
Traditionsverwurzelte: Es muss schon ganz dicke kommen, wenn Leute wie die Schaplinskis die Seite wechseln© Antonina Gern
Wundersames Land. Wunderbares Land.
Auf einer Pressekonferenz am Tag danach saßen sie alle bedröppelt nebeneinander: die Chefs von Forsa, Infratest, Allensbach ... Sie sagten, der Wähler sei unberechenbar geworden, "launischer und leicht beeinflussbar". Er scheine "aus einem spontanen Bauchgefühl heraus" zu entscheiden. Das scheue Reh kommt spät erst aus dem Busch. Und keiner weiß, wohin es laufen wird. Seit der Europawahl weiß auch die SPD, dass sie sich besser nicht auf die schönen Vorhersagen der Demoskopen verlassen sollte.
Nur noch 30 Prozent der Wähler machen das Kreuz immer bei derselben Partei. Brave Stammwähler gibt es allenfalls noch im Milieu der "Traditionsverwurzelten". Meist ältere Menschen der Kriegsgeneration, das kleine Beamtentum, das klassische Arbeitermilieu. Bescheidene Leute, pflichtbewusst und ordentlich. Sie wählen, was sie immer gewählt haben. "Einen Lagerwechsel würden sie als Verrat an ihrem eigenen Leben empfinden", sagt Carsten Wippermann vom Sinus-Institut.
Es muss also schon ganz dicke kommen, wenn Leute wie die Schaplinskis die Seite wechseln: Gertrud und Günter, beide Ende 60, beide Rentner, sie war früher Verkäuferin, er Schlosser. Heute gehen sie in den Kegelklub oder zum Sparverein, spielen Karten oder tanzen. Jetzt sitzen sie auf ihrer wild gemusterten Couch, links ein Püppchen auf der Lehne, rechts ein kleiner Teddybär und über ihnen ein Bild mit Boot im Sonnenuntergang. "Früher waren wir immer SPD", sagt Gertrud Schaplinski, "jetzt sind wir CDU, weil mein Mann sauer auf Herrn Schröder war." Weil der versprochen hatte, dass es für Leute, die 47 Jahre gearbeitet haben, keine Rentenabzüge geben werde. Gab es aber. "Also ich bin für Frau Merkel", sagt Frau Schaplinski. "Biste auch zufrieden?", fragt sie ihren Mann. Der sagt: "Ja."
Nur eines, das bereitet den beiden doch zunehmend Sorgen: diese Krise. "Ich habe Angst, dass es doch noch mal Inflation gibt", sagt Frau Schaplinski. Angst um die Rente. Angst, dass die Kinder ihren Job verlieren.
Keiner weiß, wie sich die Wirtschaft entwickelt, die Zahl der Insolvenzen, die Zahl der Arbeitslosen. Keiner weiß, wie die Menschen darauf reagieren werden. Wie es ihr Wahlverhalten beeinflusst. Ob es wieder zu einer "Schlussspurt-Dynamik" kommt wie schon 2005. Für den Moment gilt: Derzeit trauen die meisten Wähler keiner Partei zu, die wirtschaftlichen Probleme des Landes zu lösen. Zugleich wächst die Angst - um Job, Geld und klein Häuschen. Und es wächst Wut.
Längst ist diese Wut nicht mehr nur in den unteren Schichten der Kleine-Leute-Milieus wie "Traditionsverwurzelte" und "Konsum-Materialisten" anzutreffen; längst macht sie sich auch in den wohlhabenden Milieus der "Etablierten" und "Konservativen" breit. "Da löst sich Urvertrauen in nichts auf", sagt Sinus-Forscher Plöger, "die verstehen die Welt nicht mehr." Sein Institut lädt regelmäßig Testpersonen zu Diskussionsrunden ein, kürzlich mittelständische Unternehmer. Das Ergebnis war beängstigend: "Es herrschte vorrevolutionäre Wut", so Plöger. "Offenbar wird die Systemfrage inzwischen flächendeckend in allen Milieus gestellt."
Beim Josef Vilser, gut, da könnte man das vermuten. Er hat ja selbst schon einiges ausprobiert. War Metzger- und Metallbaumeister, ist heute Bildhauer und Maler. Hat in Bayern mal für die Freien Wähler kandidiert, auch wenn er sonst die Grünen wählt. Wohnt in einer ehemals besetzten Hutfabrik. Und wie üblich im Milieu der "Experimentalisten" wird da sehr viel diskutiert. Über Integration, das Bildungssystem und über Alternativen zum Kapitalismus. Und, gibt es eine? "Die hat der Karl Marx ja schon mal beschrieben", sagt Vilser und lächelt.
Systemfragen würde man auch im Milieu der "DDR-Nostalgiker" vermuten. Bei Gabi Fischer etwa. 55 Jahre, zwei Kinder, alleinstehend, Zweizimmerwohnung in Berlin-Pankow, Köchin in einer Kita. Und so sagt sie auch: "Es geht ja schon länger bergab, aber so wie es jetzt läuft, kann es auf keinen Fall weitergehen."
Sie sitzt im tiefen Sessel vor mächtiger Schrankwand, schmale Frau im hellen Pulli, und strahlt vor allem eines aus: Revolutionen zettelt sie in diesem Leben nicht mehr an. "Ich beschäftige mich eigentlich gar nicht mit Politik, ich habe keine Zeit dafür", sagt Frau Fischer. Und die Systemfrage stellt sich ihr auch nur im Gesundheitssystem. Nie wurde sie früher vom Arzt gefragt: "Wie lange können Sie denn krank sein?" Und Zuzahlungen habe auch niemand verlangt. Es war eben nicht alles schlecht. Und so ist sie auch der Partei treu geblieben, die heute Die Linke heißt - obwohl sie öfter mal nicht wählen war.
Und beim nächsten Mal? "Ich versuche es noch mal, vielleicht gibt es ja einen Lichtblick", sagt sie. Und wenn es nicht ganz für die Linke reicht, wer wäre Ihnen lieber: Frau Merkel oder Herr Steinmeier? "Hm", sagt Frau Fischer etwas ratlos. Aber Sie kennen die doch, oder? "Nee", sagt sie dann sehr vorsichtig.
Ein Volk? Nein, viele Völker. Politiker und Wahlkampfmanager, Meinungsforscher und Journalisten - sie alle können sich in Berlin und anderswo noch so viele taktische Tricks und technisches Tütü ausdenken; können mit "Lifestyle-Targeting" und Twitter den Deutschen auf die Pelle rücken; können Umfragen starten und Kandidaten ranken - erst am 27. September wird sich zeigen, wer wen wählt. Das "Warum" können viele Wähler nicht einmal dann beantworten.
Einfach unberechenbar, diese Deutschen. Schön rätselhaft.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 31/2009