Zu seiner eigenen Zukunft hat Steinbrück sich derzeit jedoch eisernes Schweigen verordnet. Wäre ja auch Irrsinn, einer großen Koalition das Wort zu reden, in der das Zugpferd Schröder sicher nicht mehr vorkäme. Aber dass er den Bund mit der Union im Zweifelsfall für kein Unglück hält, das macht er auch an diesem Nachmittag klar. Um fünf Uhr steht er im "Café Breuer" in Bornheim. Knapp zwanzig Leute sind da. Es geht um den Mittelstand, um die Gewerbesteuer, um die Bonitäts-Anforderungen der Banken, Basel Zwo. Trockenes Zeug. Steinbrück, der Volkswirt, beherrscht das. Aber etwas anderes liegt ihm am Herzen. Er nähert sich dem Thema langsam, mit seinem Standard-Aufwärm-Spruch. Nein, sagt er, er glaube nicht, dass die Verteilung von Schlaumeiern und Deppen in der SPD anders sei als die Verteilung von Schlaumeiern und Deppen in der Bevölkerung. Gute und Schlechte, soll das heißen gibt es überall, bei den Bürgern, bei der Union, und bei uns. Auch im Vergleich mit der Union dürfe die SPD nicht immer so tun, als habe sie die Weisheit gepachtet, sagt er. Der Bürger habe diese Rechthaberei satt, der wolle Lösungen. Und dann sagt er diesen entscheidenden Satz, dann skizziert er das Prinzip, das ab nächster Woche prägend sein könnte für dieses Land. "Ich glaube, dass in zentralen Fragen die beiden großen Parteien in Deutschland aufgefordert sind, nach gemeinsamen Lösungen zu suchen." Steinbrück skizziert, ohne es so zu nennen, das Programm einer großen Koalition. Altersvorsorge, Pflegeversicherung, Föderalismus, Vereinfachung des Steuersystems. Überall da sieht er Handlungsbedarf - und wohl auch Schnittmengen zwischen SPD und Union. Letzteres sagt er nicht. Nur die Hoffnung auf niedrigere Steuern, wettert er, das sei ein Irrglaube. Da mache die Union den Bürgern etwas vor.

Der vielleicht entspannteste Wahlkämpfer des Landes: Steinbrück in Rheinbach© Florian Güßgen
Es ist klar. Steinbrück kann sich das schon vorstellen, das mit der Union. Mit Roland Koch, dem Hessen, hat er einmal eine gemeinsame Liste zur Streichung von Subventionen erarbeitet. Das sei eine seiner guten Erfahrungen mit den anderen gewesen, sagt er. Das Scheitern der Föderalismus-Reform war eine schlechte. Von Rot-Grün hat Steinbrück ohnehin schon lange genug. Er war einer der ersten, die in Nordrhein-Westfalen eigentlich raus wollten aus diesem Bund. Er liebäugelte mit der FDP, konnte aber nicht zu den Liberalen kommen, weil die Bundes-Genossen dem einen Riegel vorschoben. Was wäre das für ein Signal für Berlin gewesen? Es gibt viele, die unken, die SPD werde in einer großen Koalition zerrieben werden, es werde ihr aus dem Korsett einer schwarz-roten Regierung heraus nicht gelingen, die Enttäuschten wieder einzufangen, die Hartz-IV-Gegner. Lafontaine und Gysi, so die Befürchtung, würden die Sozialdemokraten im Bundestag genüsslich vor sich hertreiben können. Steinbrück dagegen gilt als Anhänger jener Theorie, die besagt, dass die Regierungsbeteiligung die Genossen disziplinieren werde, dass die SPD sich trotz der Fesselung an die Schwarzen profilieren könne. Auch am Ende der ersten großen Koalition Ende der 60er Jahre stand schließlich wieder ein sozialdemokratischer Kanzler.
Was soll die SPD also tun? Die Frage nach der großen Koalition ist nicht die einzige Zerreißprobe, vor der sie steht. Die Probleme sind grundsätzlicher. Soll sie den Reformkurs Schröders fortsetzen - oder soll sie die Schröder-Schilder abschrauben, das Erbe des Reformkanzlers schnell entsorgen, einen Kurswechsel einläuten, wieder nach links zurückdriften? Steinbrück jedenfalls steht für die Fortsetzung des Reform-Kurses, auch wenn er glaubt, dass man die Partei stärker einbinden, sie mehr mitnehmen muss. Mit Hartz IV, mit den Reformen, habe man der SPD sehr viel zugemutet, sagt Steinbrück bei der letzten Veranstaltung an diesem Tag in einem Brühler Hotel. Er habe das richtig gefunden, sagt er. Nur an Herzenswärme habe man es vermissen lassen. Man habe die sozialdemokratische Seele zu wenig gestreichelt, zu wenig klar gemacht, dass die Reformen notwendig seien, um den Sozialstaat zu erhalten, dass sie nicht dazu gedacht seien, ihn auszuhöhlen. Die Zuhörer - siebzig, achtzig sind es an diesem Abend - glauben ihm das. Sie bejubeln ihn.
Etwas später, als Steinbrück in der Hotelbar zur Ruhe kommt, legt er den entspannten Wahlkämpfer ab, sinniert bei Weißwein und Zigarillo über die strategischen Aussichten der SPD. Man kann spüren, dass ihn das Schicksal der SPD umtreibt. Es bewegt ihn, was mit dieser Partei geschieht, mit den Errungenschaften Gerhard Schröders, die schon bald dessen Erbe sein dürften. Steinbrück will das nicht zurückdrehen, er will diese sieben Jahre nicht im Nachhinein schlecht reden. Fast schon mit Bewunderung spricht er von Schröders politischem Instinkt, dessen Einsatz im Wahlkampf. Dass er es ist, der von Schröders Abschiedsgeschenk an die Partei - der Regierungsbeteiligung in einer großen Koalition - profitieren könnte, darüber schweigt er. Dazu will er nichts sagen. Das gebietet schon der politische Stil. Steinbrücks ganz persönliche Wahlfreiheit, von der er so gerne spricht, diese Ausstiegs-Option, erscheint in diesem Lichte dennoch mehr denn je als Fiktion.
Am Sonntagabend, jedenfalls, da wird Peer Steinbrück in Berlin sein. Im Willy-Brandt-Haus, in der Hauptstadt. Und für die kommende Woche hat er noch keine Termine ausgemacht, keinen Urlaub gebucht. Da wird er erreichbar sein, verfügbar. Auf jeden Fall für die SPD. Für Müntefering. Für Schröder. Und vielleicht auch für Merkel.