
Ein alleingelassenes Kind in Berlin-Hellersdorf© Anne Schönharting/Ostkreuz
Über viele Jahrzehnte haben Politik, Sozialwissenschaft und Medien nicht richtig hingeschaut, nicht erkannt, wie dramatisch sich der untere Rand der Gesellschaft verändert. Wir alle haben die Umwälzungen übersehen, weil wir immer nur auf ein Kriterium geschaut haben: Wer hat wie viel Monatseinkommen? Doch an dieser Front sind die Verwerfungen nur schwer erkennbar. Die wirkliche Spaltung ist viel weniger ökonomisch als kulturell. In den vergangenen Jahren hat die Unterschicht eigene Lebensformen entwickelt, mit eigenen Verhaltensweisen, eigenen Vorbildern und eigenen Werten: die Unterschichtskultur. Sowohl das Heidelberger Sozialforschungsinstitut Sinus-Sociovision als auch die aktuelle Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung kommen zu dem Ergebnis: Arbeit, Leistung, sich für eine Sache anzustrengen, das rangiert im Wertesystem dieser neuen Unterschicht ganz hinten. Ganz vorn steht der Konsum. Das Trennende ist also immer weniger das Haben und immer mehr das Sein.
Vor allem die Mittelschicht wird sich der kulturellen Unterschiede bewusst. Und sie hat Angst, in den Abstiegssog der Unterschicht zu geraten. "Statuspanik" nennt das Hartmut Häußermann, Soziologe an der Humboldt-Universität Berlin. In der Hauptstadt kann man besichtigen, wie sich die Mittelschicht von der Unterschicht abwendet. "Entmischung" nennen das die Soziologen. Man spielt nicht mehr im selben Verein Fußball, geht nicht in dieselben Kneipen, will nicht mehr in derselben Nachbarschaft wohnen. Häußermann hat herausgefunden, dass ungewöhnlich viele Berliner umziehen. Weg aus Neukölln, weg aus dem Wedding, weg aus Hellersdorf - weg von der Unterschicht. Die Gruppe, die am häufigsten umzieht, sind Kinder unter sechs Jahren. Denn danach werden sie schulpflichtig. Spätestens bei der Schule hört für Mittelschichtseltern die Toleranz auf. Mit diesen Kindern soll mein Kind nicht aufwachsen. Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, sing nicht ihre Lieder.
Niemand zieht weg, weil die Nachbarn nicht genug Geld haben. Entscheidend sind die Lebensweise, der Habitus, die kulturelle Kluft. Es entwickelt sich ein neues Bewusstsein für Klasse: ein Klassenbewusstsein. Du bist, was du isst. Du bist, was du anziehst. Du bist, wo du wohnst. Du bist, was du glotzt. Du bist, was du liest, wenn du überhaupt liest. Du bist, wie du sprichst, mit oder ohne Akzent, mit oder ohne Grammatik.
In anderen westlichen Ländern ist dieses Zugehörigkeitsgefühl zu einer gesellschaftlichen Schicht selbstverständlich. Das war auch in Deutschland so. Bis zu den Nazis. Die Faschisten wirbelten die deutsche Klassengesellschaft durcheinander: Sie ermordeten und vertrieben einen großen Teil der Eliten und organisierten mit ihrem Machtapparat neue Aufstiegswege. Nach dem Faschismus versuchte sich die DDR an der Illusion der klassenlosen Gesellschaft. In der Bundesrepublik sprachen die Soziologen von der "nivellierten Mittelschichtsgesellschaft". Kulturelle Unterschiede der sozialen Schichten wurden geleugnet, in Ost und West.
Dazu passte der Begriff "Unterschicht" natürlich nicht. Derzeit tobt in der Politik ein Streit darüber, ob man das U-Wort benutzen darf. Ein Ablenkungsstreit. So muss man nicht über die wahren Probleme der Unterschicht und damit über das Versagen der Politik reden. Auch weil es kein politisch korrektes Wort für die Unterschicht gab, wurde über sie nichts ausgesprochen. Gegeben hat es sie dennoch.
Eigentlich sollte Bildung helfen, die Klassenschranken niedrig zu halten. Bildung sollte für die Unterschicht der Aufzug in die oberen Etagen sein. Einen anderen gibt es nicht. Doch genau das leistet unser Bildungssystem nicht. Im Gegenteil: Die Mittel- und Oberschichts-eltern haben in den vergangenen Jahren bei den Bildungsanstrengungen für ihren Nachwuchs Gas gegeben. Mozart für Ungeborene, Englisch im Kindergarten und Auslandsschuljahr im Gymnasium sind beinahe Standard. Gleichzeitig haben die bildungsfernen Eltern der Unterschicht nicht nur nicht mitgezogen. Viele Lehrer klagen, dass diese Eltern die Bildung und auch die Erziehung ihrer Kinder schleifen lassen. Die niederschmetternde Erkenntnis ist also: In Deutschland eint Bildung die Gesellschaft nicht. Bildung spaltet.
Keine Gesellschaft und keine Volkswirtschaft kann es sich leisten, zehn Prozent oder mehr ihrer Bevölkerung abzuschreiben und mit durchzufüttern. Die USA reagieren darauf, indem sie neue Gefängnisse bauen für die Wütenden. Das ist am Ende vermutlich die teuerste Lösung. Unser Weg kann nur "sozialer Fortschritt" sein. Das heißt nicht, mehr Sozialknete. Wir müssen bereit sein, die Strukturen der staatlichen Institutionen denen anzupassen, die den Staat am dringendsten brauchen: der Unterschicht.
Im Bildungssystem bedeutet das zum Beispiel: Ganztagskindergärten und Ganztagsschulen zuerst in Neukölln und im Hasenbergl. Erst danach sind die Mittelschichtsviertel dran. Die besten Kindergärtnerinnen und die besten Lehrer nach Billstedt. Das Städtische Theater sollte zuerst mit den anstrengenden Kindern aus Problemschulen zusammenarbeiten, bevor sie sich den pflegeleichten Gymnasiasten zuwenden. Die Benachteiligung der Unterschicht wirklich anzugehen wird nicht billig. Auf jeden Fall wird es teurer, als den "Armen" mehr Geld in die Hand zu drücken.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 43/2006