
Der Einheitskanzler 2005 während einer Präsentation seinens Buches "Erinnerungen 1982-1990"© Tobias Schwarz/Reuters
Kohl hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass für ihn - wie seine Vorgänger - die Wachhaltung der Erinnerung an die Gräuel des Nazi-Regimes wie auch das Verhältnis zu Israel besondere Priorität genossen. In seiner Amtszeit vertieften sich die Beziehungen zu Israel in mannigfacher Weise, und nur ein kleiner Teil davon war nach außen sichtbar.
In den 80er Jahren gewann die Außenpolitik Kohls zunehmend an Profil. Neben der Nachrüstungs- und Rüstungskontrollpolitik war es der Ausbau der Weltwirtschaftsgipfel, wo er, das Gewicht der Bundesrepublik als größte europäische Volkswirtschaft und Exportweltmeister nutzend, eine führende Rolle spielte. Der aufsteigenden Macht China widmete er zunehmende Aufmerksamkeit.
Vor allem aber war es die Europa-Politik, in der er - durchweg in enger Kooperation mit Mitterrand - neue Initiativen ergriff. Beide hielten einen "großen qualitativen Sprung zur Europäischen Union" für notwendig und legten 1985 gemeinsam einen Vertragsentwurf vor, der 1987 zur "Einheitlichen Europäischen Akte" führte.
In jenen Jahren wurde Helmut Kohl eine dominierende Führungsfigur in der europäischen Politik, der die Weiterentwicklung der Gemeinschaft zu seinem Hauptanliegen gemacht hatte. Dafür sollte ihm später nach der vollzogenen Wiedervereinigung als dem einzigen Politiker nach Jean Monnet der Titel "Ehrenbürger Europas" verliehen werden.
Von besonderer Bedeutung für Deutschland wie für Europa waren die 1988 eingeleiteten Schritte zur Gründung einer Wirtschafts- und Währungsunion. Ein Stufenplan wurde beschlossen, der die Phasen bis hin zu einer gemeinsamen Währung festlegte, für Kohl und die deutsche Politik eine Frage von kardinaler Bedeutung, hieß dies doch die Aufgabe der D-Mark als nationaler und Europas führender Währung. Schon damals wurde Widerstand sichtbar, von der Bundesbank bis hin zu Großbritannien. Kohl hat jedoch - und dies hat wesentlich zu seinem Ruf als großem Europäer beigetragen - die Entscheidung zur Aufgabe der nationalen zugunsten einer europäischen Währung zu einem Zeitpunkt vorangetrieben, als die Mauer noch stand und sich niemand die Wiedervereinigung vorstellen konnte.
Helmut Kohls weltpolitische Stunde schlug mit dem Fall der Mauer am 9. November 1989. Innerhalb kürzester Zeit brach der Kommunismus in Deutschland und Osteuropa zusammen und mit ihm die gesamte bipolare Weltordnung der Nachkriegszeit und des Ost-West-Konflikts. Dass kein Chaos ausbrach und kein Schuss fiel und in weniger als einem Jahr Deutschland vereinigt war und mit einer Fülle internationaler Abkommen eine neue Ordnung in Europa entstand: Dies war das Werk kluger Diplomatie und von Staatsmännern, unter ihnen Kohl als zentrale Figur.
Als die Mauer während des gleichzeitig stattfindenden Besuchs des Kanzlers in Warschau in Polen fiel und der polnische Staatspräsident Walesa ihm zur jetzt kommenden deutschen Wiedervereinigung gratulierte, wehrte Kohl ab, dies sei ein Prozess, der Jahre in Anspruch nehmen würde. Sein Konzept der 10 Punkte vom 28. November 1989 ging noch von einem langsamen Prozess des Zusammenwachsens zweier Staaten aus. Die DDR befand sich jedoch in rapidem Zerfall, der Druck auf Wiedervereinigung nahm ständig zu, und der Flüchtlingsstrom aus der DDR drohte beide deutsche Staaten zu destabilisieren. Mutiges Handeln war nötig, um die Entwicklungen in kontrollierbare Bahnen zu lenken.
Es war Kohls Verdienst, die Chance der Wiedervereinigung zu erkennen, den "Zipfel des Mantels der Geschichte" zu ergreifen und alle Kräfte einzusetzen, die er und die damalige Bundesrepublik mobilisieren konnten, um die Wiedervereinigung mittels internationaler Vereinbarungen zu erreichen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 1/2010
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