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6. Mai 2007, 12:46 Uhr

Jetzt reden sie Tacheles

Ordination liberaler Rabbiner in Dresden im Herbst 2006: Erstmals seit dem Holocaust wurden in Deutschland wieder jüdische Geistliche bis zum Abschluss ausgebildet© Michael Trippel

Ruth Borenstein verkörpert alles, was die Gemeinde einst ausmachte. "Ich hatte nichts gegen die Russen. Aber am Schluss bin ich eine Träne im Ozean gewesen. Das war nicht mehr auszuhalten." Man versteht schnell, was die 73-Jährige für eine Gemeinde wert ist. Sie lacht viel, sie redet wie eine in die Jahre gekommene Göre. "Mein Mann hat die Gemeinde geliebt, meine Töchter sind dort groß geworden. Keine Feier ohne die Borenstein-Kinder." Ruth Borenstein wurde 1933 in Berlin geboren. Zum Judentum trat sie 1958 über, kurz nachdem sie ihren jüdischen Mann kennengelernt hatte. Mit ihm zog sie nach Hannover, mit ihm tauchte sie ein in die Welt der Juden im Nachkriegsdeutschland. Ihre Freunde: Überlebende. Die Gemeinde wurde Zufluchtsort und Schutzraum. "Ich dachte: Wenn mein Mann nicht mehr ist, ist die Gemeinde meine Heimat." Es ist anders gekommen. Sie wechselte zur Konkurrenz, zur "Liberalen Jüdischen Gemeinde". Die ist im ersten Stock eines mausgrauen Mietshauses untergebracht, nur eine Straße entfernt vom alten Zuhause. Gegründet in den Wirren des Konflikts zwischen "Deutschen" und "Russen", hat sie sich längst etabliert - mit Gymnastik, Theatergruppe, Jugendfahrten und 400 Mitgliedern. Anders als in Litvans Gemeinde dürfen hier auch Frauen in Gottesdiensten die Thorarolle tragen.

Konflikte innerhalb der jüdischen Gemeinde

Die Vorsitzende Ingrid Wettberg kämpft seit Monaten für ein neues Gemeindezentrum. Über Litvan und die Russen sagt sie: "Die haben kein Gemeindeleben, aber eine Synagoge. Wir haben keine Synagoge, aber ein Gemeindeleben." Wettberg gegen Litvan - ein kalter Krieg nach Ende des Kalten Krieges. Der Konflikt ist kein Einzelfall. Er ist ein Musterbeispiel. Hamburg, Halle, Stuttgart - man muss nicht lange suchen. Aktuellster Fall: Berlin mit der größten Gemeinde in Deutschland und der am schnellsten wachsenden in Europa. Prominente Berliner Juden, unter ihnen der frühere Vorsitzende Albert Meyer und der Historiker Julius H. Schoeps, sind entschlossen, eine neue Gemeinde zu gründen. Meyer: "Wir wollen nicht mehr akzeptieren, dass die jetzige Führung aus der alten traditionsreichen Gemeinde einen russischsprachigen Kulturverein macht. Und wir werden nicht akzeptieren, dass eine egoistische, machtorientierte Clique mit stalinistischen Methoden alle rausekelt, die für die deutsch- jüdische Tradition und die Gemeinde als Glaubensgemeinschaft eintreten." Der jetzige Vorsitzende der Gemeinde, Gideon Joffe, wirft den Initiatoren vor, sie beschimpften neue Gemeindemitglieder abschätzig als "Ostjuden". Gefragt seien aber "Menschlichkeit und Mitgefühl".

Meyers Mitstreiter Schoeps ist überzeugt, dass die neue Gemeinde einen Teil der öffentlichen Hilfe erhalten wird, die bislang komplett an die alte Gemeinde fließt. Ein Gebäude für eine Synagoge ist ausgeguckt, ein Geldgeber gefunden. Der Zentralrat der Juden versucht alles, um den gewaltigen Umbruch zu bremsen; so wurde erst im November 2006 der erste Russe in das neunköpfige Präsidium gewählt. Doch je schärfer die Konflikte, desto schwerer wird es, mit einer Stimme zu sprechen. Genau das aber muss der Zentralrat, das war Bedingung seines Zustandekommens im Mai 1950. Eine politische Vertretung sollte es geben, eine moralische Stimme im Nachkriegsdeutschland, eine Vertretung gegenüber den Juden im Ausland. Dazu gehörte die orthodoxe Ausrichtung, strenge Einhaltung der religiösen Regeln und Trennung der Geschlechter in der Synagoge. Durch die Zuwanderung nun wurde die Geschlossenheit gesprengt, der Einfluss der Liberalen und Ultraorthodoxen stieg. Gleichzeitig kamen viele "Russen", die man eigentlich Atheisten nennen müsste.

Für Ruth Borenstein aus Hannover war die jüdische Gemeinde "Zufluchtsort" - bis die Zuwanderer kamen© Micheal Trippel

Der beste Zeuge: William Wolff. Der 80-Jährige kam aus England nach Mecklenburg-Vorpommern, allein wegen der Zuwanderer. Wolff ist Rabbiner. Für 1800 russische Juden an der Ostseeküste. Der hagere Mann kümmert sich seit 1997 um sie. Er hat deutsche Wurzeln, war sechs, als seine Familie 1933 vor den Nazis floh. Als immer mehr Juden nach Deutschland kamen, wollte er dem Judentum zu neuer Blüte verhelfen. Erst kam er wochenweise, "für Hochzeiten, Todesfälle, Verträge". 2002 kam er für immer. Wolff startet mit Enthusiasmus, hält Vorträge, gibt Unterricht, gründet Arbeitsgruppen. Heute weiß er: Es hat nichts geholfen. "Ich habe fast alle meine Kurse aufgegeben. Die allermeisten haben kein Interesse. Sie sind Atheisten geblieben." Haben sie irgendeine jüdische Prägung? "Überhaupt keine. Hitler wollte die Juden ausrotten. In der Sowjetunion ist das Judentum ausgerottet worden." Dresden am 14. September 2006: Drei Rabbiner werden ordiniert. Rabbiner, ausgebildet in Deutschland. Das hat es seit dem Holocaust nicht gegeben. Die Gäste kommen aus England, Israel, den USA. Bundespräsident, Kanzlerin - alle grüßen.

Jüdisches Leben neben dem Zentralrat

Um acht Uhr morgens Generalprobe in der Synagoge. Das Fernsehen will um elf live übertragen. Der Regisseur, groß und schwer, hat mächtige Schweißperlen auf der Stirn. "Halt, nein, nicht so", ruft Walter Homolka. "Sonst werden die Leute wegzappen." Wegzappen! Das darf es nicht geben! Deshalb wird alles TV-gerecht hin und her geschoben. Für orthodoxe Juden ein Graus, für Homolka selbstverständlich. Er hat geschafft, was dem Zentralrat in Jahrzehnten nicht gelungen ist. Er hat am Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam erstmals drei Rabbiner bis zum Abschluss ausgebildet. Eine Blamage für den Zentralrat. Vizepräsident Dieter Graumann in Dresden zerknirscht: "Drei Rabbiner machen noch keinen jüdischen Sommer." Homolka kämpft für das liberale Judentum. Er hat promoviert und eine Rabbinerausbildung. Er war Investment-Banker, Geschäftsführer von Greenpeace, Vorstand der Kultur-Stiftung der Deutschen Bank. Kraftmaschine und PR-Experte. Sein Triumph kommt, als Kanzler Gerhard Schröder dem Zentralrat Anfang 2003 finanziell helfen möchte. Im Duett mit dem Münchner Jan Mühlstein beginnt Homolka, auf das jüdische Leben neben dem Zentralrat hinzuweisen. Beide fordern die Beteiligung der "Union progressiver Juden", der Mühlstein vorsitzt. Mühlstein: "Das war der Moment, an dem wir einhaken konnten." Der Staatsvertrag mit der Bundesregierung, 2003 geschlossen, schreibt fest, dass der Zentralrat "für alle Richtungen des Judentums offen" sein müsse. Der wehrt sich, muss aber schließlich Liberale aufnehmen. Mühlstein im Rückblick: "Hätten sie uns nicht so strikt abgelehnt, wären wir heute nicht so mächtig." Und Homolka: "Man braucht einen dummen Gegner, um wirklich Erfolg zu haben."

Ein Hinterhof im schwäbischen Ulm. Industriearchitektur der Jahrhundertwende, abbruchreif. Überlaufende Müllcontainer, Backsteinhäuser mit gebrochenen Fenstern. Der Ort, an dem Schneur Trebnik arbeitet. Er trägt jeden Tag den gleichen schwarzen Anzug, den gleichen schwarzen Hut, denselben schwarzen Vollbart. Er ist Rabbiner der Chabad Lubawitsch, einer ultraorthodoxen Bewegung mit Hauptsitz in New York. Seit sieben Jahren ist er in Deutschland. Trebnik steht auf einem Autoanhänger. Drei Stühle, Tisch, drum herum Plastikplanen, oben drüber eine Decke aus Stroh. Der Rabbi will mit russischen Juden das Laubhüttenfest feiern. Also hat er eine "Laubhütte" errichtet. Drei sind gekommen, einer ist im Herzen noch Soldat. Er knallt zur Begrüßung die Hacken zusammen. Sie sprechen nach, was Trebnik vorgibt. Auf ihren Gesichtern: erst Befremden, dann Neugier, dann kindliche Freude. Sie haben vom Jüdischen keine Ahnung. Trebnik will Abhilfe schaffen. Er fängt seine Schäfchen mit sinnlichem Erleben, schönen jüdischen Ritualen. So wie es die Chabadniks immer machen. Die Bewegung wurde im 18. Jahrhundert in Weißrussland gegründet. Sie ist die einzige, die innerhalb des Judentums missioniert.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 17/2007

 
 
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