Ein paar Fragen, ein paar aufmunternde Worte, das wird schon wieder. Auch Horst Seehofer oder Norbert Blüm hätten das so gemacht. Rösler, selbst einst Arzt in einem "Wald- und Wiesenkrankenhaus", wie er sagt, interessiert sich an diesem Abend eher für die Weglänge von der Rampe der Rettungswagen bis hin zur Aufnahme. Ansonsten ist ihm der Auftrieb an diesem Ort, an dem die Menschen gerade andere Sorgen haben, sichtlich unangenehm. Erschrocken zieht er den Kopf ein und reißt die Augen auf, als er den Gang betritt.
Das ist Röslers größtes Pfund: Für einen Politiker ist er ungewohnt uneitel. Das macht ihn gefährlich. Uneitle Menschen werden schnell unterschätzt. Und umgekehrt ist die Eitelkeit die größte Schwäche des Politikers. Hier kann man ihn provozieren, aus der Reserve locken und zu Schnellschüssen verleiten.
Über Monate hat dies die CSU versucht: Rösler, der Naseweis, solle doch sehen, wo er mit seiner Kopfpauschale lande - in der Isolation. Die Reformkommission brauche kein Mensch, Rösler solle lieber sparen. Das war die Botschaft, jede Woche, jeden Tag.
Anfangs hat Rösler sich gewehrt, hat empört auf den Koalitionsvertrag verwiesen. Dies war sein bislang größter Fehler. Es sah so aus, als verbeiße sich da ein naiver Jungspund in einen aussichtslosen Kampf. Inzwischen hat er seine Taktik geändert, die Erwartungen gesenkt. Die Kopfpauschale komme, sagt er nun, aber ganz langsam. Jetzt gehe es um einen Einstieg, eine kleine Pauschale, eigentlich nur eine Weiterentwicklung des Status quo. Die CDU hat schon Zustimmung signalisiert, Kanzlerin Angela Merkel stärkt Rösler den Rücken - und inzwischen sieht es um die CSU ziemlich einsam aus. Egal, was die Koalition zur Kopfpauschale beschließen wird, gemessen am Widerstand der CSU wird es Rösler als Erfolg verkaufen können.
Auch bei den Ärzten und Klinikbetreibern hat Rösler ein Thema gesetzt: die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. In Neukölln erzählt der Minister die Geschichte seiner Frau Wiebke. Die beiden haben Zwillinge, gerade mal ein Jahr alt. Nach der Elternzeit arbeitet Wiebke Rösler wieder, als Ärztin in einer Klinik. Sie hätte anfangs gern nur eine halbe Stelle gehabt, berichtet Rösler. Doch ihr Chefarzt habe ihr erklärt, halbtags zu arbeiten sei mit dem Alltag einer Klinik unvereinbar. "Das ist auch ein Thema, über das wir reden müssen, wenn wir den Ärztemangel beklagen", sagt er.
Da räuspert sich ein älterer Herr, er ist Mitglied der Geschäftsführung. "Daran arbeiten wir", sagt er eilig. Rösler strahlt. "Das gibt hier ja noch ein echtes Happy End." Es könnte nicht das letzte sein.