
"Wir bräuchten kleinere Klassen - und mehr Lehrer", sagt Brigitte Helm (r.), Rektorin der Sophienschule, die zum Gespräch mit Doris Schröder-Köpf, Reinhold Beckmann und den stern-Redakteuren Catrin Boldebuck und Norbert Höfler dazukam© Volker Hinz
Beckmann: Bei uns wird Schule
nicht nur nach dem Notenraster
bewertet, und es darf auch mal eine
schlechte Zensur dabei sein.
Schröder-Köpf: Mein Mann
sagt immer: "Die Vier ist die Zwei
des kleinen Mannes."
Beckmann: Sehen Sie, eine Vier
darf kein Weltuntergang sein!
Kindheit und Jugend definieren
sich nicht allein durch Schule. Freizeit,
Freunde und auch Faulenzen
sind genauso wichtig. Einer der
schönsten Tage in meinem Leben
war, als ich endlich das Vorabitur
in Mathe geschafft hatte. Da bin
ich jubelnd durch die Schule gelaufen,
weil ich dachte: Das letzte Jahr
wird jetzt richtig schön.
Schröder-Köpf: Ja, ich bin streng, aber
ich mache keinen Stress. Ich habe immer
schon erwartet, dass meine Tochter ihre
Hausaufgaben macht und da nicht rumschlampt.
Wir sagen nicht: "Wir wollen
unbedingt diesen oder jenen Durchschnitt."
Nun habe ich das Glück, dass
meine Tochter außer in Mathe keine
großen Hänger hat. Jetzt warten wir mal
ab, wie sich die beiden Kleinen entwickeln.
Beckmann: Aber lassen Sie uns noch mal
über den Leistungsdruck reden. Von
Freunden aus Bayern weiß ich, dass dort
der Stress bereits in der dritten Klasse der
Grundschule losgeht. Der Übertritt auf das
Gymnasium ist das zentrale Thema.
Beckmann: Würde ich schwere Probleme
sehen, müsste ich zuerst nach Lösungen
suchen und vielleicht die Schule wechseln,
damit sie sich wohler fühlen. Ein Freund
meines Sohnes ist mit seinen Eltern nach
England gezogen. Er war immer durchschnittlich
und hat auch mal eine Fünf geschrieben.
In den E-Mails an meinen Sohn
berichtet er jetzt: "Das ist die geilste Schule!
Wir machen Sport und Musik. Und in
den schwachen Fächern kommt nachmittags
jemand zu mir und hilft mir dabei.
Deshalb schreibe ich jetzt immer Zweien.
Ich bin um fünf raus aus der Schule, und
dann ist Feierabend." Mir geht es um dieses
Gefühl: Mensch, nach fünf Uhr ist Schluss!
Jetzt ist es mal vorbei.
Schröder-Köpf: Richtig! Alles muss irgendwann
ein Ende haben.
Beckmann: Der Stundenplan muss besser
rhythmisiert werden. Eine Doppelstunde
Mathe von 15 bis 16.30 Uhr ist einfach
unsinnig. Das wird jeder bestätigen.
Schröder-Köpf: Ich wünsche mir, dass
viel konkreter gelernt wird. Die moderne
Hirnforschung hat bestätigt, dass sich das
am tiefsten einprägt, was man im wahren
Wortsinn "begreift". Chemieunterricht, in
dem ein Mädchen in der Mittelstufe selber
einen Lippenstift herstellt, wird besser
hängen bleiben, als wenn es um irgendwelche
Formeln für Substanzen geht.
Beckmann: Aber das kann aus Zeitdruck
überhaupt nicht stattfinden. Die Kinder
werden zu oft einfach nur mit Wissen
vollgestopft, das dann bereits
nach drei bis vier Monaten wieder
weg ist.
Schröder-Köpf: Das muss dann
aber ein pädagogisches Gesamtwerk
sein. Bei der Gestaltung des
Schulalltags könnten sich dann
auch die Vereine einbringen. Viele
klagen darüber, dass ihnen schon
heute die Schüler fehlen, weil die
keine Zeit mehr haben.
Beckmann: Lasst uns doch mal
die Modelle von Schulen angucken,
wo es schon funktioniert, mit einer
anderen Rhythmisierung des Unterrichts
und einer anschaulichen
Vermittlung von Wissen, die auch
unmittelbares Erleben einschließt.
Schröder-Köpf: Man könnte
die Eltern mit den Füßen abstimmen
lassen. Die Schulen, die den
meisten Zulauf bekommen, repräsentieren
das, was die Eltern und Kinder wollen.
Beckmann: Gar nichts.
Schröder-Köpf: Da würde ich streiken.
Schröder-Köpf: Früher hatten die Eltern
einen anderen Rhythmus. Jetzt ist es
bei vielen berufstätigen Eltern durch veränderte
Arbeitszeiten und Reisen schwierig
geworden, eine Zeit zu finden, zu der
die ganze Familie zusammen sein kann.
Beckmann: Man kämpft heute um diese
Momente, in denen man mal einfach komplett
als Familie zusammen ist.
Schröder-Köpf: Samstags gehört mein
Kind mir. Um zum Beispiel am Vormittag
gemeinsam auf den Markt zu gehen, nachmittags
in den Zoo.
Schröder-Köpf: Es stimmt schon, für
Familien, bei denen beide Eltern berufstätig
sind, ist es schwer, die Kinder sechs
Wochen unterzubringen. Ich weiß, wie
das ist, ich war selbst alleinerziehend. Berufstätige
Eltern haben nicht so viel Urlaub,
wie die Kinder Schulferien haben.
Das heißt, man muss sich immer entscheiden:
Macht man zu Ostern oder Weihnachten
seinen Urlaub, oder nimmt man
die ganzen Urlaubstage in den Sommerferien?ybr>
Beckmann: Die Ferien zu kürzen, das
ist der falsche Weg. Ich weiß, wie sehr
sich die Kinder jedes Mal auf diese sechs
Wochen freuen. Das ist eine solche Befreiung,
dieser Tag, an dem du aus
der Schule rausgehst und weißt: Jetzt
bist du sechs Wochen lang frei. Wunderbar,
endlich kannst du machen, was du
willst.
(Es klingelt zur Pause. Die Rektorin Brigitte
Helm schaut ins Klassenzimmer.)
Reinhold Beckmann musste die 11. Klasse wiederholen.
Nach seinem Abitur in Syke (Niedersachsen)
studierte er an der Kölner Universität
Germanistik und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften.
Sein Sohn, Vincent, 14,
und seine Tochter, Greta, 10, gehen in
Hamburg aufs Gymnasium. Für sein Engagement
im Verein "Nestwerk" zur Unterstützung
sozial benachteiligter Hamburger Kinder
bekam Beckmann, 51, vergangene Woche das
Bundesverdienstkreuz verliehen. Der Verein
öffnet an Sonn- und Feiertagen Turnhallen,
um den Jugendlichen Sport zu ermöglichen.
2007 kamen 2500 Jugendliche zu Nestwerk.
Im Internet unter: Nestwerk