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21. April 2005, 10:51 Uhr

Kampf gegen den Untergang

Kämpfernatur, abgekämpft: Joschka Fischer Anfang April beim Länderrat der Grünen in Gelsenkirchen. Einige Tage zuvor hatte er dem Kanzler unter vier Augen seinen Rücktitt angeboten© Bernd Arnold

Es ist ein gigantisches Aufbäumen, es geht jetzt auch um Zeit und schiere Kraft. 40 bis 50 Mitarbeiter sichten im Auswärtigen Amt die Aktenbestände. 230 Ordner mit rund 155000 Seiten gingen bereits an den Visa-Untersuchungsausschuss. Fischer kann unmöglich alles selbst lesen, eigens abgestellte "Eingelber" quälen sich daher mit Textmarkern durch die dicken Konvolute und streichen für ihn die wichtigsten Passagen an. "Fischer ist jetzt voll geschäftsfähig in dieser Sache, was er vor acht Wochen noch nicht war", heißt es.

Das Schlimme ist nur: Fischer kann sich auf seinen Apparat nicht mehr voll verlassen: Schon länger ist der mächtige Gebäudekomplex am Werderschen Markt in Berlin voll von hässlichen Geschichten über den Minister. Sie handeln von Zurücksetzung und Missachtung, von gebrochenem Stolz und wechselseitiger Verachtung. Dass der Chef das Versagen im Visa-Debakel anfangs aufs niedere Personal an den Botschaften abwälzen wollte, hat das Klima zusätzlich vergiftet.

Fischer, so heißt es, sei vor allem am persönlichen Prestige interessiert: Ein Termin bei Kofi Annan sei ihm hundertmal wichtiger als eine interne Konferenz zur Afrika-Politik. Seine viel gepriesene Humboldt-Rede, in der er wolkige Visionen zur "Finalität Europas" ausbreitete, wird im Amt als "Produkt des deutschen Idealismus" verhöhnt.

Er hat viel erreicht. Er hat die bequeme deutsche "Ohne mich"-Haltung im Kosovo- und im Afghanistan-Krieg durchbrochen, und mitgeholfen, diese Kriege zu beenden. Einem dritten - im Irak - hat er sich verweigert. Aber vom zupackenden, leicht anti-amerikanisch eingefärbten Nationalismus des Kanzlers wird Fischer, der im Denken viel eher der klassischen Gleichgewichtsdiplomatie eines Kohl oder Genscher verhaftet ist, an den Rand gedrängt. Und gegen den missionarischen Furor eines George W. Bush, der im gesamten Nahen Osten Demokratie und Menschenrechte durchsetzen will, wirkt ausgerechnet der von links kommende Visionär Fischer seltsam ratlos.

"Was macht der eigentlich? Wo ist der eigentlich?", fragt CDU-Außenpolitiker Wolfgang Schäuble. "Kein Außenminister in der Geschichte der Bundesrepublik hat so wenig Einfluss auf die deutsche Außenpolitik genommen wie Fischer."

Es ist, als könnte er die neuen Wirklichkeiten nicht mehr benennen, als sei ausgerechnet der Stratege und Vordenker Fischer irgendwie aus der Zeit gefallen. Immer öfter hat man das Gefühl, sein früher so unbändiger Gestaltungswille pendele gleichsam ins Leere.

Langweilt er sich in seinem Amt? Das Bild vom Taxifahrer ohne Abitur, der sich bis auf die holzgetäfelten Flure der großen Diplomatie vorkämpft und dort "bella figura" macht, dieses Bild, das mit seinem exotischen Zauber Fischer für die Deutschen so unwiderstehlich machte - es bekommt Risse. Was nicht nur an ihm liegen muss, sondern möglicherweise auch an der Widerborstigkeit seiner Beamten - Insider schätzen, dass ein Drittel das FDP-Parteibuch in der Tasche trugen, als Fischer das Ressort übernahm.

"Er ist brillant, er ist begabt, aber er hat nie gelernt, Akten zu studieren", sagt Dietrich von Kyaw, bis 1999 ständiger Vertreter Deutschlands bei der EU in Brüssel. "Die Details waren seine Sache nicht. Sprach man ihn darauf an, wurde er sehr schnell ungnädig."

Unvergessen ist in Diplomatenkreisen, wie Fischer zu Zeiten der deutschen Ratspräsidentschaft eine Sitzung der EU-Außenminister leitete und plötzlich nach Bananen verlangte. Unten saßen die Kollegen aus Europa - und oben stopfte sich der Minister aus Deutschland schmatzend die gelben Früchte in den Mund.

Das Respektlose, Rüpelhafte, buchstäblich Unzivilisierte, das den Aufstieg des Frankfurter Straßenkämpfers erst ermöglichte und auch seine Faszination ausmachte - all das war, so scheint es jetzt, über Jahre nur mühsam zurückgedrängt. Als der Mann endlich auf dem Karrieregipfel angekommen war und der enorme Stilisierungsdruck nachließ, den er für den Aufstieg ins Zentrum bürgerlicher Macht gebraucht hatte - da brach der alte Fischer umso jäher wieder hervor.

Und mit diesen Geschichten verkehrt sich auch die Wahrnehmung der Figur Fischer wie rasend ins Gegenteil. Plötzlich wird über der Causa Fischer das alte Grundmisstrauen gegenüber der Generation 68 wieder wach: War für sie am Ende alles doch nur ein Spiel? Ging es gar nicht um politisches Gestalten, sondern nur darum, auch mal oben gewesen zu sein - egal, wie, egal, wofür? Kann man solchen Leuten höchste Staatsämter anvertrauen?

"Weder ein inneres noch ein äußeres Geländer bestimmen den Lebensweg der meisten", schreibt Jürgen Leinemann in seinem Buch "Höhenrausch" über die Generation Fischer. Sie sei aufgewachsen in einer "eigentümlichen Art von Selbstbesessenheit, die gesellschaftliche Wirklichkeit nur als Kulisse für die eigene Bedeutung wahrzunehmen gelernt hatte".

Das liest sich wie eine Kurzcharakteristik von Joschka Fischer. Und es sind genau diese Eigenschaften, die nun, im Schlagschatten der Affäre, noch einmal für alle sichtbar werden. Das verstärkt aber nur die Mischgefühle aus Empörung und Melancholie, mit der das Publikum das Drama um seine Person verfolgt.

Möglicherweise war seine "eigentümliche Art von Selbstbesessenheit" der Grund für den nachlässigen Hochmut, mit dem er die skandalösen Zustände an den fernen Botschaften ignorierte - aber war es nicht auch diese Selbstbesessenheit, die sein Leben erst zu einer Art Roadmovie machte, dem die Deutschen über Jahre wie gebannt zuschauten?

Keiner aus der ersten Reihe hat die typisch deutsche Verachtung für alles Politische, die sich eigentlich aus romantischen Gefühlen speisenden, tief sitzenden Ressentiments gegen Parteienkompromiss und Geschäftsordnungshuberei so sehr bedient wie Fischer. Noch im hohen Staatsamt angekommen, umgab er sich mit einer Aura zurückgestauter, jederzeit abrufbarer körperlicher Gewalt. In seinem Flugzeug war, neben aller diplomatischen Nadelstreifenträgerei, immer auch ein Klima von Kneipenschlägerei und Straßenschlacht präsent.

Es konnte passieren, dass Fischer sich bullig vor einem aufbaute und brüllte: "Ihre Bemerkungen sind so was von unqualifiziert. Das ist mir schon öfters bei Ihnen aufgefallen." Im Halbdunkel der Flugzeugkabine blitzten dann seine feinen, goldenen Manschettenknöpfe. Und man hatte das Gefühl, er könne jederzeit zuschlagen.

Das feine Tuch, mit dem er sich kleidete, seine ganze bürgerliche Erscheinung mit Weste und Siegelring - all das wirkte oft wie eine nur flüchtig übergeworfene zivilisatorische Hülle. Er konnte sie jederzeit abwerfen. Darunter kam das Macht-Tier Fischer zum Vorschein: unverstellt, mit all seinen rohen Instinkten und Affekten. Es war immer diese Mischung aus politischem Talent und bulliger körperlicher Präsenz, die ihm seine einzigartige Überredungsmacht verlieh - schon in grünen Anfangstagen.

"Er hatte diesen düsteren Desperado-Charme des Straßenkämpfers", erinnert sich Hubert Kleinert, Grüner der ersten Stunde und langjähriger Wegbegleiter. "Auf den Typus des vergeistigten Intellektuellen und Idealisten, der bei den Grünen dominierte, wirkte das einschüchternd, aber auch faszinierend."

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 17/2005

 
 
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