Kita-Plätze als Staats-Doktrin; Politiker, die ihre Ohnmacht selbstbewusst als Entschlossenheit verkaufen; einfältige Propaganda, inszenierter Parteitagsjubel, Durchhalteparolen und Schönfärberei - alles schon mal gehört. Ein Staat, der sich, um Subventionen zahlen zu können, von einem Milliardenkredit zum nächsten hangelt. Wo ohne nachbarschaftliche Schwarzarbeit und Vitamin B kaum noch jemand über die Runden kommt. In dem man sich lieber still an der Meinungsfreiheit freut, wenn Kollegen am Nachbarschreibtisch plötzlich aus fadenscheinigen Gründen verschwinden. Alles nicht neu.
Na gut, manches doch: Auf den alten Stasi-Stativen sind moderne Kameras montiert und überwachen die öffentlichen Plätze viel schärfer. Niemand muss mehr Westpakete aufreißen oder informelle Spione anheuern. Was wir denken und kaufen, wird einfach online und auf Vorrat mitgelesen. Gegen die Datensammelwut von Konzernen und Behörden heute wirken die Stasi-Einweckgläser mit Geruchsproben wie lächerliche Briefmarkenalben. Ob Polikliniken nun Ärztehäuser heißen, ob es um Doping für Sportler oder zappelnde Grundschüler geht, um Kleinbürger mit hypothetischem Volkseigentum oder ein Volk von Kleinaktionären mit Hypotheken, ob ein paar Banken unser Schicksal bestimmen oder ein paar Bonzen - alles halb so wild.
Etwas beunruhigender finde ich da schon, dass ich seit vergangenem Jahr wieder Kunde einer volkseigenen Bank bin und der Automat eines Tages vielleicht nur noch Spielgeld ausspucken könnte. Dass ich auf dem Weg von Leipzig nach Berlin durch ein Bundesland muss, in dem eine Art neue Sozialistische Einheitspartei aus SPD und Stasi-Schergen regiert. Dass sich dieses Modell die lautesten Agit-Prop-Journalisten mit West-Biografie schon wieder für das ganze Land vorstellen können. Gar nicht zu reden davon, wie schnell sie sich an eine FDJ-Funktionärin im Kanzleramt gewöhnt haben. Oder eben an ungeräumte Straßen.
Einmal in den vergangenen Tagen - solche Déjà-vus gibt es auch noch - hielten sofort zwei junge Männer neben meiner Parklücke. Sie hatten mich und meine Reifen durchdrehen sehen, opferten ihre Fußmatten, setzten sich in den Kofferraum, um den dämlichen Hinterradantrieb zu überlisten. Nichts half. Schließlich gruben wir die schwere Karre auf Knien frei. Dabei entdeckte ich an ihrem Auto einen Aufkleber, auf dem in kyrillschen Buchstaben, phonetisch verschlüsselt, stand: "Wer das nicht lesen kann, ist ein dummer Wessi." Im ersten Moment fand ich das selbst ziemlich dumm, weil es die Adressaten ja gerade nicht lesen können und die Beleidigung schon deshalb nicht ankommt. Aber dann hielt ein noch neuerer Mercedes neben uns und der Fahrer ließ herablassend die Scheibe herab: "Das ist ein Mercedes", belehrte er uns. "Hinterradantrieb. " Ich bedankte mich artig für den Tipp und wollte gerade erklären, dass wir schon alles versucht hätten. Meine beiden Helfer aber verdrehten nur die Augen, als wäre ihnen sofort klar, dass so ein Sprücheklopfer, der nicht mal mit anfasst, ihren Aufkleber bestimmt nicht lesen kann. Erst danach erkannte auch ich sein Nummernschild - und dass ich immer noch viel zu höflich bin: Man müsste es auch im richtigen Leben viel öfter laut sagen: Schnauze, Wessi!