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18. März 2010, 17:05 Uhr

Die Rache des Praktikanten

Gesundheitsminister, Rösler, Philipp Rösler, Pharmalobby, FDP, Praktikanten, Kopfpauschale, Medikamente, Medizin, Krankenkasse, Krankenkassen, Gesundheitssystem, Kopfpauschale, Gesundheitsfonds

Im Zentrum der Macht: Philip Rösler im Gespräch mit Familienministerin Krisitina Köhler, Agrarministerin Ilse Aigner und Innenminister Thomas de Maiziere (v.l.n.r.)© Tobias Schwarz/Reuters

Gefährlich uneitel

Wie anders Rösler ist, zeigt sich am Montagabend dieser Woche bei einem Besuch in der Rettungsstelle des Klinikums Neukölln. Ein langer, schmaler Gang, kaltes Neonlicht. Am Rand stehen Betten, darin Patienten, Notfälle, mit dünnen Laken dürftig zugedeckt. "Herr Doktor, wann kommen Sie denn mal wieder?", ruft eine alte Frau den Männern im weißen Kittel hinterher, als sich der Tross des Ministers aus Ärzten, Managern, Journalisten und Fotografen an ihr vorbeizwängt. Doch keiner dreht sich um - auch nicht Rösler.

Vorgängerin Ulla Schmidt hätte in so einer Situation die Ärzte einfach stehen gelassen und jedem Patienten die Hand geschüttelt. Ein paar Fragen, ein paar aufmunternde Worte, das wird schon wieder. Auch Horst Seehofer oder Norbert Blüm hätten das so gemacht. Rösler, selbst einst Arzt in einem "Wald- und Wiesenkrankenhaus", wie er sagt, interessiert sich an diesem Abend eher für die Weglänge von der Rampe der Rettungswagen bis hin zur Aufnahme. Ansonsten ist ihm der Auftrieb an diesem Ort, an dem die Menschen gerade andere Sorgen haben, sichtlich unangenehm. Erschrocken zieht er den Kopf ein und reißt die Augen auf, als er den Gang betritt.

Das ist Röslers größtes Pfund: Für einen Politiker ist er ungewohnt uneitel. Das macht ihn gefährlich. Uneitle Menschen werden schnell unterschätzt. Und umgekehrt ist die Eitelkeit die größte Schwäche des Politikers. Hier kann man ihn provozieren, aus der Reserve locken und zu Schnellschüssen verleiten.

Mit der Kanzlerin gegen die CSU

Über Monate hat dies die CSU versucht: Rösler, der Naseweis, solle doch sehen, wo er mit seiner Kopfpauschale lande - in der Isolation. Die Reformkommission brauche kein Mensch, Rösler solle lieber sparen. Das war die Botschaft, jede Woche, jeden Tag.

Anfangs hat Rösler sich gewehrt, hat empört auf den Koalitionsvertrag verwiesen. Dies war sein bislang größter Fehler. Es sah so aus, als verbeiße sich da ein naiver Jungspund in einen aussichtslosen Kampf. Inzwischen hat er seine Taktik geändert, die Erwartungen gesenkt. Die Kopfpauschale komme, sagt er nun, aber ganz langsam. Jetzt gehe es um einen Einstieg, eine kleine Pauschale, eigentlich nur eine Weiterentwicklung des Status quo. Die CDU hat schon Zustimmung signalisiert, Kanzlerin Angela Merkel stärkt Rösler den Rücken - und inzwischen sieht es um die CSU ziemlich einsam aus. Egal, was die Koalition zur Kopfpauschale beschließen wird, gemessen am Widerstand der CSU wird es Rösler als Erfolg verkaufen können.

Rösler wird persönlich

Auch bei den Ärzten und Klinikbetreibern hat Rösler ein Thema gesetzt: die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. In Neukölln erzählt der Minister die Geschichte seiner Frau Wiebke. Die beiden haben Zwillinge, gerade mal ein Jahr alt. Nach der Elternzeit arbeitet Wiebke Rösler wieder, als Ärztin in einer Klinik. Sie hätte anfangs gern nur eine halbe Stelle gehabt, berichtet Rösler. Doch ihr Chefarzt habe ihr erklärt, halbtags zu arbeiten sei mit dem Alltag einer Klinik unvereinbar. "Das ist auch ein Thema, über das wir reden müssen, wenn wir den Ärztemangel beklagen", sagt er.

Da räuspert sich ein älterer Herr, er ist Mitglied der Geschäftsführung. "Daran arbeiten wir", sagt er eilig. Rösler strahlt. "Das gibt hier ja noch ein echtes Happy End." Es könnte nicht das letzte sein.

Von Timo Pache
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KOMMENTARE (10 von 32)
 
Latze (19.03.2010, 20:06 Uhr)
Wieso???
tragen wir eigendlich die Gesundheitskosten für die Angehörigen der hier lebenden Türken in der Türkei?? Das kann doch nicht angehen !
Und was ist wenn die Kopfpauschale wirklich kommt, bezahlen dann die in der Türkei Lebenden die Kopfpauschale selbst, oder übernimmt das der Steuerzahler hier?
knilch_59 (19.03.2010, 12:30 Uhr)
@figaroo
Gehen wir mal davon aus, dass Herr Rösler eine gewisse Basis-Fachkunde besitzt, also nicht von Null auf Gesundheitsminister durchstartete. Sonst würden Sie der FDP ein wirklich katastrophales Zeugnis bei der Besetzung von Posten ausstellen. Gesundheitswesen unterscheidet sich auch dadurch von anderen Ressorts wie Innen, Außen oder Verteidigung dadurch, dass es dort sicherlich keine Unmengen von als ?Geheim? klassifizierten Unterlagen gibt, in die man sich einarbeiten muss, um erstmal eine Linie zu finden.
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Vor diesem Hintergrund muss man die Trends sehen, die Herr Rösler gesetzt hat. Und dann bleibt alles grottenschlecht! Siehe mein Kommentar v. 18.03.2010, 22:58 Uhr.
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An anderen Orten habe ich schon Vorschläge gemacht, wie die Ausgabenseite des Gesundheitswesens zu beeinflussen wäre:
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www.stern.de/politik/deutschland/gesundheitsreform-union-zerreisst-roeslers-arznei-sparplaene-1549292.html
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In der Politik ist nun mal nicht nur wichtig, was man tut, sondern auch, was man nicht tut. Herrn Rösler war bei Amtsantritt klar, wohin der Zug fährt, sonst wäre er dumm! Und jetzt lässt er die Sache so lange laufen, bis durch die normative Kraft des Faktischen eine Regelung her muss. Und dann bleibt seine, sozial eiskalte, Lösung die einzige Option. So weit hätte man es nicht kommen lassen müssen, kann es aber. Als Bundes-Gesundheitsminister einer Koalition, die die Gesetzliche Krankenversicherung als Basisversorgung mit Lizenz zum unbegrenzten Zuverdienst für Ärzte, Apotheker und Pharmafirmen versteht und bei der die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung nur Mittel zum Zweck, nämlich Umverteilung nach oben, ist!
kunoo (19.03.2010, 12:26 Uhr)
Patient Gesundheitsreform
Philipp Rösler schafft die Wende in der Gesundheitsreform - und die Erde ist eine Scheibe ...

Im Gesundheitswesen ist doch eine echte Reform, die alle Seiten gleichermaßen in die Pflicht nimmt, politisch gar nicht gewollt.

Wie kann es angehen, dass sich das System seit Jahren völlig unkritisch und ohne Gegenwehr die Preise von der Pharmaindustrie diktieren lässt? Warum lässt man es nicht zu, dass ausgerechnet hier der so viel beschworene 'freie Markt' und Wettbewerb nicht gelten soll? Es wäre doch ein Leichtes, überteuerte Medikamente z. B. im europäischen Ausland zu kaufen und hier entsprechend billiger anzubieten.

Warum lässt die Politik die überbordene Versorgung mit Apotheken und deren hohe Gewinnspannen zu? (in Hannover in einer Straße 15 (!) Apotheken).

In meiner Familie werden regelmäßig teure Medikamente benötigt, die wir über eine NL-Versandapotheke beziehen. Diese Apotheke kauft die Medikamente an allen möglichen europäischen Standorten ein (zu nachweislich wesentlich günstigeren Preisen) und berechnet der Krankenkasse den teuren inländischen Preis (mit ein paar Prozenten Rabatt) - toller Markt.

Ja, auch wir Patienten mit durchschnittlich 18 (!) Arztbesuchen/Jahr müssen uns an die eigene Nase fassen. Warum erhalten wir vom Arzt keinen Beleg über die Kosten, damit wenigstens bei einigen 'Wartezimmer-Stammgästen' vielleicht ein wenig Kostenbewußtsein geweckt wird?

An unserem kranken Gesundheitssystem lässt sich am besten ablesen, wie weit wir bereits in die Fänge der Lobbyisten geraten sind. Politische Aktivitäten sind nur Scheingefechte und Volksverdummung.
figaroo (19.03.2010, 10:49 Uhr)
kauderwelsch
.. erstaunlich wie immer diesselben leute dasselbe mantra vor sich her tragen....

mit dem thema kopfpauschale haben sich hier wahrscheinlich die wenisgten wirklich beschäftigt - sondern beten die immer gleichen sätze ihrer vorturnerin der politik nach...

ein guter gesundheitsminister muss mehrere sachen gleichzeitig tun: die phamramkonzerne in den griff bekommen, die ein heidengeld verdienen...

anreize für ärzte schaffen, die auf heilungsmaximierung ausglegt sind - und bei denen dieser punkt nicht ihren finanziellen interessen entgegenläuft - sondern parallel

dafür braucht es aber einen richtigen gegenspieler - und das sind die GKVs nun mal nicht... jeder gesetzlich versicherte, der sich hier gerne von einer GKV vertreten lässt, wird zwangsläufig immer mehr bezahlen und weniger leistung erhalten.. DAS haben ja die vergangenen jahrzehnte bewiesen.. wer das noch verstärken will, dem ist nicht zu helfen..

und zu guter letzt müssen auch wir patienten besser erzogen werden - wer kosten im gesundheitswesen verursacht, sollte das auch im geldbeutel spüren - solange man eine zweit- und dritt-diagnose kostenlos machen lassen kann.. solange man für jeden schnupfen die allgemeinheit mit ksoten belastet und vieles mehr - solange werden das sehr viele menschen auch tun..

wir sind zwar im internationalen vergleich nur durchschnittlich gesund - sind aber spitze mit der zahl unserer arztbesuche... jeder der nicht zu dieser spitzengruppe gehört, sollte erstmal seine mit-bürger in den hintern treten - und nicht der minister..

@knilch: jemand der neu in ein gesundheitsministerium kommt und dann nach 3 monaten schon alles umgesetzt hat, der Kann ja gar nicht klug handeln... guut ding will weile haben... das sollte Sie in ihrem alter doch wissen;-)
C.Germer (19.03.2010, 09:58 Uhr)
neuer Star der FDP ?
Blos nicht! R. hat 0 Charisma, keine Ahnung von der Realität. Wenn schon Erneuerung in der FDP, dann nicht auf Rösler komm raus. Oder vielleicht doch. Dann gibt es das gleiche Desaster wie bei Parteifreund W. - nur auf einer anderen Ebene. Warum ist er nicht Arzt geblieben? Muss man da evtl. Arbeiten?
Corazito3333 (19.03.2010, 06:51 Uhr)
einheitliche Kopfpauschale
was soll das, es ist Augenwischerei...
damit ist die nächste Abzocke offiziell - es muß MEHR bezahlt werden, vom Steuerzahler für immer weniger Leistung.
Sparen ja, 1 Beitrag - 1 Krankenkasse und schon mehrere Vorstände die Wasserköpfe eingespart...usw. aber da traut sich "der Praktikant" nicht ran und an die Lobbyisten der Pharmaindustrie eh nicht.
allesklar (19.03.2010, 04:19 Uhr)
Spekulation
Warten wir ab - was erreicht wird!
Latze (18.03.2010, 23:42 Uhr)
Deutschland !!!!
Wach bitte endlich auf.
Träumen wir das alle nur?
Prologo (18.03.2010, 23:39 Uhr)
@Johann58, Da hat eine Kehrtwende stattgefunden, ...

....Merkel und Seehofer steht das Wasser am Hals. Und auch der Partei FDP. Wegen der NRW Wahl.

Die CDU/CSU will mit der FDP regieren, aber nicht mehr mit Westerwelle. Es ist doch unverkennbar, dass Westi Merkel in den Hotelkeller zieht. Westi ist kein Kreidefresser. Aber er ist auch noch anders.

Deshalb läuft jetzt das Programm, wie werden wir Westi los. Das Gleiche denkt auch die FDP. Es geht ums Überleben. Der Kubicki hat den Abgang von Westi schon eingeleitet.

Der Rösler ist als nächstes Aushängeschild der FDP ausgewählt. Deshalb unterstützt die Merkel und auch bald Seehofer die Kopfpauschale.

MfG,
T.
Johann58 (18.03.2010, 23:21 Uhr)
@Prologo
ob sich unser aller Mutti mit Roesler, na ich weiss nicht! Eher glaube ich, dass sich Guido noch ein bischen austobt und dann Kreide frisst, spaetestens wenn innerparteilich der Druck so gross wird, dass man nach Alternativen sucht. Kubicki's 5 Jahr sind ein deutliches Zeichen, dass man nicht nur zufrieden mit Guido ist. Ich habe so ein ganz bloedes Gefuehl im Magen, dass das alles Taktik ist und man von irgendwelchen Knallern ablenken will.
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