
Karin Christen war lange die Mitarbeiterin von Martin, einem führenden Manager der städtischen Immobilienfirma.© Martin Jehnichen
Die Verführung lauert überall: Viele sind verwirrt von den Leipziger Mädchen. Das kennen sie so ungezwungen nicht. Aber immer wieder kommt es auch vor, dass nach einer fröhlichen Nacht der muskulöse Freund des Mädchens 3000 Mark Entschädigung verlangt. Wochenendehen geraten in Gefahr. Fotos entstehen. Ein Kinderspiel für Erpresser. Als die Polizei 1993 eine Wohnung stürmt, die hinterher als Kinderbordell "Jasmin" durch die Medien geht, ziehen auch viele Beamte den Kopf ein. Einer gesteht heute: "Das waren 16-Jährige, die sich als volljährig ausgaben und auch so aussahen."
Der Zuhälter hielt sie wie Sklavinnen und bekommt nur vier Jahre dafür. Später prahlt er von einem Deal mit der Justiz, weil er sonst über bestimmte Freier ausgepackt hätte. Abhängigkeiten dieser Art wuchern überall: Immobilienhaie richten Notaren Büros ein. Aus dem Rathaus verschwinden heiße Listen von Häusern und Namen alter Leute, die dafür Rückübertragung beantragt haben. Sie werden bei Hausbesuchen zum Verkauf gedrängt. Solches Wissen ist Gold wert. Und jeder weiß etwas über den anderen.
Für viele Aufbauhelfer in Justiz und Verwaltung muss es unerträglich sein, dabei zuzusehen, wie ihre Freunde aus der entfesselten Immobilienbranche die Grundbücher füllen und sich damit abends auch noch brüsten, während sie sich mit Problemen wie der Leipziger Wohnungsund Baugesellschaft (LWB) herumschlagen, die damals 134.000 Wohnungen verwaltet.
Statt zu bremsen, nehmen manche den grundsätzlichen Auftrag zur Privatisierung nun auch wörtlich. Wie dreist sie es treiben, blitzt nur selten in der Öffentlichkeit auf. Meist ist es dann zu spät. Als die Stadt 1999 das Henriette-Goldschmidt- Haus abreißen will, um eine Straße auszubauen, kommt heraus, dass dieses geschichtsträchtige Haus 1991 in aller Stille für 38.000 Mark an eine Rathausangestellte verkauft worden war, obwohl es als seit 1920 jüdisches Stiftungsgut für immer im Besitz der Stadt bleiben sollte. Angeblich war es abbruchreif und doch später beim Weiterverkauf im gleichen Zustand 1,2 Millionen Mark wert. Am Ende zahlt die Stadt für den Rückkauf mehrere Millionen.
Mit Wendewirren erklärt die Stadtverwaltung solche Vorgänge gern. Der damalige Oberbürgermeister Hinrich Lehmann- Grube fühlt sich Mitte der 90er Jahre trotzdem genötigt, eine Untersuchung anzuordnen, als der Verdacht immer lauter wird, drei Manager seiner Verwaltung mit Insiderwissen hätten sich an Immobilien bereichert. Natürlich erweisen sich die Vorgänge alle als rechtens. Nur, leider, verbietet der Datenschutz die Veröffentlichung der Untersuchung.
Bochum-Micha ist damals einer der Verdächtigen und wohnt mit Martin von der LWB in einer Art Gästehaus der Stadt. Der ist für die Privatisierung der städtischen Wohnungsgesellschaft zuständig und gilt später als Held, weil er Tausende Plattenwohnungen an die Berliner Aubis- Gruppe veräußert. Mit dem sogenannten Zwischenerwerbermodell, für das die Aubis bei Berliner Banken hohe Kredite aufnimmt, sollen in Leipzig Altschulden getilgt werden. Es ist der Anfang vom Berliner Bankenskandal.
Im Oktober 1994 klingelt ein falscher Telegrammbote bei Martin und schießt ihn nieder. Er soll dem LWB-Manager eigentlich "nur einen Denkzettel" verpassen, hat aber noch nie vorher geschossen. Zum Glück überlebt sein Opfer. Und die danach unvermeidbaren Prozesse lassen erstmals auch die Verstrickung der Justiz ahnen. Der vermindert schuldfähige Schütze bekommt zwölf Jahre, drei Hintermänner lebenslänglich - für einen versuchten Mord und weit über den Anträgen der Staatsanwaltschaft.
Erst Jahre später stehen die eigentlichen Auftraggeber vor Gericht, auf die es von Anfang an Hinweise gibt: zwei Immobilienhändler aus dem Allgäu, die überall Käse verschenken und im Milieu von Leipzig ihr neues Zuhause gefunden haben. Während der Ermittlungen sollen auch sie mit ihrem angeblichen Wissen über hochrangige "Kinderficker im 'Jasmin'" gedroht haben. Trotzdem kommen sie gegen Zahlung von je 2500 Mark an den Weißen Ring mit einer Verfahrenseinstellung davon. Ihre Mittäter sitzen bis heute.
Und tatsächlich verfügt ihre Konkurrentin über beste Verbindungen: Ihr Lebensgefährte ist Vizepräsident am Landgericht, das die Beschwerde, mit der sich die Allgäuer zunächst legal gegen Martins Entscheidung wehren, abweist. Den Fall hat ausgerechnet eine Richterin auf dem Tisch, die mit einem gewissen Norbert zusammenlebt, der dort auch Richter ist und zudem der beste Freund des Vizepräsidenten. Jeden Mittag gehen die beiden essen, ein Ritual, das heute wie das einzig gültige Gesetz in Leipzig anmutet.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 26/2007