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2. März 2008, 10:10 Uhr

"Diese Turbo-Schule ... ist Quatsch!"

"Wir bräuchten kleinere Klassen - und mehr Lehrer", sagt Brigitte Helm (r.), Rektorin der Sophienschule, die zum Gespräch mit Doris Schröder-Köpf, Reinhold Beckmann und den stern-Redakteuren Catrin Boldebuck und Norbert Höfler dazukam© Volker Hinz

Aber wehe, wenn die eigenen Kinder das Abi nicht schaffen. Was machen Sie denn dann?

Beckmann: Bei uns wird Schule nicht nur nach dem Notenraster bewertet, und es darf auch mal eine schlechte Zensur dabei sein.
Schröder-Köpf: Mein Mann sagt immer: "Die Vier ist die Zwei des kleinen Mannes."
Beckmann: Sehen Sie, eine Vier darf kein Weltuntergang sein! Kindheit und Jugend definieren sich nicht allein durch Schule. Freizeit, Freunde und auch Faulenzen sind genauso wichtig. Einer der schönsten Tage in meinem Leben war, als ich endlich das Vorabitur in Mathe geschafft hatte. Da bin ich jubelnd durch die Schule gelaufen, weil ich dachte: Das letzte Jahr wird jetzt richtig schön.

Frau Schröder-Köpf, Sie gelten als strenge Mutter. Wie reagieren Sie auf schlechte Noten?

Schröder-Köpf: Ja, ich bin streng, aber ich mache keinen Stress. Ich habe immer schon erwartet, dass meine Tochter ihre Hausaufgaben macht und da nicht rumschlampt. Wir sagen nicht: "Wir wollen unbedingt diesen oder jenen Durchschnitt." Nun habe ich das Glück, dass meine Tochter außer in Mathe keine großen Hänger hat. Jetzt warten wir mal ab, wie sich die beiden Kleinen entwickeln.
Beckmann: Aber lassen Sie uns noch mal über den Leistungsdruck reden. Von Freunden aus Bayern weiß ich, dass dort der Stress bereits in der dritten Klasse der Grundschule losgeht. Der Übertritt auf das Gymnasium ist das zentrale Thema.

Hand aufs Herz: Es würde Sie nicht treffen, wenn Ihre Kinder nur den Realschulabschluss machen würden?

Beckmann: Würde ich schwere Probleme sehen, müsste ich zuerst nach Lösungen suchen und vielleicht die Schule wechseln, damit sie sich wohler fühlen. Ein Freund meines Sohnes ist mit seinen Eltern nach England gezogen. Er war immer durchschnittlich und hat auch mal eine Fünf geschrieben. In den E-Mails an meinen Sohn berichtet er jetzt: "Das ist die geilste Schule! Wir machen Sport und Musik. Und in den schwachen Fächern kommt nachmittags jemand zu mir und hilft mir dabei. Deshalb schreibe ich jetzt immer Zweien. Ich bin um fünf raus aus der Schule, und dann ist Feierabend." Mir geht es um dieses Gefühl: Mensch, nach fünf Uhr ist Schluss! Jetzt ist es mal vorbei.
Schröder-Köpf: Richtig! Alles muss irgendwann ein Ende haben.
Beckmann: Der Stundenplan muss besser rhythmisiert werden. Eine Doppelstunde Mathe von 15 bis 16.30 Uhr ist einfach unsinnig. Das wird jeder bestätigen.
Schröder-Köpf: Ich wünsche mir, dass viel konkreter gelernt wird. Die moderne Hirnforschung hat bestätigt, dass sich das am tiefsten einprägt, was man im wahren Wortsinn "begreift". Chemieunterricht, in dem ein Mädchen in der Mittelstufe selber einen Lippenstift herstellt, wird besser hängen bleiben, als wenn es um irgendwelche Formeln für Substanzen geht.
Beckmann: Aber das kann aus Zeitdruck überhaupt nicht stattfinden. Die Kinder werden zu oft einfach nur mit Wissen vollgestopft, das dann bereits nach drei bis vier Monaten wieder weg ist.

Um es anders zu machen, brauchen die Schulen mehr Zeit und einen anderen Rhythmus beim Unterricht.

Schröder-Köpf: Das muss dann aber ein pädagogisches Gesamtwerk sein. Bei der Gestaltung des Schulalltags könnten sich dann auch die Vereine einbringen. Viele klagen darüber, dass ihnen schon heute die Schüler fehlen, weil die keine Zeit mehr haben.
Beckmann: Lasst uns doch mal die Modelle von Schulen angucken, wo es schon funktioniert, mit einer anderen Rhythmisierung des Unterrichts und einer anschaulichen Vermittlung von Wissen, die auch unmittelbares Erleben einschließt.
Schröder-Köpf: Man könnte die Eltern mit den Füßen abstimmen lassen. Die Schulen, die den meisten Zulauf bekommen, repräsentieren das, was die Eltern und Kinder wollen.

Was halten Sie denn vom Samstagsunterricht, wie ihn die Hamburger Bildungssenatorin vorgeschlagen hat?

Beckmann: Gar nichts.
Schröder-Köpf: Da würde ich streiken.

Sie sind früher doch auch samstags zur Schule gegangen. Warum nicht heute?

Schröder-Köpf: Früher hatten die Eltern einen anderen Rhythmus. Jetzt ist es bei vielen berufstätigen Eltern durch veränderte Arbeitszeiten und Reisen schwierig geworden, eine Zeit zu finden, zu der die ganze Familie zusammen sein kann.
Beckmann: Man kämpft heute um diese Momente, in denen man mal einfach komplett als Familie zusammen ist.
Schröder-Köpf: Samstags gehört mein Kind mir. Um zum Beispiel am Vormittag gemeinsam auf den Markt zu gehen, nachmittags in den Zoo.

Oder wir kürzen einfach die Sommerferien um eine Woche.

Schröder-Köpf: Es stimmt schon, für Familien, bei denen beide Eltern berufstätig sind, ist es schwer, die Kinder sechs Wochen unterzubringen. Ich weiß, wie das ist, ich war selbst alleinerziehend. Berufstätige Eltern haben nicht so viel Urlaub, wie die Kinder Schulferien haben. Das heißt, man muss sich immer entscheiden: Macht man zu Ostern oder Weihnachten seinen Urlaub, oder nimmt man die ganzen Urlaubstage in den Sommerferien?ybr> Beckmann: Die Ferien zu kürzen, das ist der falsche Weg. Ich weiß, wie sehr sich die Kinder jedes Mal auf diese sechs Wochen freuen. Das ist eine solche Befreiung, dieser Tag, an dem du aus der Schule rausgehst und weißt: Jetzt bist du sechs Wochen lang frei. Wunderbar, endlich kannst du machen, was du willst.
(Es klingelt zur Pause. Die Rektorin Brigitte Helm schaut ins Klassenzimmer.)

Reinhold Beckmann

Reinhold Beckmann musste die 11. Klasse wiederholen. Nach seinem Abitur in Syke (Niedersachsen) studierte er an der Kölner Universität Germanistik und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften. Sein Sohn, Vincent, 14, und seine Tochter, Greta, 10, gehen in Hamburg aufs Gymnasium. Für sein Engagement im Verein "Nestwerk" zur Unterstützung sozial benachteiligter Hamburger Kinder bekam Beckmann, 51, vergangene Woche das Bundesverdienstkreuz verliehen. Der Verein öffnet an Sonn- und Feiertagen Turnhallen, um den Jugendlichen Sport zu ermöglichen. 2007 kamen 2500 Jugendliche zu Nestwerk.
Im Internet unter: Nestwerk

 
 
KOMMENTARE (10 von 17)
 
Kroko (02.03.2008, 23:20 Uhr)
Oh heilige Hohlbirne
@gerolsteiner
Selbst wenn alle fehlerfrei unterschreiben, brauchts immer noch jemanden, ders lesen kann.
@kaisergarten
Falls ganzbaf recht hat und wir zu viele studierten Hohlbirnen haben, sie vieleicht, wie ich, studiert haben und keine Hohlbirne sind.......
Hohlbirnen sollten sie dann nicht verteidigen, auch keine unstudierten, oder solche aus der Pfalz(Demm könnt ich eehh ennie klatsche, der versaut uns de gonze Ruf)
Im nächsten Leben werde ich Schreiner.......oder Hohlbirnenschröpfer....:)
@ganzbaf
Wie fast immer, guut--------:)
Ach ja , : flieg mal was....
grinsend zähnefletsch Kroko
ganzbaf (02.03.2008, 14:43 Uhr)
"Logik" funktioniert in allen Ländern...
gleich...
So wie "sogar" schweizer Volksabstimmungen im Wilden Kurdistan, äh, "Deutschland" funktionieren können... ;-P
kaisergarten (02.03.2008, 14:40 Uhr)
.....
Wer glaubt, dass alle Menschen und Länder gleich sind, ist noch nicht viel herumgekommen.
kaisergarten (02.03.2008, 14:37 Uhr)
@ganzbaf
habe vor meinem Studium und während meinem Studium gearbeitet um mir selbiges zu finanzieren. Leider haben wir viel zu wenig „studierte Hohlbirnen“. Siehe Hr. Beck. Im übrigen ist ein Abi und Studium nicht ein MUSS, mein Kumpel hat „nur“ KFZ Meister gemacht und verdient heute mir seiner Firma um einiges mehr als ich. Vor allem regelmäßiges Einkommen schon ab 16 und nicht erst mit 26!
Aber Dir muss ich ja nichts von regelmäßigen Einkommen erzählen, oder?
ganzbaf (02.03.2008, 14:36 Uhr)
@kaiserschmarren

Wer nicht weiß, dass Schweizer und Skandinavier auch "nur" Menschen wie du und ich sind, hat schon mal keinen qualifizierenden Hauptschulabschluss verdient... ;*)
ganzbaf (02.03.2008, 14:29 Uhr)
....und weil das so ist,

leiden wir alle unter der großen Zahl an "studierten Hohlbirnen", "schlauschwätzende Dummköpfen" und kriminellen Eliten in diesem unseren schönen Lande...
.
Viel zu viel geistig verbogene Kreaturen, die der alltäglichen Logik nicht fähig sind aber lauter Einsen im Abizeugnis hatten... ;-Pp
kaisergarten (02.03.2008, 14:21 Uhr)
eins noch
@Salzsteuer
Das Abi in Hessen vor Koch war der Witz, das wurde nur auf einen Standard gesetzt, der dem der anderen Bundesländer entspricht. Ich bin noch nicht so alt, aber daran kann ich mich noch erinnern, wie die Hessen damals geheult haben, wie Sche.. ihr Abi sei.
@gerolsteiner
ok. Die Skandinavier sind gut, aber sind wir Skandinavier? Die Frage ist immer ob das jeweilige System auch zu uns passt. Genauso wenig wie die Abstimmungsdemokratie der Schweizer nicht zu uns passt. Leider. Wenn das Gesamtschulenmodell so toll bei uns funktionieren würde, hätte es in den ehemals SPD regierten Ländern des Nordens doch deutlich bessere Bildungsergebnisse geben müssen, oder?
Und wissenschaftliche Ergebnisse in Sachen Hirnforschung sagen je nach Forscher, Institut und Zeitgeist immer was anderes aus. Sprich, jeder fälscht ähh… gibt seiner Studie die Richtung wie es halt der eigenen Einstellung entspricht.
@ganzbaf
kein Kommentar.... Deine Aussagen sprechen einfach für sich.....
kaisergarten (02.03.2008, 14:08 Uhr)
Typisch deutsches Geheule…
Fakt ist, dass 13 Jahre Schulzeit einfach 1 Jahr zuviel ist. Das MUSSTE sich ändern. Wer international unterwegs ist weiß wie jung die einzelnen Jungs und Mädels im Vergleich zu uns sind.
Man hat endlich mal was getan. Jetzt sind in den Punkten, in denen es nicht gut läuft Anpassungen notwendig. Ich kann hier dem einen oder anderen Vorredner nur zustimmen – im 13. Jahr hab ich mich nur gelangweilt. Das hätte man doch locker streichen können. Das jetzt ausgerechnet die Klassen 5 – 9 den meisten Schulstoff pauken müssen ist wirklich totaler Blödsinn. Genauso, dass der Sportunterricht fast völlig rausgeflogen ist. Aber da sind nicht nur die Politiker schuld – die Granden der Schulpolitik haben auch gut mitgewirkt. Und um es in den Worten meines ehemaligen Lehrers zu sagen: „G8 interessiert mich nicht, ich stell mich nicht mehr um, das kann man mit 55 auch nicht von mir erwarten.“
Also die Kirche im Dorf lassen und Fehlentwicklungen anpassen, aber nicht gleich wieder durchdrehen (Hysterisch = Deutsch).
Denn abgesehen davon ist Deutschland SUPER. Egal was Pisa sagt, stelle ich immer wieder fest, dass unser Abi und die Uni in der Wissensvermittlung den anderen Ländern meilenweit überlegen ist (außer vielleicht unsere Nordeuropäischen Nachbarn, die sind echt gut).
Hier wird viel zu viel Blödsinn geredet. Immer dieses Gerede „früher war alles besser“….GÄHN. Früher gabs auch noch Smock in Deutschland und Atomraketen die Abschussbereit auf die jeweilig anderen gezielt haben.
ganzbaf (02.03.2008, 12:32 Uhr)
In deutschen Gymnasien...

geht es in vielen Fällen nur um Anpassung und das Erlernen von Unterordnung. Jedenfalls zu gut 50%.
.
Wer da mitmacht und die Klappe hält, braucht weniger Können oder Wissen, der wird - wie bei denen, mit den dicken Elernbrieftaschen - ganz locker vom Lehrpersonal durchgeschleppt...
Und deswegen ist das ganze System falsch und im Ergebnis zu recht indiskutabel!
.
Es geht um "Elitenbildung" und "Elitenbewahrung" im negativsten Sinn des Wortes.
gerolsteiner (02.03.2008, 12:23 Uhr)
Wie wäre es mit einer Petition?
Eine Petition in der eine gute Argumentation vereint ist-
Wissenschaftler könnten hier ihre neuesten Ergebnisse der Hirnforschung angeben-
die skandinavischen Schulmodelle als Vorbild-
und alle Kinder, denen die Schule so nicht gefällt dürfen auch unterschreiben!
Außerdem könnten hier alle Eltern und sonstige Lehrer, Rektoren unterschreiben, die nicht zufrieden sind.
http://itc.napier.ac.uk/e-Petition/bundestag/list_petitions.asp
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