Zirka 20 Prozent hat die SPD bei Umfragen noch. Becks persönliche Werte sind desaströs. Meinungsforscher sagen, Becks negatives Image sei mittlerweile in Beton gegossen, es sei nicht mehr aufzubrechen. Die Debatte über diese Befunde verstärkt die Befunde noch, niemand mag in Berlin noch einen Euro auf ihn wetten. Bei der SPD halten sie ihn, weil sie keinen anderen haben. "Mobbing", sagt Beck im Reisebus. Das sei Mobbing, was die Presse mit ihm betreibe. Da gebe es politische Gründe, den Mindestlohn bei der Post etwa, der ihm den Zorn des Springer-Verlages eingetragen habe. Es gebe aber auch andere Gründe, die schiere Freude der Journalisten am Jagen zum Beispiel. Beck zitiert einzelne Sätze. "Wie kann denn eine gescheite Frau wie Schwan den gut finden?", habe er über sich gelesen. So etwas empört ihn zutiefst. Dass er zu einem Parteilinken erklärt werde - lächerlich. Eigene Fehler? "Die paar Sätze in Hamburg", sagt Beck, er meint seine ersten Äußerungen zu Bündnissen im Westen mit der Linkspartei. Er hat es satt, sich zu entschuldigen.
Berlin, die Partei, der Bus fährt Richtung Winnweiler, dort steht eine Schule, die Beck besuchen soll. Er sagt es nochmal, wie schon so oft auf dieser Reise: Er wolle keine Medienberater, keine Spin-Doktoren, die sein Bild in der Öffentlichkeit schön malen. Stylisten, Imageberater, Redenschreiber, Rhetorik-Trainer, die ganze Corona, die Toppolitiker in Berlin umgibt - nichts für Beck. Als sich ein Fotograf bei einem Stopp vor ihm auf den Boden wirft, von unten ein Bild aufnimmt, eine Perspektive, die üblicherweise unvorteilhaft ist und bei der Kanzlerin deswegen völlig tabu, rührt sich Beck keinen Millimeter. Er will authentisch bleiben, bei seiner "Linnje". Dafür erntet er in Rheinland-Pfalz Anerkennung. Und Spott in Berlin.
"Beck ist nur für 29 Prozent der beste SPD-Kanzlerkandidat", lautet die Schlagzeile der "Rheinpfalz" an diesem Tag. Die Zeitung hatte beim Frühstück im Hotel überall ausgelegen. 29 Prozent - das ist Becks Wert in Rheinland-Pfalz, auch der fällt nun. "Dass sich vieles hier auf das Land durchschlägt", sagt Beck im Bus, "das tut mir leid für meine Leute." Einer dieser Leute ist der Bundestagsabgeordnete Gustav Herzog, es ist sein Wahlkreis, durch den Beck gerade tourt. Herzog sagt, unter den SPD-Mitgliedern in der Pfalz würden sich viele fragen: "Warum tut sich Beck das an?" Und: "Was machen die mit unserem Kurt?" Vermutlich fragen sie sich auch, was Beck ihnen antut - und was das mit ihren Mandaten macht. Aber das sagt Herzog freilich nicht. Nur so viel: "Das ist nicht seine Art". Wobei "Das" für Berlin steht. Also ist das Experiment gescheitert. Beck wollte seinen Politikstil made in Rheinland-Pfalz nach Berlin exportieren. Doch dort gibt es keine absolute Mehrheit, keine Loyalität, keine kontrollierbaren Diskussionsprozesse und keine schnellen Lösungen. Nun importiert Beck seine Berliner Probleme nach Rheinland-Pfalz. Ein verdammt schlechter Deal.
Letzte Station: Mittagessen im "Saatgut" in Gerbach, einem wunderschönen Hof mit Restauration, es gibt Rollbraten, Kartoffelgratin, Möhrensalat, Bier. Derbe Hausmannskost. Beck entspannt sich. Links vor ihm sitzt der Bürgermeister, rechts der Landrat. Der Bürgermeister braucht Geld für eine neue Straße, um sein Dorf ruhiger zu machen. Beck sagt ihm, er soll nach dem Mittagessen einfach mit ins Auto kommen, das könne man auf der Rückfahrt nach Mainz besprechen. Der Landrat soll auch mit, "da mache mehr gleisch Näschel mit Köppe". So läuft es im Land. Kleiner Dienstweg, ein Wohltäter, und der heißt Beck. Berlin ist in diesen Momenten ziemlich weit weg, oder? Er wolle jetzt diese zehn Minuten hier mal in der Sonne genießen, sagt Beck. Und abends Fußball gucken.