
In Panik erstickte Sabine Schüssler (Name von der Red. geändert) ihr Kind und versteckte die Leiche in einer grünen Tüte in der zweituntersten Schublade des Gefrierschranks© M. Karremann
An jenem Samstag im Juli, als abends die Wehen einsetzten, war Berger noch unterwegs. Sabine Schüssler brachte das Mädchen, das sie Liliane nannte, allein zur Welt, in der Badewanne, während ihre Söhne schon schliefen. "Ich hab sie sofort hochgenommen, mir auf den Bauch gelegt, ein Handtuch drüber und erst mal angeguckt und gekuschelt", sagt sie. Dann nabelte sie ihr Baby ab. "Ich hab vorher schon alles hingelegt gehabt: die Nagelschere für die Nabelschnur, den Alkohol zum Desinfizieren, Windeln."
Sabine Schüssler überlegte: Wo bringst du das Kind jetzt hin? "Ich habe sie angezogen, in Decken eingekuschelt und im Schlafzimmer aufs Bett gelegt. Dann geschaut, ob meine Söhne schlafen." Sie hatte sich vorgenommen, das Baby irgendwo auszusetzen, "wo es auch jemand findet". "Kopflos" sei sie mit dem Kind in einer Tasche durch den Ort gelaufen, wollte es erst vor der Tür ihres Hausarztes ablegen, "doch da war alles dunkel, und ich wollte ja nicht, dass es verhungert". Deshalb setzte sie es auch nicht vor der Kirche aus, weil es dort womöglich erst am Sonntagmorgen gefunden worden wäre, "vielleicht zu spät". Weil sie sich "wieder einmal grenzenlos allein gefühlt" habe, nahm sie das Baby wieder mit nach Hause.
Ihr Lebensgefährte war immer noch nicht da, sie sei verzweifelt gewesen, "die Angst, wenn er heimkommt und das Kind sieht, dass er dann sagt: Da vorne ist die Tür". Doch Gerhard Berger sagte, wie so oft, gar nichts, als er gegen Mitternacht nach Hause kam. "Ich habe gehört, dass ein Schlüssel ins Schloss gesteckt wurde, er stand schließlich in der Wohnzimmertür und guckte mich an, hat die Tür wieder zugemacht und ist rausgegangen. Ich wusste nicht: Hat er das Kind jetzt gesehen oder hat er es nicht gesehen?" Sabine Schüssler nahm das Baby und lief ins Badezimmer, "ich hab mich mit dem Kind auf dem Schoß auf die Toilette gesetzt, erst mal abgewartet, ob er reinkommt oder nicht".
Aber Gerhard Berger kam nicht, hatte sich wieder in seinem Computerzimmer verschanzt. Wenige Minuten später war das Baby tot. "Was da genau passiert ist, kann ich heute nicht mehr sagen - ich weiß, dass sie nicht geschrien hat", erinnert sich Sabine Schüssler, "dass ich ihr den Mund zugehalten und irgendwann realisiert habe, dass sie gestorben war oder gerade dabei war zu sterben - aber da war so ein Glucksen, das konnte ich einfach nicht hören." Deshalb habe sie dem Baby Klopapier in den Mund gestopft. "Ich habe nur gedacht: Sei endlich still, ich will, dass es vorbei ist." Bis sie begriff: "Oh Gott, jetzt hast du dein eigenes Kind getötet. Warum?"
Sie saß mit dem toten Säugling noch eine Weile auf der Toilette, während ihre Söhne schliefen und ihr Lebensgefährte vor dem PC hockte. Dann sei "so ein Bedürfnis hochgekommen, das tote Kind aus dem Blickfeld zu haben, nicht mehr dran denken zu müssen, für den Augenblick, möglichst weit weg mit dem Kind, in den Keller oder sonst wohin". Sabine Schüssler steckte die kleine Leiche schließlich in eine grüne Plastiktüte und verstaute sie in der Tiefkühltruhe im Keller.
Erst Monate später, am 11. Januar 2006, fasste sie sich ein Herz und bat ihren Lebensgefährten, den Söhnen Pizza oder Fischstäbchen aus der Tiefkühltruhe zum Mittagessen zuzubereiten. Sie könne nicht, sie müsse in die Stadt. Als sie zurück war, hatten die Kinder gegessen. "Er hat nichts gesagt, ich wusste nicht: Hat er nur die Schublade mit den Fischstäbchen aufgemacht, oder hat er auch das Kind gefunden?" Dass er es wohl entdeckt haben musste an diesem Tag, erfuhr Sabine Schüssler erst sieben Wochen später. Als am 26. Februar 2006 die Polizei kam und sie festnahm - da hatte Gerhard Berger überraschend Anzeige erstattet.
Offenbar hatte niemand mitbekommen, wie viel Angst die schweigsame Frau mit sich herumschleppte. Sie hatte vor der Niederkunft mit der Telefonseelsorge gesprochen und mit der Caritas, hatte sich informiert über Babyklappen und die Möglichkeit einer anonymen Geburt. "Das hätte mir ein paar Wochen Zeit gegeben, in denen ich mich wieder hätte melden und sagen können, ob ich das Kind selbst großziehen möchte." Die nächste Kinderklinik war nur einige Kilometer entfernt. Aber irgendwann war es zu spät, "weil die Zeit vorgerückt war und er mir das Messer auf die Brust gesetzt hat".
Sie geriet in Panik, alles sei auf sie eingestürzt. Wollte die Kinder nicht allein zu Hause lassen, fürchtete die Reaktion des Mannes, der bald zurückgekommen wäre. Vielleicht, sagt sie heute, wäre ihr Mädchen noch am Leben, "wenn es so was wie einen Babynotruf geben würde - dass einen jemand abholt, zur anonymen Geburt fährt und wieder heim oder eben das Baby mitnimmt, ohne Fragen".
Frauen wie Sabine Schüssler befinden sich in einer psychischen Ausnahmesituation, weiß der Neurobiologe Gerald Hüther von der Universität Göttingen. Bei Müttern, die die Schwangerschaft und die Geburt als Bedrohung empfinden, komme es in der Regel zu keinerlei Identifikation mit dem Kind. Es ist möglich, so Hüther, "dass keine Bindung zum Kind vor der Geburt entsteht, wenn der Erzeuger es offenbar ablehnt".
Anke Rohde, Professorin für Gynäkologische Psychosomatik am Bonner Universitätsklinikum, hat zahlreiche Fälle von Neugeborenentötungen analysiert und kommt zu dem Schluss: "Neonatizide werden am ehesten von Frauen begangen, bei denen eine erhebliche Persönlichkeitsproblematik besteht - zum Beispiel im Sinne von fehlender Reife oder mangelnder Bewältigungsmechanismen." Die Schwangerschaft würde dann nicht selten bis zum Schluss "verleugnet" - auch sich selbst gegenüber. Wenn solche Frauen dann noch in massiv gestörten Partnerschaften leben, einsam und isoliert, kann es schnell zur Katastrophe kommen.
"Panische Angst" vor ihrem gewalttätigen Freund gab die heute 23-jährige Nadja Nickel* an, die ihr Baby eine halbe Stunde nach dessen heimlicher Geburt in einem Pappkarton bei klirrender Kälte aussetzte und es erfrieren ließ.
Sie hatte das Kind am 30. Januar 2006 gegen 4 Uhr früh auf der Toilette der gemeinsamen Wohnung im bayerischen Grünbach zur Welt gebracht, während ihr vier Jahre älterer Lebensgefährte Reinhard Krüger* und ihr 14 Monate alter Sohn schliefen. "Ich habe den Säugling mit einer Nagelschere abgenabelt, ihn kurz in den Armen gehalten und hin- und hergewiegt, "holte den Pappkarton, in dem der Zimmerbrunnen verpackt war, den mir meine Mutter zu Weihnachten geschenkt hatte, und legte das Baby, in ein Handtuch eingewickelt, in den Karton." Zog sich Jacke und Schuhe an und schlich sich, die Pappschachtel mit der Neugeborenen unterm Arm, aus der Wohnung. Überquerte die Bundesstraße 388 vorm Haus, stellte den Karton hinter einem Stromverteilerkasten ins gefrorene Gras. Und lief wieder, ohne sich noch einmal umzudrehen, in die warme Wohnung des Mehrfamilienhauses auf der anderen Seite der B 388.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 30/2008