Wer solchen Trabi-Tinnef für etwas Ostdeutsches hält, glaubt natürlich auch, die Menschen dort hätten sich ausschließlich von Spreewald-Gurken ernährt, als wenn es die vor dem Krieg nicht gegeben hätte. Bis zum Europäischen Gerichtshof zog sich der Streit um die angebliche Ostmarke hin, begleitet von viel Nostalgie-Getöse, aber selbstverständlich geführt und gewonnen von Rheinländern, die heute mit Spreewaldhof Marktführer sind.
Westdeutsche Wirtschaftsmagazine jubeln, wenn die alte ostdeutsche Spülmittelmarke FIT klangvolle Westmarken wie Kuschelweich oder Sunil übernimmt: Na bitte, geht doch. Sogar anders rum! Tatsächlich gehört die Firma seit 1993 einem westdeutschen Manager, der sich brüstet, dass niemand mit so "ausgezeichneten Fachleuten preiswerter produzieren könne". Na und? Ist das eine Kunst im sächsischen Dreiländereck zu Polen und Tschechien?
Aber Rotkäppchen, bitte, bitte lasst uns wenigstens dieses Märchen! Hat das liebliche kleine Sektmädchen aus dem Osten nicht sogar Mumm und M&M geschluckt? Schöne Story, doch leider auch nur die halbe Wahrheit: Denn natürlich gehörte Rotkäppchen schon vorher mehrheitlich dem westdeutschen Eckes-Clan. Wie der Wolf hat man sich nur verkleidet und seinen Freyburger Minderheitsgesellschafter das Ost-kauft-West-Märchen so oft erzählen lassen, bis alle daran glaubten. Ähnlich listig nannte sich 2002 die Binding-Gruppe aus Frankfurt am Main in "Radeberger Gruppe" um. Ob ich nun Rostocker Bier trinke oder Berliner, eine der Leipziger Marken Krostizer, Reudnitzer oder Sternburger - am Ende gehört soweiso immer alles Familie Oetker aus Bielefeld.
Lassen wir uns also nichts vormachen: Nicht von Vita-Cola oder Lichtenauer Mineralwasser, dem größter Abfüller der besetzten Länder - beide blubbern für die Hassia Gruppe im hessischen Bad Vilbel. Nicht von "Riesaer Nudeln", die eine schwäbische Spätzle-Familie in den zweitgrößten Nudelhersteller Deutschlands verwandelten. Nicht von "Pfeffi"-Bonbons, die zwar mit einem Trabi werben, aber inzwischen aus Oberbayern kommen. Nicht von Leckermäulchen-Quark der niedersächsischen Frischli-Gruppe oder der Pleite von "Tiefkühl Frenzel", den sofort ein Hamburger Agrarkonzern übernahm, der mit seinen Flächen im Ostdeutschland schon vorher als größter Grundbesitzer Europas galt.
Das Zeug mag "wie früher" schmecken. Aber wann immer sich Westdeutsche die letzten Früchte aus Volkseigentum und Treuhand-Pleiten pflückten, ging es nicht um Geschmack, Arbeitsplätze oder andere Sentimentalitäten, sondern um Absatzmärkte, Fördermittel oder Flurbereinigung. Warum sollten wir - immer nur "Verbraucher" in diesem Spiel - gefühlsduseliger sein?
Florena aus Waldheim galt lange nur als Werkbank und Ostflanke der Hamburger Beiersdorf AG. Neuerdings darf die Marke auch bundesweit werben: "Natur hautnah erleben", heißt der Claim. Im Osten hieß es noch: "Mit Florena küsst Dich keena." Das sitzt viel tiefer und hat sich bei mir sogar auf Nivea überragen, lange bevor Jogi Löw dort die Anti-Werbung übernahm.
Die kleinen Becher mit Fleisch- oder Fischsalat von "Rügen Feinkost" waren dagegen immer in meinem Korb, bis die Homann-Gruppe aus Düsseldorf den Betrieb am 1. August 2011 übernahm. Einen Tag später kündigte sie 100 einheimische Jobs und die Schließung des Rostocker Werkes an. "Wir sehen für dieses Werk keine nachhaltige wirtschaftliche Überlebensfähigkeit", sagte der Homann-Chef. Vor der Übernahme hieß es noch, man wolle mit dem Kauf das eigene Unternehmen stärken. So was merke ich mir auch.
Nur 17 Prozent aller Ost-Marken überlebten das Jahr 1990. Auch danach hatte es nicht immer mit Qualität zu tun, wenn sie für immer aus den Regalen verschwanden, sondern eher damit, wem die Regale gehörten und wie viel Druck die westdeutsche Konkurrenz machte. Bei Kathis Backmischungen aus Halle schafften sie es nicht. Die alten Schaumbad-Marke Badusan, die ein mutiger Sachse 2008 wiederbelebte, kam gar nicht erst rein. Von den Preisen, die ihm Handelskonzerne diktieren wollten, hätte er nie leben können und vertreibt nun alles selbst.
Soll ich deshalb aus Solidarität öfter baden? Soll ich wie westdeutsche Gutmenschen in diesen Tagen zur Ethikbank wechseln, weil die angeblich keinen Cent in Rüstung oder Ausbeutung investiert oder weil die Server der niedlichen Online-Bank in Thüringen stehen? Soll ich womöglich aufhören zu rauchen, weil mir meine "Juwel" nur vorgaukelt, sie sei die "Alte", aber in Wahrheit so ungesund ist wie jedes beliebige West-Produkt? Ich weiß es nicht. Aus Jesus-Latschen ("original DDR") werden schließlich auch keine Adventure-Sandalen, nur weil sie ein Ostalgie-Shop in Nordrhein-Westfalen verschickt. Eins aber weiß ich: Wenn das nächste Mal einer kommt und mit Rotkäppchen auf ostdeutsche Wirtschaftswunder anstoßen will, gibt es nur eine Antwort: Schnauze Wessi!