24. Mai 2008, 20:25 Uhr

Undercover bei Scientology

Als arbeitsloser Amerikanist Thorsten Brock bei Scientology: stern-Mitarbeiter Fredy Gareis filmt sich selbst auf Toilette

Sören will mit mir noch mal in den zweiten Stock. Er tippt auf den Vertrag und sagt, dass es im Gegensatz zu einer normalen Firma kein Geld gebe. Firma? Ich dachte immer, dass sie sich als Kirche bezeichnen. Irgendwann erzählt Sören von seinen Eltern. Die waren gegen Scientology, bis er sie "gehandhabt" hat. Ein Wort, das mir noch öfter begegnen wird. Im Scientology-Jargon heißt das: jemanden für die Sache gewinnen. Zeit vergeht, und es wird anstrengender, Sören abzuwehren. Als ich kurz vor Mitternacht das Gebäude verlasse, ist es, als würde ich einen schweren Mantel abstreifen.

"Scientologen wurden sogar schon gefoltert"

Dienstag, 1. April. Auf dem Weg zum Kurs fängt mich Sören im Foyer ab. "Ich will dir einen Film zeigen", sagt er, "über die Bedeutung von Berlin." Sören schiebt eine DVD ein. Der Film zeigt Kennedy, er spricht seine berühmten Worte vor dem Schöneberger Rathaus. Berlin habe Ethikpräsenz, argumentiert der Film, Berlin stehe für Freiheit. Sören schaut mich bedeutungsvoll an. Wir gegen die, erzählt der Film. Und vom Widerstand, auf den sie stoßen. "Was wir schon alles erleben mussten in Deutschland", sagt Sören. Was denn? "Scientologen wurden sogar schon gefoltert, um sie umzuprogrammieren." Von wem? "Von der Kirche, Geheimdienst, Interpol. Von denen, die Geld haben."

Geld wollen sie auch. Im Film ruft Hubbard dazu auf, die Leute zu Abschlüssen zu drängen, sie auf Kurse zu setzen, ihnen Bücher zu verkaufen: Lasst euch nicht stoppen. Egal, welche Ausrede sie haben. "Clear Deutschland!" Damit endet der Film. "Clear" bedeutet bei Scientology die Befreiung der Psyche vom Unterbewusstsein. Sören schaltet den Fernseher aus und hält mir den Arbeitsvertrag hin. Das ist kein Job, macht er mir klar. Das ist ein Kreuzzug.

"Attestieren", dass man alles verstanden hat

Ich zögere. Sören wechselt die Taktik. Er zeigt mir auf dem Organigramm, als was ich arbeiten könnte. Org-Sicherheit zum Beispiel. Was macht die? Sörens Hände berühren sich an den Fingerspitzen: "Die Presse kann ja alles schreiben", sagt er, "aber jemand muss die Informationen auch rausgeben - wir finden diese Leute und stellen sie vor Gericht." Ich nicke. Ich höre Schreie: "Let me go! Let me go!" Es muss im Raum um die Ecke sein. Ich schaue Sören fragend an. Ist das Zufall? Er lächelt nur und zuckt mit den Schultern. "Ich erwarte eine Entscheidung bis Donnerstag, 14 Uhr", sagt er.

Mittwoch, 2. April. Kursraum. Mein aktueller Kurs heißt "Selbstanalyse". Eine Mischung aus Philosophie, Psychologie, Banalität und Lügen. Das Ziel: Dressur bis zur Widerstandslosigkeit. Stelle ich zehn Minuten keine Frage, bin ich suspekt. Dann taucht der Kursüberwacher an meiner Seite auf, blättert durch mein Buch, stellt Fragen. Bis die Antwort deckungsgleich mit Hubbards Vorgabe ist. Schaue ich kurz aus dem Fenster, steht der Kursüberwacher wieder neben mir. Sagt vielleicht, dass ich das "Demokit" benutzen soll - eine Schale mit einer Art Bauklötzen -, um "mehr Masse" zu erhalten. Mache ich das nicht, werde ich wieder und wieder dazu angehalten.

"Du musst deine Freundin handhaben"

Ich beantworte Fragen in den Büchern und schreibe Aufsätze. Solange ich die Hubbard'schen Schlüsselwörter benutze, ist alles in Ordnung, dann kann der Rest auch der größte Mist sein. Jede kritische Auseinandersetzung mit dem Inhalt endet in etwa so: "Wer glaubt, alles zu wissen, lernt nie das Richtige." Um einen Kurs zu beenden, muss man sich an das berüchtigte "E-Meter" schließen lassen, das zentrale Instrument der Scientologen, eine Art Lügendetektor. Man muss "attestieren", dass man alles verstanden hat. Man bekommt ein Zertifikat und hält eine Rede im Kursraum. Der Applaus tut vielen gut. Danach gleich zum "Registrar", zahlen für den nächsten Kurs. Eine meiner ersten Lektionen war: Lass dich kontrollieren.

Ich lerne, dass man als Scientologe Krankheiten heilen kann. "Auch Hautkrankheiten?", frage ich Kursüberwacher Hermias. Er: "Genau." Ich: "Und wenn ich weitermache: Kann ich dann Krebs heilen?" Er: "Total. Du bist dann die Ursache über das physikalische Universum." Hermias ist nicht der Einzige, der mir das so wirr erzählt. Ab wann, denke ich, hört man auf, Fragen zu stellen? Ab wann beginnt man, diesen Unsinn zu übernehmen?

Donnerstag, 3. April. Sörens Büro. Das Rekrutierungsformular, das mir Sören beim letzten Mal mitgegeben hat, habe ich nicht ausgefüllt. Zehn Seiten persönliche Fragen. Zum Beispiel Frage 41: "Haben Sie irgendwelche Straftaten begangen, derer Sie nicht überführt wurden?" Frage 42: "Hatten Sie jemals mit Prostitution, Homosexualität, illegalem Sex oder irgendwelcher sexuellen Perversion zu tun? Geben Sie bitte bei jedem Vorkommnis an, mit wem, wo und wann das war."

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 21/2008

Von Xenu und Thetanen Verfassungsfeindliche Ziele Die "Church of Scientology" wurde 1954 von dem Amerikaner L. Ron Hubbard (1911-1986) gegründet, einem mäßig erfolgreichen Science-Fiction-Autor. Nach Hubbard wurde die Menschheit vor 75 Millionen Jahren von einem galaktischen Herrscher namens Xenu auf die Erde gebracht, in Vulkane gesteckt und mit Wasserstoffbomben in die Luft gejagt. Die Seelen der Getöteten hätten sich in die Körper der wenigen Überlebenden gerettet, in deren Nachkommen sie heute noch gefangen seien - als geistige Wesen ("Thetane"). Wer den "Thetan" in sich erlösen will, muss nach Scientology ein teures Kurssystem absolvieren. Dazu gehören unter anderem regelmäßige "Auditings" mit dem E-Meter. Weltweit hat Scientology, die von Los Angeles aus streng hierarchisch geführt wird, nach seriösen Schätzungen rund 100.000 Mitglieder, die sich einem rigiden Straf- und Kontrollsystem unterziehen müssen; Scientology selbst spricht von zehn Millionen Mitgliedern, unter ihnen zahlreiche Prominente. In Deutschland wird Scientology vom Verfassungsschutz überwacht, da sie verfassungsfeindliche Ziele verfolge.

 
 
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