Während Koch spricht, hat er den Blick nach Innen gerichtet, er wirkt konzentriert und ruhig. Erst beim Herausgehen bricht das unterdrückte Grinsen hervor. Koch weiß: Er hat es mal wieder geschafft. Entweder gelingt es ihm, eine Jamaika-Koalition mit den Grünen zu schmieden, das wäre ein Projekt von bundesweiter Strahlkraft. Oder es wird Neuwahlen geben, die er vermutlich haushoch gewinnen wird. Er hat zäh an seinem Stuhl festgehalten und alles getan, um Keile in die SPD zu treiben. Das ist gelungen. Auf die SPD war mal wieder Verlass: Sie zerlegt sich schon irgendwann selbst. Nun genießt er, der mit seiner Wahlkampagne bereits in der politischen Gosse gelandet war, sein Comeback. Still. Staatsmännisch. Demütig. Er erwähnt sogar das schlechte Ergebnis der CDU bei der Landtagswahl. Es dürfe ja nicht alles beim Alten bleiben, sagt Koch.
Tarek Al Wazir, Chef der hessischen Grünen, hält seine Ansprache direkt nach Koch, in einem der muffigen Presseräume des Landtags. Al Wazir, ein Schützling Joschka Fischers, ist von der SPD so angenervt, dass er Ypsilanti vermutlich am liebsten in den Ausschnitt kotzen würde. Er hat die acht Monate Linkskurs mit ihr durchgezogen, das ewige Hickhack um den Umgang der Linkspartei und die schwierigen Koalitions- und Personalentscheidungen hinter sich gebracht - und nun fliegt auch ihm alles um die Ohren. "Wir haben es mit einem Versagen der Führung der hessischen SPD zu tun, die offensichtlich nicht in der Lage war, die unterschiedlichen Flügel der SPD zusammenzuhalten und die einzelnen Abgeordneten mit ihren unterschiedlichen Vorstellungen hinreichend zu integrieren", sagt er. Ypsilanti, setzen, sechs minus, heißt das.
Vielleicht ist sein Zorn auch deshalb so groß, weil die Grünen den Ausgang dieses Dramas hätten vorhersehen können. Jürgen Walter, der wichtigste Protagonist des konservativen SPD-Flügels, wollte unbedingt das Wirtschaftsministerium übernehmen. Es war wohl Ypsilantis Kardinalfehler, ihm diesen Posten zu verweigern und stattdessen den linken "Solarpapst" Hermann Scheer zu nominieren. Scheer ist für Walter und Freunde indiskutabel. Also lehnte Walter trotzig auch alle anderen Kabinettsposten ab und verkroch sich in einen Schmollwinkel. Dort brütete er zunächst die Ablehnung des Koalitionsvertrages aus, die er völlig überraschend auf dem SPD-Sonderparteitag am Samstag kundtat. Und danach brütete er Ypsilantis Sturz aus. Hatte nicht auch Al Wazir lange mit Walter verhandelt? Hat er Ypsilanti rechtzeitig gewarnt? Vorbei. "Die Option Neuwahlen ist ein Stückchen näher gerückt", sagt Al Wazir. Mit Koch ins Bett zu hüpfen, das war seine Vorstellung nie.
Um 18.35 Uhr, nach stundenlangem Warten, stellt sich endlich Ypsilanti der Presse. Im kleinen Saal im Altbau des Wiesbadener Landtags, der noch die Grandezza längst vergangener Tage spiegelt: Putten und Fresken an der Decke, Kronleuchter, Stuck und Gold. Ypsilanti muss einen langen Gang zu diesem Raum entlang, sie hat den Blick zu Boden gerichtet, sie wirkt um Jahre gealtert. Sie sagt, dass sie erst um kurz nach 10 Uhr am Vormittag von der Entscheidung der Vier erfahren habe. Carmen Everts habe sie telefonisch unterrichtet. Ihre Bitten nach Gesprächen mit den Abtrünnigen habe Everts abgelehnt. "Für mich war das sehr überraschend", sagt Ypsilanti. Sie sei maßlos enttäuscht. Dies sei eine Frage von "redlich und unredlich". Die Parteigenossen, die sie sich als Verstärkung zur Seite gestellt hat, werden deutlicher. Manfred Schaub, der nordhessische Bezirkschef sagt, er erwarte, dass Walter den stellvertretenden Parteivorsitz niederlege. Der südhessische SPD-Bezirksvorsitzende Gernot Krumbach nennt das Verhalten der vier Abweichler einen "Angriff auf die SPD". Das reicht, um klar zu machen, dass eine weitere Zusammenarbeit mit Walter, Everts, Tesch und Metzger nicht möglich ist. Parteiausschlussverfahren wären die logische Konsequenz.
Und wer will noch mit Ypsilanti zusammenarbeiten, jener Frau, die zwei Mal mit dem Kopf gegen dieselbe Wand gelaufen ist, wie es Ex-Parteichef Kurt Beck befürchtet hat? Wer soll die nun tief gespaltene und völlig verstrahlte hessische SPD wieder aufbauen? Wer kann Roland Koch bei Neuwahlen ernsthaft - und glaubwürdig - die Stirn bieten? Wer rettet die Genossen vor dem politischen Höllenfeuer?
Andrea Ypsilanti beantwortet keine Fragen. Sie verschwindet mit ihrem Tross nach zehn Minuten im Labyrinth des hessischen Landtags.