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23. Oktober 2009, 15:29 Uhr

Merkels neuer Sisyphos

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Bedingungslos loyal: der designierte Finanzminister Wolfgang Schäuble und Kanzlerin Angela Merkel© Hannibal/DPA

Die Geschichte von Sisyphos

Schäuble war einer der zum wichtigsten Wegbereiter Helmut Kohls und sein bester Machtverteidiger. Selbst als dessen Führungsschwäche offenkundig war, stand er an seiner Seite - mit unerschütterlicher Loyalität. Zwei Jahre vor dessen Abwahl 1998 sagte er noch: "Kohl ist unsterblich." Natürlich wusste er dies zu diesem Zeitpunkt längst besser, wollte selbst unbedingt Kanzler werden. Aber Kohl stürzen wie Herbert Wehner einst Willy Brandt? Nein, er konnte es nicht. Er verglich seine Position mit der des Sisyphos. Immer wieder sich mühen, die aufgebürdete Last nach oben zu tragen, "das ist ein Stück weit mein Politikverständnis."

Dafür ließ er sich von Kohl als Kanzleramtsminister schikanieren, bürdete sich das Innenministerium auf, das keine Popularität verspricht. Auf die Frage "Sind sie denn ein politisch Besessener?" antwortete er: "Ich bin überhaupt nicht besessen, sondern ich bin ein Mann, der um die Verantwortung eines Innenministers weiß." Ein Knecht, der im Kampf gegen den Terrorismus den Rechtsstaat beschneidet? Seine Antwort: "Der Rechtstatt beschneidet überhaupt nicht Freiheit, sondern er bemüht sich, die Freiheit zu schützen."

Merkels Bauernopfer

Viele mögen sich wundern, dass Angela Merkel nun das Schlüsselressort Finanzen mit Schäuble besetzt. Das Ressort, das über ihren Erfolg und Misserfolg in den nächsten vier Jahren entscheiden wird. Sie weiß nur zu gut, dass er vielfach Grund hat, ihr im Rückblick böse zu sein. Sie hat aktiv an seinem Sturz als CDU-Chef mitgewirkt, weil sie wusste, dass er im Getümmel um Kohls Schwarzgeldaffäre im Bundestag einmal nicht bei der Wahrheit geblieben war. Damit brachte sie ihn um seine letzte Chance, doch noch Kanzler zu werden.

Ausgerechnet den Mann holt sich Merkel in ihr wichtigstes Ministerium, der in ihrem politischen Schachspiel mehr als einmal das Bauernopfer geben musste. Den sie um Partei- und Fraktionsvorsitz brachte. Dessen Kandidatur als Spitzenkandidat der Berliner CDU sie hintertrieb. Den sie als Spielmaterial im Poker um das Amt des Bundespräsidenten hemmungslos benutzte.

Merkels Risiko

Doch der Badener besitzt aus der Sicht Merkels eine bemerkenswerte Eigenschaft: Er kann bis zur Selbstbeschädigung loyal sein, auch gegenüber Partnern, die - wie einst Helmut Kohl - diesen Charakterzug rücksichtslos zum eigenen Vorteil ausbeuten. Einen Loyaleren hätte Angela Merkel nicht finden können.

Schäuble hätte, wenn er Anspruch erhoben hätte, Bundestagspräsident werden können. Aber das wollte er nicht. Ihn interessieren strategische Partnerschaften weitaus mehr als protokollarische Ehren. Für die Kanzlerin steckt ein gewisses Risiko in Schäubles Berufung - Loyalität hin, Loyalität her. Sie hat jetzt an der Schlüsselstelle des Kabinetts einen Minister, der völlig unabhängig von ihr denkt.

Weshalb hat sich Schäuble darauf eingelassen? Was tut er seiner Familie damit an? Was treibt ihn? Ingeborg Schäuble gibt eine sehr menschliche Antwort: "Jedes Leben ist lebenswert, wenn es bewusst sein kann. Für meinen Mann ist das Leben sehr lebenswert. Für uns alle ist es ganz wichtig, dass er da ist. Aber ich denke, auch für ihn ist es ganz schön."

Von Hans Peter Schütz
Seite 1: Merkels neuer Sisyphos
Seite 2: Die Geschichte von Sisyphos
 
 
KOMMENTARE (7 von 7)
 
jps-mm (24.10.2009, 12:32 Uhr)
Straftäter gegen Bürgerrechte
Der Schäuble schafft bewußt - mit Billigung der Merkel - ein Klima von Angst und Einschüchterung. Seit 2005 hat sich die Menschenrechtslage in Deutschland - nicht zuletzt durch das BKA-Gesetz - drastisch verschlechtert, die Bürgerrechtsverletzungen schwerster Art werden - mit Billigung der Merkel - unverändert fortgesetzt. Hinzu kommt, dass die Merkel systematisch die Strafverfolgung der dafür verantwortlichen Rechtsbrecher hintertreibt.

In Deutschland sind die Bürgerrechte schon vollständig ausgehöhlt und die letzten Restbestände der Verfassung faktisch außer Kraft gesetzt. Und immer noch leugnen CDU-Politiker - wider besseren Wissens - die drastische Verschlechterung der Menschenrechtslage und die fortgesetzte Missachtung von Bürgerrechten schwerster Art in Deutschland.

Wer Bürgerrechte verletzt, darf kein öffentliches Amt mehr bekleiden. Der Schäuble muss weg.

Aquarius2 (24.10.2009, 11:45 Uhr)
Erfahrener Mann mit richtigen Voraussetzungen
Vielleicht ist es hilfreich, wenn Herr Schäuble bei der Vorbereitung und Durchsetzung von Zielen der Koalition auf seine Erfahrungen und Konzepte zur Bekämpfung von Unruhen mit Lauschangriffen und Einsatz der Bundeswehr im Inland zurückgreifen kann.
germinal (24.10.2009, 02:39 Uhr)
Treppenwitz der Geschichte
Schäuble kontrolliert die Banken. Klasse! Eigentlich wünsche ich mir, daß jemand seine Kameras und Überwachungsmechanismen in die Zimmer der Vorstände trägt.
Aber Wolfgang??
Irgendwie geistern mir da im Kopf jüdische Hinterlassenschaften rum, Ehrenwörter und eine graue Eminenz, die ein Kuvert in der Hand trägt.
Wolfgang als Kontrolle? Da hätte man auch die Mutter aller Lobbyisten nehmen können. Die kommt gerade aus Kanada zurück.
Sie heißt Schreiber.
bayerbienengift (24.10.2009, 02:31 Uhr)
war nett gemeint ;-.)
-weil er so ehrlich ist und die Spender nicht nennt -
und vielleicht hat er ja noch ein biss'l Schwartz-gelb(d) auf der "hohen Kante" mit dem man den Haushalt retten kann?
flixx (23.10.2009, 23:17 Uhr)
Kohls Erbe
Na endlich einer der sich mit Finanzen auskennt. Vom Kofferträger zum Finanzminister, wow echt ne tolle Karriere.
bayerbienengift (23.10.2009, 23:03 Uhr)
Ich finde er sollte Papst werden
....
RadioMan (23.10.2009, 22:04 Uhr)
Danke, Herr Jörges
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Soziologie
Und leider auch Geschichte
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so desillusioniert als wie zuvor.

Guter Ansatz, Herr Jörges, aber das wird nichts. Lobbyarbeit können sich nur die Reichen leisten, und mit Schwarz/Gelb wird das eh nichts. Die Lobbyisten rennen da sowieso offene Scheunentore ein. Guido Westerwelle oder Herr Guttenberg mit dem Gehalt eines Facharbeiters? Frau Merkel mit dem Lohn einer Putzfrau? Das wäre mal was Neues und sicherlich lehrreich für die Damen und Herren - ganz abgesehen vom Imagegewinn -, aber das weiß man in Berlin sicher zu verhindern. Hut ab allerdings vor den Wohlhabenden, die etwas beitragen wollen.
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