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13. Oktober 2005, 10:52 Uhr

Die Hunde des Krieges

Dirk (rechts) bei der Festnahme mutmaßlicher Aufständischer nahe Camp Kasik 2004. Von regulären Soldaten sind die "Private Military Contractors", die privaten militärischen Auftragnehmer, kaum zu unterscheiden© stern

Für die Branche machte die US-Invasion den Irak zum gelobten Land: Kaum war Bagdad erobert, erkannten die Amerikaner, dass sie viel zu wenig Soldaten hatten. Erst kamen Hunderte, dann Tausende Söldner. Mittlerweile stellen die privaten Kämpfer Dutzender Firmen mit rund 20 000 Mann das zweitgrößte Truppenkontingent, noch vor den Briten. Die großen Firmen heißen "Custer Battles" oder "Blackwater" und haben über 1000 Kämpfer nebst Hubschraubern vor Ort.

Seit den napoleonischen Kriegen sind Söldner kaum mehr so wichtig gewesen. Der Krieg wird privatisiert - und entgleitet der Kontrolle: Noch immer gilt im Irak jenes Übergangsgesetz, das Paul Bremer, US-Statthalter in Bagdad bis Juni 2004, erlassen hatte. Es erklärt alle "Private Military Contractors" im Dienste der Amerikaner für immun gegenüber der irakischen Justiz. Wer eine Gefahr erkennt, darf sich verteidigen. Aber was ist eine Gefahr? "Wir sind ja nicht dazu verdammt, erst auf uns schießen zu lassen", sagt Norman. Und: "Es gibt ja eh noch keine Gerichtsbarkeit."

Vor Jahren schon hatten sich die drei bei einem Schutzeinsatz in Bosnien kennen gelernt. Über einen Ex-Kollegen von damals kam Mitte 2004 der goldene Anruf: Ob sie nicht in den Irak kommen wollten? Konvois beschützen. Sie kamen. Nach Taji, in ein US-Lager 30 Kilometer nördlich von Bagdad. Zuständig dafür, ihre "Schutzpersonen" lebend von A nach B zu bringen, wobei sie oft mehrmals am Tag beschossen wurden. Einmal raste ein Iraker auf sie zu, hielt nicht, wurde beschossen, rammte eine Betonsperre, kletterte blutüberströmt aus seinem Wrack und sagte nur: "No brakes." Sein Auto hatte keine funktionierenden Bremsen. Ob er überlebt hat, weiß Dirk nicht.

Eigentlich sei er "ein sehr friedvoller Mensch. Aber was die Verteidigung von mir, meiner Schutzperson oder meinen Kollegen angeht, damit habe ich noch nie einen Gewissenskonflikt gehabt". Angst schon eher, weiße Knöchel von der Anspannung am Steuer des ersten Wagens im Konvoi, dessen Fahrer entscheiden muss: "Ramme ich das Auto vor mir? Wechsle ich, wenn sich der Verkehr staut, auf die Gegenfahrbahn? Halte ich gar an?" Eine Angst, die gläubig mache. Nicht gerade an Gott, aber an kleine Rituale: "Ich habe immer als Erstes meine Handschuhe angezogen, feucht gemacht, dann das Lenkrad geknetet, um den Griff zum Auto zu fühlen." Olaf: "Ich bin nie ohne Kaugummi losgefahren."

Norman: "Und ich nie ohne Lolli!"
Olaf: "Das ist so: Man fährt das erste Mal raus, Kaugummi im Mund, und alles geht gut. Ab dann fährt man immer mit Kaugummi." Man glaube, findet Norman, ans Schicksal. "Ich jedenfalls denke schon daran, dass es irgendwo eine Kugel gibt mit meinem Namen darauf. Wenn es so weit ist, dann ist es so weit. Aber meist sagt man sich: Heute ist kein Tag zum Sterben. Heute wird nichts passieren. Und so ist es dann auch. Man glaubt - an das Team!" Semper fidelis, immer treu.

Das Team, da sind sie sich einig, "ist alles für uns, wie Familie, abgesehen von Frau und Kindern, die sind eher heilig. Aber das Team ist die Familie." Dass man sich blind aufeinander verlassen könne, dass einem niemand in den Rücken falle! "Im Ernstfall stirbt das Individuum", sagt Norman, "das Team überlebt!" Mit der zivilen Welt "habe ich so meine Probleme, definitiv! Zivilisten sehen alles in Grautönen, ich sehe schwarz-weiß. Diese Oberflächlichkeit, und jeder ist nur auf seinen Vorteil aus, furchtbar! Bei uns hat Freundschaft noch einen Wert!"

Es ist die Suche nach einer heilen Welt. Um die zu finden, ziehen sie in den Krieg. Wenn sie dann heimkommen, "muss ich ihn manchmal auffangen und unterstützen", erzählt Normans Freundin Daniela. "Er ist sehr unsicher im zivilen Leben. Ich denke mal, Männer wie er brauchen eine starke Frau an ihrer Seite." Eine Krankenschwester, so wie sie und viele der Frauen seiner Kollegen. Im ausgebauten Bauernhaus steht ein weißes Sofa auf dem Parkettboden, Danielas Sattel hängt über dem Geländer, ein Schaukelpferd für die zweieinhalbjährige Tocher steht neben einem Plüschlöwen, daneben lehnt die schusssichere Weste. Auf der Anrichte steht ein Foto: Norman mit seiner Tochter im Arm.

"Er ist schon ein Kuschelbär", sagt Daniela. "Es heißt ja immer: harte Schale, weicher Kern. Aber bei ihm ist das wirklich so, ich habe mich von Anfang an absolut geborgen gefühlt." Was er mache, sei halt "sein Job. Viele verstehen das nicht, aber für mich wäre es leichter, ihn im Kampf zu verlieren, als wenn er irgendwo vom Auto umgefahren würde. Im Kampf zu sterben ist halt ehrenhaft. Das wäre für mich leichter zu ertragen".

Anfangs verwirrte der Wechsel von der Front ins Privatleben die Söldner. Als Norman einmal aus Bosnien heimkam und durch einen U-Bahnhof ging, ratterte ein Presslufthammer los: "Da bin ich zu Boden gehechtet." Als Olaf aus Bagdad heimkehrte, hätte er den vor ihnen einscherenden Lieferwagen von der Straße gerammt, "wenn ich am Steuer gesessen hätte".

Mittlerweile sei es leichter. "Wenn wir deutschen Boden betreten, ist der Krieg vorbei." Was sie nicht davon abhält, auch in Schleswig-Holstein mit geladener Waffe unterwegs zu sein. Man wisse ja nie. Urlaub in der Ferne hält Norman für "viel zu gefährlich. Ich kenne die Welt. Die Welt ist schlecht! Urlaub ist für mich, wenn ich zu Hause bin, bei Frau und meiner Tochter". Auf dem Tisch liegt ein Bierdeckel: "God will judge our enemies. We'll arrange the meeting." Gott wird über unsere Feinde richten. Wir organisieren das Treffen.

"Söldner", begeistert sich Norman, "das ist eine Wachstumsbranche! Alle Armeen der Welt betreiben "Outsourcing" und brauchen uns!" Weil aber selbst im Pentagon langsam die Mittel knapp werden, dürften sich Tausende hochbezahlte Mietkämpfer im Irak demnächst nach neuen Betätigungsfeldern umsehen: etwa in Afrika, um beim einen oder anderen Putsch tatkräftig mitzuhelfen.

"Aber so was machen wir nicht", da sind die drei sich einig. Stattdessen haben sie, quasi als Alterssicherung, zusammen mit einem Kollegen in Lübeck eine "Bodyguard Akademie" gegründet, um ihresgleichen auszubilden. Norman allerdings würde es reizen, wieder nach Kolumbien zu gehen: "Großartiges Land! Wunderschön dort, auch mit den Menschen komme ich besser aus. Außerdem gibt es in manchen Gegenden eine 100-prozentige Chance, angegriffen zu werden! Im Irak steht es immer 50 zu 50." Wieso sind die 100 Prozent besser?

"Weil es klarer ist, überschaubarer. Im Irak muss ich mir jedes Mal anhören: Du hast schon wieder auf Zivilisten geschossen! Aber woher soll ich das wissen? Stand doch nicht drauf! Die von der FARC in Kolumbien tragen Uniformen, die sind eine richtige Armee. Wir sind da natürlich auf der guten Seite, die auf der schlechten!" Eine kurze Pause entsteht. "Aber letztlich machen die ihren Job und ich meinen. Wenn man großartige Moralvorstellungen hat, sollte man sich von diesem Job fernhalten!"

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 41/2005

Christoph Reuter
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