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29. September 2005, 09:30 Uhr

Die Mission der "Mumien"

Während der NS-Zeit befand sich die Zentrale des Auswärtigen Amtes in der Berliner Wilhelmstraße - heute sind die Diplomaten am Werderschen Markt untergebracht© Picture-Alliance

Visa-Affäre und die Causa Krapf

An diesem Abend stellt Döscher sein neues, altes Buch vor. Ausgerechnet im Auswärtigen Amt am Werderschen Markt in Berlin hat der Verlag einen Saal gemietet, gleich neben dem Eingangs-Foyer. Symbolisch wertvoll ist er nach Fritz Kolbe benannt, einem aktiven NS-Gegner im Auswärtigen Amt, der in der Bundesrepublik nichts mehr geworden ist. Der Verlag hat auf ein volles Haus spekuliert. Vergebens, denn viele Zuhörer sind nicht gekommen. Fünfzig sind es, bei wohlwollender Zählung. Vielleicht denken viele der Diplomaten, die in den oberen Etagen des Hauses arbeiten, das Thema sei durch. Vielleicht haben sie auch einfach genug davon. Schneppen hat nicht genug. Er hat eine Mission. Erneut stellt er sich dem als Provokation empfundenden Buch entgegen. Wie im Frühjahr. Dieses Frühjahr. Die Visa-Affäre ramponierte das Ansehen der Diplomaten, gleichzeitig entzündete sich der Konflikt um die braune Vergangenheit des Auswärtigen Amtes an der Causa Krapf, weil das Hausblatt "Intern-AA" dem im Oktober 2004 verstorbenen Ex-Botschafter die übliche Ehrung verweigerte.

"Unsachlich, unanständig, unehrlich"

Nur langsam wurde klar, dass Außenminister Fischer bereits Ende 2003 verfügt hatte, dass ehemalige Mitglieder von NSDAP und SS in der Hauszeitung nicht mehr postum geehrt werden sollten. Krapf hatte zu beiden NS-Organisationen gehört. Viele Ex-Diplomaten, die "Mumien", schrieen empört auf. Schneppen, der "Botschafter im Unruhestand" (FAZ), war es dann, der in einem Leserbrief an die "FAZ" Ende Januar 2005 offen Front machte gegen Fischer. Dieser verhalte sich "unsachlich, unanständig, unehrlich", schrieb er. Besonders krumm nahmen die Mumien Fischer dabei, dass er seinen ehemaligen Gefährten Joscha Schmierer im Planungs-Stab des Ministeriums untergebracht hatte. Der Ex-Kommunist Schmierer hatte früher Solidaritäts-Bekundungen an den kambodschanischen Schlächter Pol Pot geschrieben - ein Vergehen, das Fischer mit dem Hinweis auf Schmierers mittlerweile vollzogene demokratische Läuterung wegwischte. Das gleiche Recht auf Gesinnungswandel, so beklagten die "Mumien", verweigere der Alt-68er den Ex-Nazis im Auswärtigen Amt.

Aufstand der Aktiven

Schneppen organisierte den Protest. 128 "Mumien" unterzeichneten eine großformatige Gedenk-Anzeige in der FAZ, in der es in Bezug auf Krapf fast schon trotzig hieß: "Freunde, Kollegen und Mitarbeiter bewahren ihm ein ehrendes Andenken." Das war ein herber Schlag gegen Fischer, zumal nicht nur die konservative Riege des Hauses unterzeichnete. Otto von Gablentz, etwa, hat als eher liberaler Botschafter in den Niederlanden viel dazu beigetragen, die dortigen Ressentiments gegen die Deutschen abzubauen, jahrelang hatte er das renommierte College of Europe in Brügge geleitetet. Ein anderer, Berndt von Staden, war nicht nur Botschafter in Washington gewesen - sondern auch außenpolitischer Berater des SPD-Kanzlers Helmut Schmidt. Fischer hatte mit seiner Revision der Gedenk-Politik einen Nerv getroffen, der offenbar am Selbstverständnis mehrerer Generationen deutscher Diplomaten rührte. Eine defensive Haltung gegenüber der Vergangenheit der eigenen Behörde und ihrer Mitarbeiter im NS-Regime gehörte scheinbar zur Organisations-Kultur des Hauses am Werderschen Markt.

Fischer-Kritiker Frank Elbe, vormals deutscher Botschafter in Bern, wurde von dem Außenminister in den Ruhestand versetzt© Picture-Alliance

Fischer versetzte Kritiker in den Ruhestand

Der Außenminister, der durch die Visa-Affäre ohnehin erheblich unter Druck geraten war, versuchte, den Konflikt zu entschärfen, blieb aber in der Sache hart. Chef-Etage und Personalrat vereinbarten einen Kompromiss. Demnach sollten die Namen, die Lebensläufe und die Bestattungs-Details ehemaliger Diplomaten künftig in der Hauszeitschrift nüchtern genannt werden - allerdings ohne ehrende Worte. Den Ex-Diplomaten reichte das nicht. Im Gegenteil. Unterstützung erhielten sie plötzlich auch von Aktiven, die sich nun öffentlich gegen jenen Grünen-Minister stellte, der die traditionelle FDP-Hausmacht beendet hatte. In einem Schreiben, das über siebzig Beamte unterzeichneten, versicherten diese Schneppen ihre Solidarität und bezichtigten Fischer der "anmaßenden Selbstüberschätzung". Frank Elbe, deutscher Botschafter in Bern, attackierte Fischer zudem in einem offenen Brief. Fischer versetzte den FDP-nahen Rebellen daraufhin in den Ruhestand. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Streit um die Ehrung verstorbener Kollegen ausgeweitet ausgeweitet zu einer politisch durchtränkten Generalabrechnung einiger Diplomaten mit dem ungeliebten Chef. Völlig undiplomatisch waren die Grabenkämpfe am Werderschen Markt in die Öffentlichkeit getragen worden.

Historiker-Kommission soll aufklären

Schon im Frühjahr versprach Fischer, die historischen Erinnerungslücken des Auswärtigen Amtes, die auch von der schwierigen Quellenlage herrührte, durch die Arbeit einer Experten-Gruppe zu füllen. Im Juli setzte der Außenminister eine fünfköpfige Historiker-Kommission ein. Zu dieser gehören die Professoren Eckart Conze aus Marburg, Norbert Frei aus Jena, Klaus Hildebrand aus Bonn, Henry Ashby Turner von der Yale University und Klaus Hildebrand von der Hebräischen Universität in Jerusalem. Die renommierten Historiker sollen nun erforschen, wie sehr die Diplomaten Adenauers schon die Diplomaten Hitlers gewesen waren, wer 1955 noch dabei war, der eigentlich nicht mehr hätte dabei sein dürfen. Am 9. September hielten die Forscher in Berlin ein erstes Kolloquium ab - unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

"Mir tut das in der Seele weh"

Eine Erkenntnis kann man jedoch schon an diesem Abend, bei der Vorstellung von Döschers neuem Buch, gewinnen: Die Wunden, die die Auseinandersetzung um die Vergangenheit und das Andenken verstorbener Diplomaten geschlagen hat, sind noch kaum vernarbt. Irgendwann meldet sich ein Mitglied des Personalrats des Außenministeriums zu Wort. Es sei doch eigentlich schon alles ausdiskutiert worden, sagt er - in der Presse, in Personalversammlungen. Eigentlich sei doch mittlerweile, jetzt im Herbst, schon fast wieder so etwas wie Frieden eingekehrt im Haus. Es sei nicht gut, dass der Konflikt wieder heraufbeschworen werde. Man solle die Historiker ihre Arbeit machen lassen - und es gut sein lassen. "Es tut mir in der Seele weh, wie der Versuch der Ehrenrettung eines früheren Mitarbeiters dieses Hauses inzwischen zu dem Ergebnis geführt hat, dass sich das ganze Haus, einschließlich der Mitglieder der heutigen Generation, für Ereignisse rechtfertigen muss, die lange zurück liegen", sagt er. Der Zwist hat den so auf Einheit bedachten diplomatischen Corps tief gespalten, soll das heißen. "Jetzt ist das Thema wieder aufgekommen, weil man wieder den Crew-Geist, den wir im Amt pflegen, mit einem Corps-Geist verwechselt", sagt der Mann. Schweigt doch bitte, ihr Mumien, soll das heißen. Lasst es gut sein, zum Wohl der Aktiven, die unbeleckt sind von dem Ruch der NS-Zeit.

Wirklich gut sieht niemand aus

Wirklich gut sieht an diesem Abend eigentlich niemand aus. Schneppen nicht, der dem Abend mit seinem überforschen Auftreten etwas Surreales verleiht - und auch Döscher nicht, der zwar seine Thesen überzeugend und sachkundig vertritt, aber auch Fehler eingestehen muss. Allerdings zeigt Döscher klar den weg auf, der nun gegangen werden muss. Genau skizziert er, welcher Schritte es nun bedarf, welche Akten die Experten-Kommission sichten muss, um den Übergang des Auwärtigen Amtes von der NS-Zeit in die Adenauer-Ära besser zu verstehen. Die Frage nach dem ehrenden Andenken an ehemalige Mitglieder von NSDAP und SS hat der nun scheidende Außenminister bereits geklärt, auch wenn die Nerven der Mumien noch blank liegen.

Von Florian Güßgen
Seite 1: Die Mission der "Mumien"
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