
Mit Merkel im Bundestag: Lange Zeit setzte der FDP-Chef voll auf die Kanzlerin. Jetzt ist er misstrauisch geworden, denn sie sucht nach neuen Optionen© Tim Brakemeier/DPA
Vielleicht ist dieser Guido Westerwelle plötzlich der richtige Vorsitzende zur falschen Zeit. Vielleicht muss er sich noch mal ganz neu erfinden. Aber kann er das?
Er schüttelt sich und strafft sich in seinem feinen Anzug. Er hält jetzt eine Rede in einem Münchner Hotel, Kommunalwahlkampf in Bayern, und er hämmert seine Sätze ins Publikum - wütende Ausfälle gegen "rote und schwarze Linke", gegen "Gleichmacherei" und "bürokratische Staatswirtschaft" und für "mehr netto vom brutto". "Wo sind wir gelandet?", fragt er empört. "Was sind das für Debatten?"
Mein Gott, wie kann der Mann reden! Es ist Klassenkampf aus der Mitte, vorgetragen im Namen der angeblich "vergessenen Mehrheit, die frühmorgens noch aufsteht" - schneidend und unbarmherzig. Aber: Es ist verdammt wenig Trost dabei und wenig Gefühl. Eine Atmosphäre der Eingeschnapptheit und Übellaunigkeit liegt über allem. Als spüre er diesen Mangel, schwingt sich Westerwelle oft im letzten Moment zu einer Art liberalem Glaubensbekenntnis auf: "Das sind wir! Das ist ein Lebensgefühl! Die Sache der Freiheit!"
Er spricht unglaublich laut, mit enervierend hoher Stimme, und bei jedem seiner Auftritte ist zu beobachten, wie die Zuhörer in den ersten Reihen unwillkürlich etwas zurückweichen, wenn er das Wort ergreift. Treibt ihn bei seinen Fanfarentönen vielleicht das untergründige Gefühl, dass man ihm nach all den Jahren nicht mehr so richtig zuhört? Nicht selten erscheint die Empörung, die dieser Mann stets aufs Neue druckreif in sich abruft, seelenlos und automatisiert. Sein Gesicht zeigt in solchen Momenten einen Anflug von Müdigkeit, und hinter der Fassade munterer Jugendlichkeit wirkt er ein wenig wie vorzeitig gealtert.
"Schau'n Sie", sagt er, "2003 habe ich aufgehört, mich um Veränderungen zu bemühen. Ich bin der, der ich bin, und mache mir keine Imagegedanken mehr."
Es ist ein merkwürdiges Gefühl, dem "ewigen Guido" plötzlich gegenüberzusitzen in seinem Büro. Eine Zeit lang hat uns dieser Mann doch mit Bildern von sich versorgt, dass wir fast irre geworden sind an ihm. Westerwelle mit Flaschenbier im Container von "Big Brother", Westerwelle im "Guido-Mobil", Westerwelle in einer Gondel in Venedig, im weißen Anzug, wie Thomas Mann. Einmal, bei "Christiansen", hat er uns sogar seine Schuhsohlen mit der gelben "18" ins Gesicht gehalten.
Eigentlich wollte er all die Jahre etwas von sich mitteilen, er wollte, dass wir ihn mögen. Aber es war alles zu viel, es war alles zu grell - und oft waren seine Gesten seltsam verrutscht, sie kamen zum falschen Zeitpunkt: Er machte Spaßpolitik, als der Spaß der New Economy längst vorbei war; und als alle Angst vor einem Irak-Krieg bekamen, kurvte er noch mit seinem lustigen "Guido-Mobil" durch die Republik. Er wurde zu einer überinszenierten Figur, aufgelöst in synthetischer Kunsthaftigkeit.
Jetzt sitzt er behaglich in seinem Sessel - seltsam: Es gibt ihn also wirklich. Die Sekretärin reicht Kaffee aus gelben "FDP"- Thermoskannen. Aus der Nähe ist er doch anders, als man ihn aus dem Fernsehen kennt. Nicht so schnell und nicht so schneidend. Sehr verbindlich. Ein aufmerksamer Zuhörer. Ein angenehmer Mensch.
Dann träumt man sich mit ihm ein wenig zurück - bis hin zum unerbittlichen, am Ende tödlichen Duell mit Jürgen Möllemann, der "geradezu griechischen Tragödie", wie er es heute nennt. Ein ganzes politisches Leben hat er doch schon gelebt! Es kennt mehr Härte und mehr Tiefen als manch andere Politiker-Biographie.
Und trotzdem haftet an Guido Westerwelle bis heute eine Aura juveniler Verantwortungsferne. Er weiß das, und wohl deshalb fällt es ihm so schwer, in dem großen Machtgeschacher, das nun beginnt, einfach mitzuschachern: Kurt Beck bricht sein Wort und macht es mit der Linken, Merkel mit den Grünen - nur er schleppt noch immer den "ewigen Guido" mit sich herum und braucht daher für sich Gesten altbürgerlicher Solidität und Verlässlichkeit.
In wohlgesetzten Worten ("Herr Minister, im Hinblick auf Ihre Ausführungen erlaube ich mir eine kurze Bemerkung") formuliert er auf der Münchner Sicherheitskonferenz gegenüber dem US-Verteidigungsminister seine Position zu Afghanistan. Mitten im überhitzten Hessen-Wahlkampf schreibt er Briefe an die anderen Parteichefs und fordert Mäßigung bei dem "demokratieschädlichen" Treiben.
Doch wirken auch diese Gesten oft einstudiert und aufgesetzt - als wolle hier einer im Vorgriff auf den ersehnten Außenminister-Posten im Eiltempo würdevolle Staatlichkeit in sich aufnehmen. Und im Publikum bleiben Zweifel, ob er wirklich ernster, reifer und gefestigter ist. Oder ob wir nur Zeugen einer weiteren, auf Effekt berechneten Charakterdarstellung sind.
Trotzdem spricht doch so viel für ihn und seine FDP - die Kanzlerin macht sich im Bundestag immer ganz klein, wenn der "letzte freie Oppositionelle" (Westerwelle) seine beißenden Sottisen gegen großkoalitionäre Stümperei vorträgt.Warum nur ist es so schwer, ihn zu mögen? Warum ist es so schwer, die FDP zu mögen? Warum kann man sich auf hippen Partys in Berlin- Mitte zu allem bekennen, zu Oskars Kommunisten, notfalls auch zu Becksteins CSU - aber nicht zu Guidos FDP?
Alle reden vom Steuersünder Zumwinkel, alle haben Sehnsucht nach mehr Gerechtigkeit, nach einem Staat, der beschützt. Aber wenn man bei der FDP anruft, hört man in der Warteschleife eine markige Männerstimme, sie sagt: "Mehr FDP heißt: weniger Steuern!" Das ist vielleicht genau das Problem: "Weniger Steuern" - das reicht irgendwie nicht mehr. Das ist zu wenig.
Die Westerwelle-FDP ist eine Partei ohne Pathos und ohne Sentiment. Sie hat sich eingerichtet in ihrer eigenen Welt. Und diese Welt sieht ein bisschen so aus wie die Dachgeschosswohnung, die der Parteivorsitzende im feinen Berlin-Charlottenburg bewohnt. Alles hat dort seinen Platz: die Bilder an der Wand, die Esstischstühle im Wohnzimmer. Alles ist adrett und akkurat. Es ist die Welt als Wille und Vorstellung des Guido W. - einsam, aufgeräumt und liberal.
Vielleicht muss er sich tatsächlich noch mal ganz neu erfinden. Es wird schwierig für ihn. Er sucht noch nach einer Strategie.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 11/2008