
Die Pressekonferenz zum Rücktritt: Ex-Finanzminister Ingolf Deubel (l.) und der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (beide SPD)© Arne Dedert/DPA
"Die mangelnde Professionalität ist schon erstaunlich", sagt Hans Herbert von Arnim, Professor an der Hochschule für Verwaltungswissenschaft in Speyer, zu dem Fall. Er vermutet, dass der Wunsch, etwas Spektakuläres zu erreichen, alles andere überlagert habe. Für ihn steckt Kalkül dahinter: "Die Kosten werden gemeinhin stark untertrieben, um Projekte im Parlament durchzubekommen."
Diesen Vorwurf macht auch die CDU im Mainzer Landtag dem zurückgetretenen Deubel. Fraktionschef Christian Baldauf bemängelt, der Finanzminister habe nie erklären können, wie er 50 Millionen Euro gegenüber der normalen Finanzierung einsparen wolle, obwohl viele Leute einen Haufen Geld an dem Projekt verdienen.
Deubel hat verspielt. Seinen Ruf. Seine Karriere. Rückhalt findet er jedoch bei denen, die direkt betroffen sind: den Machern am Ring. Sie halten dem unglücklichen Jongleur aus der Politik, der auch den Vorsitz des Aufsichtsrats bei der Nürburgring GmbH führte, weiter die Stange. "Wir haben Herrn Deubel in seiner Funktion und als Mensch sehr geschätzt", so Geschäftsführer Walter Kafitz. "Er hatte einen großen Anteil daran, dass diese Maßnahmen hier angekurbelt wurden."
Was hatte man alles versprochen, als das kühne Konzept im September vergangenen Jahres ausgewählten Journalisten vorgestellt wurde. Beim "Kamingespräch" wurde der Ausbau des Nürburgrings zu einem ganzjährigen Freizeit- und Businesszentrum in einem noblen Düsseldorfer Hotel mit farbenfrohen Powerpoint-Präsentationen und günstigen Prognosen verkündet. Dabei zog viel Marketingrauch auf: Ruf und Legende der 82 Jahre alten Autopiste wurden zum "Alleinstellungsmerkmal", deren schlummerndes Potenzial als "Premiumwelt" mit "bipolaren Angeboten" vor allem durch neue Bauten geweckt werden sollte.
Dazu gehörten ein 350 Meter langer Boulevard an der Zielgeraden, der neben den Marken-Erlebniswelten von Auto- und Zubehörfirmen eine Indoor-Arena, ein Event- und ein Welcome-Center sowie eine Art Science-Museum mit Simulatoren und 4-D-Kino umfasst - und die schnellste Achterbahn der Welt. Außerdem würden ein zweites Viersternehotel sowie ein Feriendorf für bis zu 5000 Gäste gebaut. Am Ende könnten dadurch "alle nur gewinnen", wie Geschäftsführer Kafitz prognostizierte - mehr Ringbesucher, die auch noch länger blieben, würden Geld und mehr als 1000 Arbeitsplätze in die strukturschwache Eifel bringen.
Das Land Rheinland-Pfalz hat jedenfalls verloren. 2,5 Millionen Euro für Gutachten und Anwaltsgebühren, wie Landesvater Beck einräumt. Und sollte die Erlebniswelt weniger Interessierte anlocken als kalkuliert, wird es teurer - wesentlich teurer. Nach dem neuen Konstrukt nimmt die Nürburgring GmbH, die zu 90 Prozent dem Land gehört, 185 Millionen Euro am Kapitalmarkt zu Staatskonditionen auf. Eine Tochter der landeseigenen Investitions- und Strukturbank übernimmt die Baufinanzierung in Höhe von 80 Millionen Euro. Das Land stellt ein Gesellschafterdarlehen von je 5 Millionen Euro in diesem und im kommenden Jahr bereit.
Vieles erinnert an andere staatliche Sportprojekte wie etwa den Lausitzring, in den der Staat 240 Millionen Euro pumpte. Trotzdem schlitterte der Brandenburger Rundkurs einige Jahre später in die Insolvenz.
Von solchen Szenarien will man am Nürburgring nichts wissen, die Feier am Donnerstag soll eine neue Ära einleiten. Laut Marketingleiter Stephan Cimbal droht auch keine akute Gefahr für das Großprojekt in der Eifel: "Das Produkt hat unabhängig von der bedauerlichen politischen Situation weiterhin Bestand."