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10. Juni 2003, 16:39 Uhr

"Ich spring heute einen Einzelstern"

Der entstellte Leichnam Jürgen Möllemanns wird abtransportiert© dpa

Man darf annehmen, dass hier Freunde dem Toten einen letzten Dienst erweisen und ihm zuliebe an einer Legende häkeln. Es soll nicht sein, was nicht sein darf. Kubicki äußerte sich über sein letztes Telefongespräch mit Möllemann am Donnerstagvormittag allerdings höchst unterschiedlich. Journalisten vermittelte er in mehreren Gesprächen - kurz nach der Todesnachricht - zunächst den Eindruck, sein Freund habe am Telefon einen erregten, beinahe hysterischen, rat- und hilflosen Eindruck gemacht. Einen Tag später klang Kubicki ganz anders. Möllemanns Emotionen hätten sich auf die vor seinem Haus aufmarschierten Staatsanwälte und Journalisten bezogen. Daraus auf völlige Verzweiflung zu schließen sei Quatsch. Ihn selbst habe Möllemann am Telefon mit "Waczlaw" angeredet, "was er stets tat, wenn er guter Laune war, und er war richtig gut drauf".

Eine interessante Frage bleibt dabei unbeantwortet: Weshalb hat Möllemann seiner Frau und seiner Tochter beim Frühstück nicht gesagt, dass er zum Springen fährt und nicht nach Düsseldorf in den Landtag? So viel steht fest: Es ging Möllemann nicht gut in den letzten Monaten seines Lebens. Da war jenes Telefongespräch am Abend des 23. November 2002. Die stern-Redakteure Hans-Ulrich Jörges und Hans Peter Schütz hatten ihn an diesem Tag in Münster interviewt, drei Stunden lang. Sein erstes Interview nach achtwöchigem Schweigen. Ein psychisch wie physisch gezeichneter Mann saß da am Tisch, zweimal unterbrach er das Interview erschöpft, die Stimme versagte. Zwischendurch nahm er Tabletten.

Auf der Fahrt zu seinem Haus schilderte er eine These, die er Monate später in seinem Buch "Klartext" publik machte. FDP-Chef Westerwelle sei bei seinem Israel-Besuch im Frühjahr vom Geheimdienst Mossad erpresst worden: Entweder er, Westerwelle, stelle Möllemann politisch kalt, oder man werde peinliche Details aus dem Privatleben des FDP-Vorsitzenden enthüllen. Und Geheimdienste, raunte Möllemann beim Aussteigen, seien nun mal unberechenbar.

Polizisten suchen im Kornfeld nach Teilen der Springerausrüstung des Toten© dpa

Am Abend dieses 23. November klingelt Jörges‘? Handy. Möllemann ist dran. Man solle die Bemerkung im Auto in Münster "sehr ernst nehmen", sagt er mit schleppender Stimme. "Es ist eine abstrakte Ahnung." Es stehe "etwas sehr Gefährliches" bevor. "Wenn etwas sehr Unvorhergesehenes passiert", solle sich der stern dieses Gesprächs erinnern. "Ich habe steife Nackenhaare", fährt Möllemann fort, "ich bin sehr unruhig." Aber er habe "eine Jägerausbildung". Klar hat Möllemann seine Botschaft nicht ausgesprochen, aber er wollte wohl sagen: Ich, Jürgen W. Möllemann, rechne damit, dass mir der israelische Geheimdienst nach dem Leben trachtet. Drei denkbare Erklärungen gab es: Der Mann steckte in tiefer Depression, fühlte sich subjektiv wirklich bedroht. Oder: Er pflanzte die Bedrohungstheorie, um der These von der angeblichen Erpressung Westerwelles Gewicht zu geben. Oder er dachte an Selbstmord und versuchte, den Suizid im Vorfeld als Mossad-Mord auszugeben.

Heute ist klar: Der FDP-Politiker trug schon damals Todesgedanken in sich. Ver-suchte er eine falsche Fährte zu legen, um seinen Tod als Mysterium wie den des Uwe Barschel erscheinen zu lassen?

Er tat sich zunehmend schwer mit dem Leben abseits der politischen Öffentlich-keit. Sie war drei Jahrzehnte sein Lebenselixier gewesen. Alles vorbei. Zuletzt lebte er auf dem Abstellplatz, im Landtag wie im Bundestag. Ein verlorener Mann. Keine Blitzlichtgewitter mehr, wenn er auftauchte. Journalisten drängelten sich nicht mehr um ihn. "Guck mal, der Mölli, den gibt‘s ja auch noch", murmelten sie und eilten weiter. Ein O-Ton von dem? Vergiss es, den will keiner mehr hören!

Gewiss, am Sonntagabend vor seinem Tod war er noch einmal bei Sabine Christiansen, aber er war nicht in Form. Sein Bekenntnis, er denke noch immer über die Gründung einer Partei nach, wirkte matt und angeschlagen. Sein Lebensmotto "Kämpfen, Jürgen, kämpfen" trug ihn nicht mehr. Mit dem Leben ohne Politik kam er nicht zurande. Er litt an seinem Bedeutungsverlust. Die selten gewordenen Pressemitteilungen zeichnete er mit "Jürgen W. Möllemann, MdB/MdL, Bundesminister a. D.". Gedruckt wurden sie dennoch nicht. In der FDP war er ein Untoter. Die "Achterbahn seiner politischen Karriere", von der er so oft und stolz sprach, war zu Ende. Er war ganz unten, er würde nicht wieder nach oben kommen.

War sein Tod, was die Psychologen einen Bilanzselbstmord nennen? Zerbrach er, der Publizität an sich für einen zentralen Wert seines Lebens hielt, am Bewusst-sein der zementierten Bedeutungslosigkeit? Er war schließlich ein Süchtiger der Politik. "Ich hänge an ihrer Nadel", gab er bereitwillig zu.

Knapp vier Wochen vor seinem Tod besuchte er die Berliner stern-Redaktion. Trotz frühsommerlicher Hitze trug er einen dicken Rollkragenpullover. Das Gesicht fast dunkelrot, der Anzug spannte über Brust und Bauch. Ja, er habe sehr zugenommen in den Monaten seit der Bundestagswahl. Kein angefuttertes Frustfett sei das, "aber Sport ist mir lange verboten gewesen". Noch immer schlucke er Tabletten gegen die Magensäure, die seine Speiseröhre verätze.

Da sass kein gesunder Mann, nicht jener Hans-Dampf-in-jeder-Gasse, der er mal gewesen war. Leise sprach er, oft stockend, und räumte ein: "Dickes Fell wird auch mal dünn." Der Satz von Michel Friedman "Die Ermordung von Menschen beginnt mit Worten wie denen von Martin Walser und Jürgen Möllemann" habe ihn wie ein Messer getroffen. "Da habe ich erwartet, dass die FDP-Führung aufsteht und sich vor mich stellt - aber nichts da, da war nur Schweigen."

Von den drei Optionen hat er geredet, die ihm offen stünden. Erstens: schnell aufhören mit der Politik und sich auf die Geschäfte konzentrieren. Zweitens: die Politik geruhsam bis 2006 auspendeln lassen und in Muße ein neues Buch schrei-ben. Drittens: noch einmal den ganz großen Anlauf nehmen und eine Partei gründen. Das sei allerdings, schränkte er ein, "ein Kraftakt ohnegleichen". Die vierte Option, die er schließlich gewählt hat, erwähnte er nicht. Im Restaurant "Zum Treppchen", gleich neben dem Leuchtturm in Maspalomas, Gran Canaria, ließ Möllemann vor 14 Tagen seinen Sorgen noch einmal freien Lauf. Er stöhnte. "Ich habe so viel Arbeit wie nie zuvor. Ich muss kämpfen. Ich muss allen zeigen, dass ich kein Verbrecher bin." So erinnert sich Jésus Marichal, der 55-jährige Wirt des Fischrestaurants, an den letzten Besuch des FDP-Politikers, den er seit 24 Jahren zu seinen Stammgästen zählt. Möllemann war mit Frau Carola und Tochter Esther da. Sein letzter Besuch auf seiner Trauminsel, auf der er sich vor fünf Jahren seine Fluchtburg gebaut hat, die er schwärmerisch "Nuestro Sueño" nannte. "Unser Traum."

 
 
 
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