Gazprom selbst hatte nach Angaben des Kabellieferanten Pirelli ein Glasfaserkabel auch für die so genannte Blue-Stream-Pipeline des russischen Konzerns vorgesehen - die verläuft unter Wasser durch das Schwarze Meer. Ein weiterer Anbieter von Unterwasserkabeln zur Pipelinekontrolle ist die kanadische Firma Fox-Tek. Die ist nach eigenen Angaben bereits in Verhandlungen mit Gazprom, auch wegen der Ostseetrasse. "Wir haben mit Gazprom Feldtests unternommen und warten jetzt auf eine Rückmeldung", sagte Fox-Tek-Chef Essam Zaghloul zu stern.de. Der Nordstream-Sprecher Jens Müller sagt hingegen, alle Verhandlungen mit Lieferanten würden "ausschließlich" von Nordstream-Verantwortlichen geführt.
Schon im vergangenen Jahr hatte das polnische Umweltministerium verlangt, Nordstream solle eine "vollständige Beschreibung" aller Kontrollysteme inklusive der "Telekommunikationsinfrastruktur" liefern. Das Schreiben ging auch an das Umweltministerium von Sigmar Gabriel (SPD) in Berlin.
Die Polen sind gebrannte Kinder, denn bei ihnen geriet Gazprom schon einmal vor gut sieben Jahren wegen des Vorwurfs der Heimlichtuerei in die Bredouille. Da war die so genannte Jamal-Pipeline von Russland nach Deutschland bereits verlegt - bis im November 2000 eine Zeitung enthüllte, dass Gazprom auch ein hochmodernes Telekommunikationskabel hatte installieren lassen, hergestellt von Pirelli.
Ganz Polen war empört, denn die Warschauer Behörden hatte nach deren Angaben niemand über die Installation des Datenhighway informiert - was die Pipelinebauer freilich bestritten. Das Glasfaserkabel diene vor allem der Überwachung der Pipeline, versicherte die örtliche Gazprom-Tochter. Eine weitere Gazprom-Tochter werde es für Telekom-Geschäfte nutzen. Bis vor kurzem ermittelte in der Sache sogar die polnische Staatsanwaltschaft.
Die Verlegung von Glasfaserkabeln entlang von Pipelines ist jedenfalls Stand der Technik, um die Gasströme in der Pipeline zu überwachen. Und es ist ebenfalls Stand der Technik, diese Überwachungskabel gleichzeitig für Telekommunikation und Datentransport zu nutzen.
So tut es schon seit 1996 auch die - ebenfalls von Gazprom mitkontrollierte - deutsche Wingas AG mit den Glasfaserkabeln entlang ihres 2000 Kilometer langen deutschen Gaspipeline-Netzes. Arcor und eine Reihe weiterer Firmen verwenden das Wingas-Netz für die Übermittlung von Daten oder Handy-Gesprächen. Wingas plant auch, die Gazprom-Landpipeline durch Polen als Datenhighway Richtung Moskau zu nutzen. Aber noch fehlten dort einige Teilstücke.
Wahr ist: Würde die Schröder-Firma nun den Bau eines Hochleistungskabel entlang der Ostseepipeline ankündigen, käme sie womöglich gerade in Schweden unter erhöhten Druck. Jetzt schon fürchten viele Schweden das Risiko, dass russische Geheimdienste die Gastrasse sowie eine Serviceplattform nordöstlich der schwedischen Insel Gotland zum Spionieren missbrauchen könnten.
Schon im vergangenen Jahr warnte die renommierte schwedische Verteidigungsakademie FOI ganz offiziell: Röhren und Plattform könnten mit "passiven und ak-tiven Sensoren ausgerüstet" werden. Denkbar seien Sonare, Magnetometer und militärische Radaranlagen. Mit deren Hilfe könnten die russischen Behörden den gesamten Schifffahrtsverkehr in der Umgebung verfolgen und Militärmanöver von Nato, Schweden oder Finnland überwachen - so heißt es in einer offiziellen Stellungnahme der Akademie, die dem Verteidigungsministerium in Stockholm untersteht.
Ein Glasfaserkabel entlang der Pipeline böte zusätzliche Möglichkeiten. Heutzutage sind es solche Kabel, nicht mehr Satelliten, über die der Großteil des weltweiten Telekommunikationsverkehrs abgewickelt wird. Für die Geheimdienste - auch den Bundesnachrichtendienst (BND) - ist der Zugang zu diesen Kabeln und ihren Repeater-Stationen entscheidend. Gemeint ist natürlich auch: der illegale Zugang.
Vor allem in den Repeaterstationen entlang eines Begleitkabels ließen sich theoretisch sowohl Abhöreinrichtungen für die Kabel installieren wie auch Sensoren aller Art, bestätigt ein Nachrichtentechnikexperte, der bei einer großen deutschen Elektronikfirma beschäftigt ist. Denkbar seien etwa Unterwassermikrofone, die Schiffsbewegungen registrieren. Heutzutage könne man bereits am Propellergeräusch Schiffstypen erkennen.
Pipeline und Plattform könnten "Russland in der Ostsee einen nachrichtendienstlichen Vorsprung verschaffen", resümiert der FOI-Pipelineexperte Robert Larsson. Anders als bei der Leitung durch Polen dürften nun in den Antragsunterlagen von Nordstream solch "vitale Informationen definitiv nicht fehlen", sagte Larsson stern.de. Die vagen Angaben in den bisherigen Antragsunterlagen von Nordstream reichten nicht aus, um einen möglichen Missbrauch der Pipeline für "unzulässige Zwecke" auszuschließen.
Würde die Ostsee-Pipeline in der Tat mit einer leistungsstarken Glasfaserleitung ausgerüstet, beträfe das aber kein Land mehr als Deutschland. "Ein solches Kabel bietet eine sehr gute Möglichkeit, schnell große Mengen an Daten zu senden, ohne jegliche Kontrolle", sagte ein hochrangiger polnischer Sicherheitsexperte zu stern.de. Das sei in diesem Fall natürlich "eher eine Gefahr für Deutschland als für uns."
In deutschen Sicherheitskreisen wird dieses Risiko eher heruntergespielt. Dies sei für die Russen höchstens eine entfernte "Option", heißt es.
Doch ein Datenkanal entlang der Ostseepipeline böte Moskau einen nicht zu unterschätzenden Vorteil: der Schutz vor dem Zugriff gegnerischer Dienste. Entlang von Gasröhren etwa durch Polen könnte es aus russischer Sicht das Risiko geben, dass zum Beispiel US-Dienste mithören. "Auf eine Leitung durch die Ostsee hätten die Amerikaner keinen Zugriff", sagte ein erfahrener Nachrichtentechniker zu stern.de.
Wer die Röhre kontrolliert, die in der Ostsee in bis zu 210 Meter Tiefe verlaufen soll, hätte folglich einen relativ sicheren Kommunikationskanal zur Verfügung. Jedenfalls verglichen mit Satellitenverbindungen, bei denen für Dritte ohnehin "leichtes Abhören" garantiert ist - so jedenfalls das Bundesamt für Sicherheit in der Informationsgesellschaft (BSI).
Deutsche Sicherheitsexperten glauben, dass solche Satellitenverbindungen dennoch für russische Spionagezwecke ausreichend sein könnten. Verschlüsselte Nachrichten könnten auch über den Äther sehr schnell versendet werden und seien schwer abzufangen.
Dass die Moskauer Dienste Bedarf für den Transport größerer Datenmengen haben könnten, liegt jedenfalls auf der Hand. Nach dem jüngsten Verfassungsschutzbericht sind die Agenten aus dem Reich von Präsident Wladimir Putin hierzulande schwer aktiv und "deutlich überrepräsentiert".
In einer neuen Sicherheitsanalyse für das EU-Parlament schlägt der Stockholmer Experte Larsson nun sogar die Einrichtung einer "internationalen Kontrollgruppe" vor. Der sollte Nordstream den Zugang auch zu ihrem geplanten Kontrollraum in der Schweiz gewähren.
Man habe den schwedischen Behörden bereits "maximale Kontrolle zu jeder Zeit an jeder Stelle" über die Anlagen angeboten, kontert Nordstream. "Jeder militärische Missbrauch ist ausgeschlossen", sagt Firmensprecher Jens Müller. Glaubt man den Russen, dann haben sie die Pipeline zur Spionage gar nicht nötig. "Wir können schon heute über Satelliten in Echtzeit die Nummernschilder aller Autos in Stockholm lesen", versicherte der russische Botschafter in Schweden. Er meinte, das klinge beruhigend.
Der Berliner Russlandexperte Frank Umbach glaubt, dass die Bundesregierung die "Sicherheits- und Militäraspekte" der Pipeline "immer noch vernachlässigt". Der BND läutete zwar vor gut einem Jahr die Alarmglocke - aber wegen eines ganz anderen, vergleichsweise harmlos erscheinenden Anlasses. Damals wollte der private russische Sistema-Konzern eine Minderheitsbeteiligung bei der Deutschen Telekom kaufen - nicht einmal eine Sperrminorität. Bei Nordstream dagegen hält der russische Staatskonzern Gazprom die Mehrheit. Die deutschen Firmen Eon und BASF sind Minderheitsaktionäre.
Bei der Wingas AG gehören den Russen seit langem stolze 35 Prozent der Anteile, der Rest BASF. Der russische Einfluss ist dort gut etabliert. Schon Ende der 90er amtierte als Co-Geschäftsführer der Kasseler Firma kein geringerer als der Sohn des damaligen Gazprom-Chefs Rem Wjachirew, Juri. Seit neuestem gehören Gazprom bei Wingas sogar 50 Prozent minus einer Aktie. Den Deal, der BASF im Gegenzug Anteile an einem sibirischen Gasfeld verschaffte, feierte im Dezember sogar Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) mit einer feierlichen Zeremonie in Moskau.
Ob der Minister weiß, was die Bundesbehörde BSI verbreitet? Dass nämlich bei einem Provider von Telekommunikationskabeln das "Vertrauen in dessen Leistung und Integrität" entscheidend ist?
Gewiss, es gibt keinerlei Beleg, dass man Wingas nicht vertrauen könnte. Aber soll man Gazprom vertrauen? Einem Konzern, dessen Führungsetage von ehemaligen KGB-Offizieren durchsetzt ist. Der an die Spitze der Pipeline-Tochter Nordstream den ehemaligen hauptberuflichen Stasi-Mann Matthias Warnig stellte, der nach eigenen Worten früher "Industriespionage" betrieb. Und der seinerseits ein guter Freund des ehemaligen KGB-Mannes Wladimir Putin ist.
Erst seit Putin im Jahr 2000 ins Amt kam und an der Gazprom-Spitze lauter alte Vertraute installierte, ist die Ostseepipeline überhaupt ein Thema. Der frühere Gazprom-Boss Wjachirew fand das Projekt noch zu teuer. Kaum war Putin Präsident, kam er 2001 im Gespräch mit einem EU-Regierungschef auf die Idee einer Ostseepipeline zu sprechen - so erinnert sich ein Diplomat, der dabei war. Heute ist die Gasröhre laut Putin eine "der wichtigsten Prioritäten" des Kreml.
Die Ostseepipeline sei ein Projekt, das vor allem "von russischen Interessen getrieben" sei, glaubt Larsson. Die Röhre macht es für Moskau leichter, Gasströme für unbotmäßige Nachbarstaaten zu kappen - "ohne die wichtigsten Kunden" dies spüren zu lassen, etwa Deutschland. Und es versetzt Gazprom in eine bessere Position bei Verhandlungen mit den bisherigen Transitländern wie Polen oder der Ukraine, etwa im Streit um Durchleitungsgebühren.
Dennoch ist umstritten, ob das Projekt ökonomisch Sinn macht. Die Baukosten liegen zwei bis drei mal so hoch wie bei einer Landpipeline. Glaubt man Nordstream, dann sind dafür die Betriebskosten unter Wasser niedriger - was manche Fachleute bezweifeln. So oder so hat Nordstream die Schätzungen für die Baukosten bereits mehrfach nach oben korrigieren müssen - auf zuletzt acht Milliarden Euro. Der britische Gasexperte Alan Riley hält sogar zwölf Milliarden für möglich - Nordstream bezeichnet seine Kalkulationen hingegen als realitätsfern. Doch komme es zu einer Liberalisierung des EU-Gasmarktes mit sinkenden Preisen, so Riley jüngst vor dem EU-Parlament, drohe Nordstream gar die "Insolvenz".
Für den Kreml, scheint es, ist das Risiko die Sache wert.