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9. Juli 2009, 10:24 Uhr

Zoff am Ring

Nürburgring, Ring, Deubel, Erlebnispark, Formel 1

Die Pressekonferenz zum Rücktritt: Ex-Finanzminister Ingolf Deubel (l.) und der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (beide SPD)© Arne Dedert/DPA

Mehr Ehrgeiz als Vernunft

"Die mangelnde Professionalität ist schon erstaunlich", sagt Hans Herbert von Arnim, Professor an der Hochschule für Verwaltungswissenschaft in Speyer, zu dem Fall. Er vermutet, dass der Wunsch, etwas Spektakuläres zu erreichen, alles andere überlagert habe. Für ihn steckt Kalkül dahinter: "Die Kosten werden gemeinhin stark untertrieben, um Projekte im Parlament durchzubekommen."

Diesen Vorwurf macht auch die CDU im Mainzer Landtag dem zurückgetretenen Deubel. Fraktionschef Christian Baldauf bemängelt, der Finanzminister habe nie erklären können, wie er 50 Millionen Euro gegenüber der normalen Finanzierung einsparen wolle, obwohl viele Leute einen Haufen Geld an dem Projekt verdienen.

Deubel hat verspielt. Seinen Ruf. Seine Karriere. Rückhalt findet er jedoch bei denen, die direkt betroffen sind: den Machern am Ring. Sie halten dem unglücklichen Jongleur aus der Politik, der auch den Vorsitz des Aufsichtsrats bei der Nürburgring GmbH führte, weiter die Stange. "Wir haben Herrn Deubel in seiner Funktion und als Mensch sehr geschätzt", so Geschäftsführer Walter Kafitz. "Er hatte einen großen Anteil daran, dass diese Maßnahmen hier angekurbelt wurden."

Ein ambitioniertes Projekt

Was hatte man alles versprochen, als das kühne Konzept im September vergangenen Jahres ausgewählten Journalisten vorgestellt wurde. Beim "Kamingespräch" wurde der Ausbau des Nürburgrings zu einem ganzjährigen Freizeit- und Businesszentrum in einem noblen Düsseldorfer Hotel mit farbenfrohen Powerpoint-Präsentationen und günstigen Prognosen verkündet. Dabei zog viel Marketingrauch auf: Ruf und Legende der 82 Jahre alten Autopiste wurden zum "Alleinstellungsmerkmal", deren schlummerndes Potenzial als "Premiumwelt" mit "bipolaren Angeboten" vor allem durch neue Bauten geweckt werden sollte.

Dazu gehörten ein 350 Meter langer Boulevard an der Zielgeraden, der neben den Marken-Erlebniswelten von Auto- und Zubehörfirmen eine Indoor-Arena, ein Event- und ein Welcome-Center sowie eine Art Science-Museum mit Simulatoren und 4-D-Kino umfasst - und die schnellste Achterbahn der Welt. Außerdem würden ein zweites Viersternehotel sowie ein Feriendorf für bis zu 5000 Gäste gebaut. Am Ende könnten dadurch "alle nur gewinnen", wie Geschäftsführer Kafitz prognostizierte - mehr Ringbesucher, die auch noch länger blieben, würden Geld und mehr als 1000 Arbeitsplätze in die strukturschwache Eifel bringen.

Das Land trägt alle Risiken

Das Land Rheinland-Pfalz hat jedenfalls verloren. 2,5 Millionen Euro für Gutachten und Anwaltsgebühren, wie Landesvater Beck einräumt. Und sollte die Erlebniswelt weniger Interessierte anlocken als kalkuliert, wird es teurer - wesentlich teurer. Nach dem neuen Konstrukt nimmt die Nürburgring GmbH, die zu 90 Prozent dem Land gehört, 185 Millionen Euro am Kapitalmarkt zu Staatskonditionen auf. Eine Tochter der landeseigenen Investitions- und Strukturbank übernimmt die Baufinanzierung in Höhe von 80 Millionen Euro. Das Land stellt ein Gesellschafterdarlehen von je 5 Millionen Euro in diesem und im kommenden Jahr bereit.

Vieles erinnert an andere staatliche Sportprojekte wie etwa den Lausitzring, in den der Staat 240 Millionen Euro pumpte. Trotzdem schlitterte der Brandenburger Rundkurs einige Jahre später in die Insolvenz.

Von solchen Szenarien will man am Nürburgring nichts wissen, die Feier am Donnerstag soll eine neue Ära einleiten. Laut Marketingleiter Stephan Cimbal droht auch keine akute Gefahr für das Großprojekt in der Eifel: "Das Produkt hat unabhängig von der bedauerlichen politischen Situation weiterhin Bestand."

Von Bertram Job und Jens Tartler
Seite 1: Zoff am Ring
Seite 2: Mehr Ehrgeiz als Vernunft
 
 
KOMMENTARE (10 von 11)
 
Cat.Amuser (10.07.2009, 09:32 Uhr)
Typisch Deutsch?
Hallo!
Also wenn hier schon "typisch Deutsch" bemüht werden muss, dann ist es doch eher der gerne gewählte Weg aberwitzige Projekte "nur durch private Mittel" zu finanzieren und wenn die Sache auf der Nase liegt, zahlt der Steuerzahler.
Nichts gegen Nürburgring 2009 und möge die Sache ein Erfolg werden. Ich gönne dem Ring und denen, die von ihm leben von Herzen ihre Erträge. Aber ob die Verwandlung in ein Disneyland mit angeschlossener Rennstrecke und prognostizierten Besucherzahlen in den Hunderttausenden so aufgeht wie geplant, das wird sich erst noch zeigen. Ich glaube nicht so richtig fest daran.
Von mir aus kann dort oben gebaut werden, was auch immer jemandem in den Sinn kommt. Aber wenn Projekte schon vor dem ersten Spatenstich äusserst wacklig wirkend daherkommen und am Schluss, wenn dann die Allgemeinheit zahlen darf, von den Verantwotlichen schulterzuckend gesagt wird "das konnte man nicht voraussehen" dann stinkt mir das schon gewaltig!
Viper2024 (09.07.2009, 17:57 Uhr)
Typisch Deutsch
Man weiß bisher nicht, ob das Ganze nicht doch noch ein Erfolg wird, aber Sicherheitshalber hauen schon mal alle drauf. Stattdessen wäre es natürlich sinnvoller gewesen das investierte Geld in die Sozialsysteme zu pumpen, damit die Leute die eh nicht arbeiten wollen, noch besser gestellt werden, gegenüber Geringverdienern. Typisch Deutsch!
Cat.Amuser (09.07.2009, 16:21 Uhr)
Wer hat's rausgefunden?
Soso, der Stern hat's also rausgefunden. Die Geschichte mit den dubiosen Finanzierungen.
Da frage ich mich doch, wieso das ganze Thema fein säuberlich recherchiert, schon seit über einem Jahr bei Wilhelm Hahne www.motor-kritik.de nachzulesen ist. Man kann sich dort auch noch zu weiteren Rendthemen rund um Nürburgring 2009 informieren.
Davon mal abgesehen bin ich ja mal gespannt, wie sich denn das Thema "runderneuerter Nürburgring" weiterentwickelt. Die prognostizierten Besucherzahlen, die ab sofort rund ums Jahr in die Eifel stürmen werden, sind jedenfalls abenteuerlich. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass der Projektentwickler derselbe ist, der Bremen den (wegen Nichtrentabilität und fehlender Besucher geschlossenen) Space Park beschert hat...
Lustig auch, dass Herr Deubel all' die Einsichten über seinen Geschäftspartner erst jetzt erhalten hat, obwohl ihm die Informationen, in Form von Anfragen, bereits länger zur Verfügung stehen? Aber macht ja nix: Zum Glück gibt's Ruhestandsbezüge...
Munter bleiben ;-)
C.A.
janus55 (09.07.2009, 16:19 Uhr)
Millionengrab in der Eifel eingeweiht
In das Millionengrab Nürburgring werden noch zig Millionen Euro Steuergelder fließen, die anderweitig dringend benötigt werden. Der Nürburgring liegt in einer landschaftlich wunderbaren Gegend - bei schönem Wetter. Aber was passiert in dieser abgelegenen Ecke im Herbst und Winter? Da sagen sich dann nur noch die Füchse gute Nacht.
Vielleicht wäre Kurt Beck als Nachtwächter oder Grüßaugust am Nürburgring gut aufgehoben. Aber leider hat er diese Chance vorerst vertan. Denn der Genosse Beck hätte zusammen mit Herrn Deubel den Hut nehmen müssen. Hätte Herr Beck den gesunden Menschenverstand eines Minister Guttenberg, hätte er sich längst gefragt, warum kein seriöser Investor in diese Projekt eingestiegen ist. Weil es sich nicht rechnet, lieber Kurt!
acenes (09.07.2009, 16:05 Uhr)
Die SPD macht aus Rheinland-Pfalz die zweite DDR
Dem Land Rheinland-Pfalz gehört der Flughafen Hahn. Dem Land Rheinland-Pfalz gehören einige große Fußballstadien. Dem Land Rheinland-Pfalz gehören neuerdings auch einige Freizeitparks. etc. etc. etc. Bald haben die linke Nahles und ihr Vollstrecker Beck eine zweite DDR aus Rheinland-Pfalz gemacht. So wie sie sich das schon immer gewünscht haben. Danke, SPD/PDS!
galonero (09.07.2009, 15:43 Uhr)
Zoff am Ring
vor allem wenn man immer rechtsrum fährt!!!!!!!!!
galonero (09.07.2009, 15:40 Uhr)
Zoff am Ring
Im Kreis fahren macht die Birne hohl, siehe Ekelstone...gggg
goofy4 (09.07.2009, 15:32 Uhr)
Na Toll
Für so einen Sch... hat Rheinland-Pfalz Geld. Aber den Landesbeamten das Weihnachtsgeld zusammenkürzen und Jahre lang keine Gehaltserhöhung zahlen (außer für den Landtag versteht sich) weil angeblich kein Geld da ist. Vielen Dank auch an den "Landesvater"
marihuhna (09.07.2009, 15:19 Uhr)
GeldausdemFensterwerfer
Na haben die Sozis wieder euer Steuergeld verballert? Das scheint wirklich das Einzige zu sein wo Beck, Steinmayer, Steinbrück und Konsorten wirklich richtig gut sind. Steuern rauf und dann das Geld mit vollen Händen raus zum Fenster. Die können ja leider nichts dafür da sie ja keine Ahnung von ihrem Job haben.
bernie-abg (09.07.2009, 14:59 Uhr)
Eloquentes Auftreten...
...und die richtigen Beziehungen, schon strömen die Steuermillionen nur so in die Taschen. Und das blöde Volk mault über die "ach so teueren H4'ler".
Einfach lächerlich, was in einem BILD-Gebildeten Land passiert.
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