
Fereudestrahlend verlässt Marcos Vater Ralf Jahns das Gericht in Antalya© RTL Explosiv/DPA
Ralf Jahns besucht seinen Sohn, sooft es geht. Manchmal ist er wochenlang in der Türkei. Er hat dort Freunde gefunden, er bestellt sein Essen mittlerweile auf Türkisch. Er ist der bescheidene, weltoffene Mann geblieben, der er vor acht Monaten war. Er ahnt in den Tagen vor der Entlassung, dass es vielen Leuten nicht um Marco gegangen ist, all den Beratern, Politikern, Anwälten, aber er weiß nicht, wen er noch braucht. Er will doch nur seinen Sohn zurück, seine Familie, sein Leben.
Vor dem letzten Verhandlungstag steigt die Anspannung. Weihnachten steht vor der Tür. Anwalt Michael Nagel erklärt, dass die Aussage Charlottes nicht verwendbar sei, dass man das Mädchen dem Gericht zuführen müsse, dass es ein Fragerecht der Verteidigung geben müsse und notfalls das Gericht aus Antalya nach England zu fliegen habe. Er selbst darf als deutscher Anwalt nicht an der Verhandlung teilnehmen. Ersoy und seine Kollegen sind dagegen froh, dass sie Charlottes Aussage endlich haben. Sie bestätigt noch einmal einen wichtigen Punkt: Zu einer Penetration sei es nicht gekommen. Das reduziert das zu erwartende Strafmaß erheblich und macht den Weg frei für die Haftverschonung.
Der letzte Akt: Marcos Vater ruft den deutsch-türkischen Tourismusunternehmer Vural Öger (Öger Tours) an und bittet ihn um Hilfe. Öger reist nach Antalya. Er besucht Marco im Gefängnis und kommt zum Prozess. Er will sehen, was er tun kann. Dann, am vergangenen Freitag, wird Marco freigelassen. Ohne Kaution, ohne Auflagen. Der Junge darf nach Hause.
Was jetzt? Die Hannoveraner Anwälte und der Medienberater streiten sich auf dem Gerichtsflur, in welcher Reihenfolge sie draußen vor die Kameras treten. Ralf Jahns, Marcos Vater, versucht, mit Ersoy abzuhauen. Zu diesem Zeitpunkt hat sein "Medienberater" Marcos Schicksal bereits exklusiv an RTL verkauft.
Ersoy und Jahns verlassen in Ersoys Opel Astra das Gericht. Auf einem Parkplatz vor dem Finanzamt halten sie erst mal an. Jubeln. Klatschen sich ab. Ersoy ruft das Gefängnis an und die Ausländerpolizei. Sie fahren in einen Copyshop und machen Kopien von Marcos und seines Vaters Pass. Die Ausländerpolizei lotst sie zum Krankenhaus von Antalya. Auf dem Parkplatz wartet ein moderner Jeep mit verdunkelten Scheiben. Dass Marco schon darin sitzt, weiß sein Vater nicht. Er ist untersucht worden, ob er gesund ist und unversehrt.
Ralf Jahns telefoniert mit Vural Öger. Ob er helfen könne bei einer raschen Ausreise. Öger kümmert sich um Flüge. Eine reguläre Maschine gehe um Mitternacht ab Istanbul. Dann ruft Michael Nagel an. Eine reguläre Maschine soll es nicht sein. Es sei alles arrangiert. Eine halbe Stunde später wieder ein Anruf von der Gendarmerie. "Folgen Sie dem Jeep. Keine Presse, keine Fotos." Es geht zum Flughafen.
Währenddessen geben die Hannoveraner Anwälte wieder mal eine Pressekonferenz. "Wir freuen uns", sagen sie den versammelten Journalisten, "Grüße mitbringen zu dürfen von Marco." Dabei weiß der gar nichts von dieser Pressekonferenz. Die Anwälte erzählen, dass sie fast täglich mit dem deutschen Außenminister telefoniert haben und mit vielen anderen wichtigen Leuten. Marco und sein Vater brauchten jetzt Ruhe. Mit Journalisten könnten sie deswegen nicht reden. Vural Ögers Auftreten jedoch hätte sehr geschadet und nichts genützt. In Deutschland gibt es die ersten Reaktionen. Die Kanzlerin freut sich. Der Außenminister ist erleichtert. Viele Menschen hoffen auf Marcos endgültigen Freispruch im April.
Noch so ein Missverständnis: Charlotte ist 13 Jahre alt. Jede Art von sexuellen Handlungen mit einer 13-Jährigen ist verboten. Es gilt der absolute Schutz des Kindes. Das ist in der Türkei so, in Deutschland, in England und auch in den meisten anderen Ländern der Welt. Dass solche Handlungen stattgefunden haben, ist unstrittig. Natürlich kann man mildernde Umstände anführen, das Alter des Beschuldigten und, wie es die Anwälte formulieren, "dass man sich in freundlicher Atmosphäre einvernehmlich nähergekommen sei", wenn das Gericht dies glaubt. Man kann in einem solchen Fall die Strafe zur Bewährung aussetzen. Aber einen Freispruch kann es nach Lage der Dinge nicht geben.

Freude zu Hause: Marcos Elternhaus in Uelzen© RTL Explosiv/DPA
Vural Öger will keinen Streit. "Ich habe nicht mit dem Gericht gesprochen, ich habe keinen 'Druck' ausgeübt, denn das kann ich nicht. Sie überschätzen meine Möglichkeiten. Ich wurde um Hilfe gebeten, ich habe Marco besucht, ich habe ein paar Leuten erzählt, was Weihnachten in Deutschland bedeutet, und ich habe versucht, bei der technischen Abwicklung der Ausreise behilflich zu sein. Das war's." Die Vorwürfe der beiden Hannoveraner findet er absurd. "Diese Leute spielen Anwalt, dabei haben sie mit dem Prozess nichts zu tun gehabt", sagt er. "Was haben sie monatelang gemacht, außer Interviews zu geben? Marco hat sich bei mir am Telefon bedankt. Das reicht mir."
In Terminal 2 des Internationalen Flughafens werden der kleine türkische Anwalt und der große Herr Jahns durchgeschleust auf die obere Etage. Ein langer Flur, ein kleines Zimmer, eine offene Tür, da sitzt Marco. Ralf Jahns rennt los und schließt seinen Jungen endlich in die Arme. In der VIP-Lounge des Flughafens warten die Anwälte aus Hannover und der Medienberater. Vater und Sohn laufen aufs Rollfeld, Anwälte und Medienberater hinterher. Dann steigen sie in den Privatjet. Die Kamera läuft.
Mitarbeit: Oliver Link
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 52/2007