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6. Februar 2010, 12:28 Uhr

Der Winter der Déjà-Vus

Kita-Plätze als Staats-Doktrin; Politiker, die ihre Ohnmacht selbstbewusst als Entschlossenheit verkaufen; einfältige Propaganda, inszenierter Parteitagsjubel, Durchhalteparolen und Schönfärberei - alles schon mal gehört. Ein Staat, der sich, um Subventionen zahlen zu können, von einem Milliardenkredit zum nächsten hangelt. Wo ohne nachbarschaftliche Schwarzarbeit und Vitamin B kaum noch jemand über die Runden kommt. In dem man sich lieber still an der Meinungsfreiheit freut, wenn Kollegen am Nachbarschreibtisch plötzlich aus fadenscheinigen Gründen verschwinden. Alles nicht neu.

Na gut, manches doch: Auf den alten Stasi-Stativen sind moderne Kameras montiert und überwachen die öffentlichen Plätze viel schärfer. Niemand muss mehr Westpakete aufreißen oder informelle Spione anheuern. Was wir denken und kaufen, wird einfach online und auf Vorrat mitgelesen. Gegen die Datensammelwut von Konzernen und Behörden heute wirken die Stasi-Einweckgläser mit Geruchsproben wie lächerliche Briefmarkenalben. Ob Polikliniken nun Ärztehäuser heißen, ob es um Doping für Sportler oder zappelnde Grundschüler geht, um Kleinbürger mit hypothetischem Volkseigentum oder ein Volk von Kleinaktionären mit Hypotheken, ob ein paar Banken unser Schicksal bestimmen oder ein paar Bonzen - alles halb so wild.

*

Etwas beunruhigender finde ich da schon, dass ich seit vergangenem Jahr wieder Kunde einer volkseigenen Bank bin und der Automat eines Tages vielleicht nur noch Spielgeld ausspucken könnte. Dass ich auf dem Weg von Leipzig nach Berlin durch ein Bundesland muss, in dem eine Art neue Sozialistische Einheitspartei aus SPD und Stasi-Schergen regiert. Dass sich dieses Modell die lautesten Agit-Prop-Journalisten mit West-Biografie schon wieder für das ganze Land vorstellen können. Gar nicht zu reden davon, wie schnell sie sich an eine FDJ-Funktionärin im Kanzleramt gewöhnt haben. Oder eben an ungeräumte Straßen.

Einmal in den vergangenen Tagen - solche Déjà-vus gibt es auch noch - hielten sofort zwei junge Männer neben meiner Parklücke. Sie hatten mich und meine Reifen durchdrehen sehen, opferten ihre Fußmatten, setzten sich in den Kofferraum, um den dämlichen Hinterradantrieb zu überlisten. Nichts half. Schließlich gruben wir die schwere Karre auf Knien frei. Dabei entdeckte ich an ihrem Auto einen Aufkleber, auf dem in kyrillschen Buchstaben, phonetisch verschlüsselt, stand: "Wer das nicht lesen kann, ist ein dummer Wessi." Im ersten Moment fand ich das selbst ziemlich dumm, weil es die Adressaten ja gerade nicht lesen können und die Beleidigung schon deshalb nicht ankommt. Aber dann hielt ein noch neuerer Mercedes neben uns und der Fahrer ließ herablassend die Scheibe herab: "Das ist ein Mercedes", belehrte er uns. "Hinterradantrieb. " Ich bedankte mich artig für den Tipp und wollte gerade erklären, dass wir schon alles versucht hätten. Meine beiden Helfer aber verdrehten nur die Augen, als wäre ihnen sofort klar, dass so ein Sprücheklopfer, der nicht mal mit anfasst, ihren Aufkleber bestimmt nicht lesen kann. Erst danach erkannte auch ich sein Nummernschild - und dass ich immer noch viel zu höflich bin: Man müsste es auch im richtigen Leben viel öfter laut sagen: Schnauze, Wessi!

Von Holger Witzel
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KOMMENTARE (10 von 12)
 
Friedenauer (08.02.2010, 00:12 Uhr)
Déjà-vus
Bei dem vom Autor geschilderten hübschen Déjà-vus, das er beim Ausgraben seines Mercedes hatte, fiel mir eine schon über 20 Jahre alte Begebenheit vom November 1989 ein: Ich kam mit meiner aus Halle/Saale stammenden Cousine, die gerade ihren ersten West-Besuch bei uns machte, nach einem Einkaufsbummel zu meinem am Straßenrand geparkten Auto zurück und mußte feststellen, daß durch eigene Dussligkeit (Scheinwerfer) die Batterie leer war. Ich winkte einen vorbeifahrenden BMW-Fahrer heran, der auch sofort anhielt und die rechte Scheibe öffnete. Ich fragte ihn freundlich, ob er mir Starthilfe geben könne. Er sagte nur kurz "klar", fuhr seinen Wagen dicht neben den meinen, öffnete seine Motorhaube und Sekunden später hatte ich die erbetene Starthilfe. Ein freundliches Dankeschön von mir, und das Problem war gelöst. Meine Hallenser Cousine beobachtete das ziemlich fassungslos. "Sowas habe ich noch nie erlebt: Gleich der erste hat angehalten und geholfen. Da hätte ich bei uns (sie meinte die DDR) mit Sicherheit wesentlich länger warten müssen, bis ich einen überredet hätte, mir zu helfen". Dies deckte sich auch mit meinen Erfahrungen aus jenen Wochen, als wir unsere Straßen zunehmend auch mit Trabis und Wartburgs teilen durften: Mal auf die eigene Vorfahrt verzichten und einem anderen die Vorfahrt geben - das war wohl "drüben" nicht gängige Praxis. Allgemein mußten wir ein ziemlich rücksichtsloses und unhöfliches Fahrverhalten bei der Mehrheit unserer Landsleute aus der DDR feststellen. Aber leider - das kann man rückblickend sagen - hat sich in der Folgezeit nicht das Fahrverhalten der "Ossis" geändert, sondern die "Wessis" haben sich dem Ost-Stil ziemlich schnell angepaßt. Aber um ein Bild der vom Autor geschilderten Situation zu verwenden: Alles Schnee von gestern. Es gibt einfach keine typischen Ossi- oder Wessi-Verhaltensweisen mehr. Wir haben uns in den 20 Jahren einander sehr angepaßt, im Negativen wie im Positiven. Und die vom Autor herbeigezerrten sehr wackligen Beispiele für angeblich typisches Wessi-Verhalten sind - pardon - einfach dummes Zeug. Es gibt auf beiden Seiten sehr viele A........er, ebenso wie es sehr viele nette Typen gibt. Ich habe unzählige Beispiele dafür erlebt, auch schon lange vor dem Mauerfall.
Aquarius2 (07.02.2010, 20:12 Uhr)
Déjà-Vus
Während die Brüder in den gebrauchten Bundesländern noch schunkeln, ahnen die die in den neuen Bundesländern bereits, was uns noch bevorsteht.
Vieles ist schon dagewesen.
Déjà-Vus eben.
SethusCalvisius (07.02.2010, 01:06 Uhr)
Ganz witzig,
aber einen Punkt hat der Autor leider übersehen: Es sind zwar die gleichen Muster wie in der DDR (wenn natürlich nicht so plump), aber es sind eben nicht mehr die "Sozis", sondern die etablierten Westparteien, die dieses System aufgebaut haben. Der Aufbau dees Überwachungsstaats kommt eben nicht von der ehemaligen FDJ-Funktionärin, sondern von Wessis wie Schäuble oder vdLeyen. Und die, die das im Osten so perfekt durchgespielt haben, sind jetzt in der Opposition und dort eigentlich die einzige Gruppierung, die gegen diese Zustände zumindest verbal angeht.
triptis33 (06.02.2010, 22:30 Uhr)
wollen wir die wessis doch mal in schutz nehmen
"ist es denn ein wunder" stimmt ! die von der stasi mussten sich nach der wende ja nen neuen job suchen um westgeld zu verdienen jetzt bespitzeln die halt mitarbeiter bei siemens der bahn lidl usw. und die von der fdj sind e überall weil ja auch alle drin waren ausser vielleicht n paar zeugen jehova also bringen alle ihre gedanken mit und die art die da oben machen zu lassen ohne darübernachzudenken so wie früher, zur wahl wird immer die gleiche partei gewählt (die cdu wo nach der wende der grossteil der ehemaligen sed mitglieder ja bekanntermassen eingetreten war) und die reise bzw meinungs freiheit interessiert diese stalin geprägten idioten selbstverständlich nicht wenn georg w. busch bundeskanzler gewesen währe währe die bundeswehr längst im 3. weltkrieg und keiner würde sich fragen was das soll hauptsache es gibt westautos zu kaufen . der laden ist längst wieder vor 89 angekommen und die wessis die sich bestimmt nicht darum beworben hatten mit dummen ossis zusammenzuleben müssen das jetzt leider über sich ergehen lassen !
Stirn.de (06.02.2010, 16:31 Uhr)
Ist es denn ein Wunder...
....dass es bei uns wie in der DDR zugeht ?
Schließlich regieren ehemalige DDR-Bürger unser Land.

...wo zum Henker sind eigentlich die ganzen ehemaligen Stasimitarbeiter hin ?
Röööchtööösch ! Sie regieren und spionieren weiter im Westen.

Aber heute legalisiert man das verletzen der Bürgerrechte einfach mit dem Schlagwort "Terrorismus".

:-)
mister-mister (06.02.2010, 16:09 Uhr)
Wieder ein kleines Highlight
....im Einerlei der übrigen Artikel. Ich hoffe sehr - auch wenn ich oft zwischen Ärgern und Loslachen hin- und hergerissen bin - dass Ihre Schreibe (und Ihre Schnauze) auf STERN.de noch lange Bestand hat.
Johann58 (06.02.2010, 15:11 Uhr)
20 Jahre Wiedervereinigung
Kann es sein, dass die DDR, die BRD uebernommen hat? Beim Streusalz hat ja wohl die Planwirtschaft schon voellig versagt und der bloede Winter hat mit seiner Heftigkeit den langjaehrigen Durchschnittsverbrauch von Streusalz um einige Milligram pro Quadratmeter ueberschritten.

Liegt warscheinlich daran, dass der Winter nicht von Frau Merkel zur Regierungserklaerung geladen war.

Jetzt frage ich mich dann nuir warum man nicht Roland Koch's Vorschlag zum Einsatz von Hartz IVlern nicht genutzt hat um die Strassen vom Schnee zu befreien.

DDR reloaded, ausgedehnt bis an die Grenze zu Frankreich.
mephisto123 (06.02.2010, 14:38 Uhr)
Herr Witzel.....Sie haben es geschafft ...
...zum ersten Mal habe ich einen Artikel des Sterns ausgedruckt.Ich rolle mich jetzt noch in alle Richtungen...ein Glück, daß ich auf ner Sitzback sitze...sonst wäre ich schon vom Stuhl gefallen vor Lachen. Falls die Chefs beim Stern Sie mal nicht mehr mögen, der"Eulenspiegel" nimmt Sie garantiert ! Also immer an die Zukunft denken und WEITERMACHEN !!! Sie wissen ja : Mein Arbeitsplatz ist mein Kampfplatz für den Frieden !!
Laramie (06.02.2010, 14:33 Uhr)
Vielen Dank
Vielen Dank fuer diesen Super Artikel. Ich bin zwar auch ein Wessi und kann kyryllisch nur mit Muehe lesen aber mir ist durchaus bewusst dass das was man als im Osten als schlecht dargestellt hat im Westen genauseo ist und auch immer so war , es wurde und wird nur subtiler verpackt , so dass se die meisten nicht merken. Ich finde es jedenfalls schoen dass diese Tatsachen ausser mir noch jemand aufgefallen sind und erstaunlich dass es gedruckt wird in unserer schoenen Neoliberalen Welt wo die Freiheit des Kapitals ueber alles geht........
dido09 (06.02.2010, 14:19 Uhr)
Aubeuter hüben wie drüben
Damals und heute machen sich nur bestimmte Kreise die Taschen voll.
Schnauze, Wessi!

stern-Reporter Holger Witzel, 43, schreibt über die ewigen deutsch-deutschen Missverständnisse. Seine satirischen Beiträge gibt es jetzt auch als Buch

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