
Bedingungslos loyal: der designierte Finanzminister Wolfgang Schäuble und Kanzlerin Angela Merkel© Hannibal/DPA
Schäuble war einer der zum wichtigsten Wegbereiter Helmut Kohls und sein bester Machtverteidiger. Selbst als dessen Führungsschwäche offenkundig war, stand er an seiner Seite - mit unerschütterlicher Loyalität. Zwei Jahre vor dessen Abwahl 1998 sagte er noch: "Kohl ist unsterblich." Natürlich wusste er dies zu diesem Zeitpunkt längst besser, wollte selbst unbedingt Kanzler werden. Aber Kohl stürzen wie Herbert Wehner einst Willy Brandt? Nein, er konnte es nicht. Er verglich seine Position mit der des Sisyphos. Immer wieder sich mühen, die aufgebürdete Last nach oben zu tragen, "das ist ein Stück weit mein Politikverständnis."
Dafür ließ er sich von Kohl als Kanzleramtsminister schikanieren, bürdete sich das Innenministerium auf, das keine Popularität verspricht. Auf die Frage "Sind sie denn ein politisch Besessener?" antwortete er: "Ich bin überhaupt nicht besessen, sondern ich bin ein Mann, der um die Verantwortung eines Innenministers weiß." Ein Knecht, der im Kampf gegen den Terrorismus den Rechtsstaat beschneidet? Seine Antwort: "Der Rechtstatt beschneidet überhaupt nicht Freiheit, sondern er bemüht sich, die Freiheit zu schützen."
Viele mögen sich wundern, dass Angela Merkel nun das Schlüsselressort Finanzen mit Schäuble besetzt. Das Ressort, das über ihren Erfolg und Misserfolg in den nächsten vier Jahren entscheiden wird. Sie weiß nur zu gut, dass er vielfach Grund hat, ihr im Rückblick böse zu sein. Sie hat aktiv an seinem Sturz als CDU-Chef mitgewirkt, weil sie wusste, dass er im Getümmel um Kohls Schwarzgeldaffäre im Bundestag einmal nicht bei der Wahrheit geblieben war. Damit brachte sie ihn um seine letzte Chance, doch noch Kanzler zu werden.
Ausgerechnet den Mann holt sich Merkel in ihr wichtigstes Ministerium, der in ihrem politischen Schachspiel mehr als einmal das Bauernopfer geben musste. Den sie um Partei- und Fraktionsvorsitz brachte. Dessen Kandidatur als Spitzenkandidat der Berliner CDU sie hintertrieb. Den sie als Spielmaterial im Poker um das Amt des Bundespräsidenten hemmungslos benutzte.
Doch der Badener besitzt aus der Sicht Merkels eine bemerkenswerte Eigenschaft: Er kann bis zur Selbstbeschädigung loyal sein, auch gegenüber Partnern, die - wie einst Helmut Kohl - diesen Charakterzug rücksichtslos zum eigenen Vorteil ausbeuten. Einen Loyaleren hätte Angela Merkel nicht finden können.
Schäuble hätte, wenn er Anspruch erhoben hätte, Bundestagspräsident werden können. Aber das wollte er nicht. Ihn interessieren strategische Partnerschaften weitaus mehr als protokollarische Ehren. Für die Kanzlerin steckt ein gewisses Risiko in Schäubles Berufung - Loyalität hin, Loyalität her. Sie hat jetzt an der Schlüsselstelle des Kabinetts einen Minister, der völlig unabhängig von ihr denkt.
Weshalb hat sich Schäuble darauf eingelassen? Was tut er seiner Familie damit an? Was treibt ihn? Ingeborg Schäuble gibt eine sehr menschliche Antwort: "Jedes Leben ist lebenswert, wenn es bewusst sein kann. Für meinen Mann ist das Leben sehr lebenswert. Für uns alle ist es ganz wichtig, dass er da ist. Aber ich denke, auch für ihn ist es ganz schön."