Wie die beiden zum Traumpaar der SPD werden sollen, ist vielen Genossen noch unklar. "Wenn er will, kann er das", sagt eine Vertraute über Gabriel. "Wenn er nicht so richtig will, wird es schwierig." Gabriel kann verletzend sein, wenn man seinen schnellen Gedankengängen nicht folgt. "Er hat nicht immer die Umgangsformen, die andere motivieren, ihm eine stärkere Rolle zu geben", sagen Weggefährten.
Mit Andrea Nahles wird das anders sein. Da kann Gabriel nicht den Chef spielen. Er braucht sie und ihre Hausmacht bei der Parteilinken, um auf Parteitagen und im Vorstand seine Linie durchsetzen zu können. Oder besser eine gemeinsame Linie. So überstürzt die Nachfolgeregelung wirkt - Gabriel und Nahles sind von ihrer neuen Rolle weniger überrascht als viele in der Partei. Beide haben sich auf den Sonntag vorbereitet, ohne den Absturz der SPD in dem Ausmaß zu ahnen. Gabriel trifft sich schon am Freitag vor der Wahl mit Wowereit, nach der Abschlusskundgebung der SPD auf dem Pariser Platz in Berlin. Wowereit will nicht Parteichef werden. Mit einer Kanzlerkandidatur liebäugelt er weiterhin.
Wowereit sichert Gabriel seine Unterstützung für einen Führungsposten zu. Mit Unterstützern von der Parteirechten kann Gabriel ohnehin rechnen, denn die wissen längst, dass sie bei einer Wahlniederlage ihre Galionsfigur Peer Steinbrück verlieren.
Schon vor der Wahl gehen viele der SPD-Oberen davon aus, dass sich Franz Müntefering zurückzieht, Frank-Walter Steinmeier bleibt und die Viererbande aus Wowereit, Nahles, Gabriel und Scholz den Ton angibt. Erst heißt es, die vier hätten alle akzeptiert, dass Steinmeier auch Parteichef wird, wenn er nur will. Schon früh am Wahltag soll Gabriel Steinmeier aber geraten haben, er nehme besser nur eines der beiden Ämter. Ob Gabriel da ein doppeltes Spiel spielt, ist bisher nicht geklärt. So ergreift Steinmeier mit Billigung der unter Schockstarre versammelten Führung den Fraktionsvorsitz, obwohl viele Abgeordnete später sagen, dieser Job hätte zu Gabriel besser gepasst. Gabriel ist der bessere Rhetoriker, er hätte der Regierung ordentlich einheizen können. Dass Gabriel dem Parteivorsitz schon sehr nahe gekommen ist, haben Sonntagabend noch nicht alle begriffen. Zuerst einmal wird über Müntefering gerätselt, der laviert, statt zurückzutreten.
Gabriel hat das nicht geschadet, im Dunkel der unklaren Lage bringt Olaf Scholz Gabriel und Nahles zusammen, die beiden, auf die es künftig ankommen wird. Der Nahles-Teil des Arrangements scheint Müntefering weniger zu gefallen. Er hat nicht vergessen, dass sie 2005 als Generalsekretärin gegen seinen Vertrauten Kajo Wasserhövel kandidierte. Doch als Müntefering in die Entscheidungen eingebunden wird, bei Sitzungen am Mittwoch und Donnerstag, ist an der Konstruktion nicht mehr zu rütteln: Nahles bekommt den Posten, den sie schon vier Jahre zuvor haben wollte.
Eines haben Gabriel und Nahles, die ohne Mentor in Berlin antreten, gemeinsam: Sie verstehen Parteiarbeit anders als Müntefering. Der regierte von oben, wollte Kontrolle, setzte Vorgaben Schröders um und später die eigenen. Jetzt kommen zwei Spezialisten für die Basisarbeit. Nahles ist in den Gremien verdrahtet. Gabriel ist der Mann fürs Volksfest, einer, der zuhören und einen ganzen Saal überzeugen kann.
Eines der Themen dürfte die Öffnung zur Linkspartei sein. "Dieses Tabu muss weg", hat Wowereit bereits gefordert. Mitglieder und Anhänger sind in der Frage, ob die SPD nach links rücken soll, aber gespalten. 44 Prozent sind laut der jüngsten Umfrage des ZDF-Politbarometers dafür, 51 Prozent dagegen, fünf Prozent wissen es nicht. Egal wohin die SPD driftet - Sigmar Gabriel und Andrea Nahles sind dazu verdammt zusammenzuarbeiten. "Das ist das Signal, dass alle den Schuss gehört haben", findet Vorstandsmitglied Wolfgang Jüttner.
Und mit einer kleinen Wortmeldung hat sich Gabriel am Sonntag dann doch aus der Deckung gewagt - und ein Signal gesendet. Die Rettung der "Partei gehe nicht im Alleingang", zitierte ihn die "Bild am Sonntag". "Jedem neuen Vorsitzenden und auch allen anderen Vorstandsmitgliedern wird Demut gut tun." Wenn auch diese Doppelspitze scheitert, ist kaum auszudenken, was aus der SPD wird. "Was ist das Willy-Brandt-Haus eigentlich wert?", hat ein Genosse schon am Wahlabend mit bitterer Ironie gefragt.