. .
Politik in Deutschland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
3. November 2008, 22:08 Uhr

Der GAU für Andrea Ypsilanti

Während Koch spricht, hat er den Blick nach Innen gerichtet, er wirkt konzentriert und ruhig. Erst beim Herausgehen bricht das unterdrückte Grinsen hervor. Koch weiß: Er hat es mal wieder geschafft. Entweder gelingt es ihm, eine Jamaika-Koalition mit den Grünen zu schmieden, das wäre ein Projekt von bundesweiter Strahlkraft. Oder es wird Neuwahlen geben, die er vermutlich haushoch gewinnen wird. Er hat zäh an seinem Stuhl festgehalten und alles getan, um Keile in die SPD zu treiben. Das ist gelungen. Auf die SPD war mal wieder Verlass: Sie zerlegt sich schon irgendwann selbst. Nun genießt er, der mit seiner Wahlkampagne bereits in der politischen Gosse gelandet war, sein Comeback. Still. Staatsmännisch. Demütig. Er erwähnt sogar das schlechte Ergebnis der CDU bei der Landtagswahl. Es dürfe ja nicht alles beim Alten bleiben, sagt Koch.

Al Wazir hätte es ahnen können

Tarek Al Wazir, Chef der hessischen Grünen, hält seine Ansprache direkt nach Koch, in einem der muffigen Presseräume des Landtags. Al Wazir, ein Schützling Joschka Fischers, ist von der SPD so angenervt, dass er Ypsilanti vermutlich am liebsten in den Ausschnitt kotzen würde. Er hat die acht Monate Linkskurs mit ihr durchgezogen, das ewige Hickhack um den Umgang der Linkspartei und die schwierigen Koalitions- und Personalentscheidungen hinter sich gebracht - und nun fliegt auch ihm alles um die Ohren. "Wir haben es mit einem Versagen der Führung der hessischen SPD zu tun, die offensichtlich nicht in der Lage war, die unterschiedlichen Flügel der SPD zusammenzuhalten und die einzelnen Abgeordneten mit ihren unterschiedlichen Vorstellungen hinreichend zu integrieren", sagt er. Ypsilanti, setzen, sechs minus, heißt das.

Vielleicht ist sein Zorn auch deshalb so groß, weil die Grünen den Ausgang dieses Dramas hätten vorhersehen können. Jürgen Walter, der wichtigste Protagonist des konservativen SPD-Flügels, wollte unbedingt das Wirtschaftsministerium übernehmen. Es war wohl Ypsilantis Kardinalfehler, ihm diesen Posten zu verweigern und stattdessen den linken "Solarpapst" Hermann Scheer zu nominieren. Scheer ist für Walter und Freunde indiskutabel. Also lehnte Walter trotzig auch alle anderen Kabinettsposten ab und verkroch sich in einen Schmollwinkel. Dort brütete er zunächst die Ablehnung des Koalitionsvertrages aus, die er völlig überraschend auf dem SPD-Sonderparteitag am Samstag kundtat. Und danach brütete er Ypsilantis Sturz aus. Hatte nicht auch Al Wazir lange mit Walter verhandelt? Hat er Ypsilanti rechtzeitig gewarnt? Vorbei. "Die Option Neuwahlen ist ein Stückchen näher gerückt", sagt Al Wazir. Mit Koch ins Bett zu hüpfen, das war seine Vorstellung nie.

Auftritt Ypsilanti

Um 18.35 Uhr, nach stundenlangem Warten, stellt sich endlich Ypsilanti der Presse. Im kleinen Saal im Altbau des Wiesbadener Landtags, der noch die Grandezza längst vergangener Tage spiegelt: Putten und Fresken an der Decke, Kronleuchter, Stuck und Gold. Ypsilanti muss einen langen Gang zu diesem Raum entlang, sie hat den Blick zu Boden gerichtet, sie wirkt um Jahre gealtert. Sie sagt, dass sie erst um kurz nach 10 Uhr am Vormittag von der Entscheidung der Vier erfahren habe. Carmen Everts habe sie telefonisch unterrichtet. Ihre Bitten nach Gesprächen mit den Abtrünnigen habe Everts abgelehnt. "Für mich war das sehr überraschend", sagt Ypsilanti. Sie sei maßlos enttäuscht. Dies sei eine Frage von "redlich und unredlich". Die Parteigenossen, die sie sich als Verstärkung zur Seite gestellt hat, werden deutlicher. Manfred Schaub, der nordhessische Bezirkschef sagt, er erwarte, dass Walter den stellvertretenden Parteivorsitz niederlege. Der südhessische SPD-Bezirksvorsitzende Gernot Krumbach nennt das Verhalten der vier Abweichler einen "Angriff auf die SPD". Das reicht, um klar zu machen, dass eine weitere Zusammenarbeit mit Walter, Everts, Tesch und Metzger nicht möglich ist. Parteiausschlussverfahren wären die logische Konsequenz.

Und wer will noch mit Ypsilanti zusammenarbeiten, jener Frau, die zwei Mal mit dem Kopf gegen dieselbe Wand gelaufen ist, wie es Ex-Parteichef Kurt Beck befürchtet hat? Wer soll die nun tief gespaltene und völlig verstrahlte hessische SPD wieder aufbauen? Wer kann Roland Koch bei Neuwahlen ernsthaft - und glaubwürdig - die Stirn bieten? Wer rettet die Genossen vor dem politischen Höllenfeuer?

Andrea Ypsilanti beantwortet keine Fragen. Sie verschwindet mit ihrem Tross nach zehn Minuten im Labyrinth des hessischen Landtags.

Von Lutz Kinkel
1 2
weiter  
 
 
KOMMENTARE (10 von 56)
 
utospatz (05.11.2008, 11:50 Uhr)
Rein alphabetisch gesehen
kommt das Y tatsächlich vor dem Z wie Zusammenbruch!
Westerle.Merkwelle (04.11.2008, 19:52 Uhr)
Hier ist der Beweis: Das geplante Komplott
Wie kann jemand am Sonntag ankündigen, was am Montag geschieht?
stern.de/politik/deutschland/:Hessen-SPD-Vize-Koalitionsvertrag/644176.html?id=644176&rendermode=comment
Heljag66 (04.11.2008, 16:57 Uhr)
Nichts hinzu gelernt
Was Kurt Beck nicht für möglich hielt: "Nicht ein zweites Mal mit dem gleichen Kopf gegen die Wand laufen" hat Frau Ypsilanti geschafft. Wenn man mit allen erdenklichen Mitteln an die Macht kommen will, verbaut dies den klaren Blick. Frau Ypsilanti, unbelehrbar und sämtliche warnenden Hinweise in den Wind schlagend, hätte jede erdenkliche Hürde genommen, um Ministerpräsidentin zu werden. Zum Glück ist dies in einer Demokratie halt doch nicht so einfach. Den sogenannten Abtrünnigen (Frau Metzger außen vor) ist zu Gute zu halten, dass sie sich nicht gescheut haben, ihre Abneigung gegen die Ypsilanti-Idee öffentlich zu bekunden. Sie hätten es sich einfacher machen können, in dem sie in geheimer Wahl einfach mit Nein gestimmt hätten. Diese Offenheit ist jedenfalls hoch zu bewerten und spricht für mehr Charakterstärke als es den "empörten SPD-Genossen" zuzusprechen ist. Im Grunde sind doch die Herren Müntefering und Steinmeier froh, dass dieser Hessen-
Spuk vorbei ist. So haben sie es bei der anstehenden Bundestagswahl einfacher mit ihrer Behauptung: "Im Bund auf keinen Fall mit den Linken".
Lassen wir uns überraschen.
DerJojo (04.11.2008, 15:56 Uhr)
Warum bezahlen wir...
jeden einzelnen Abgeordneten, wenn Sie immer geschlossen mit Ihrer Partei abstimmen müssen?
Kann mir jemand vielleicht erklären warum die ganze Zeit von einem plötzlich aufgetauchten Gewissen die Rede ist? Hat Frau Metzger nicht schon vor vielen Monaten Ihre Unterstützung versagt? Sie sollte daraufhin in den Bundestag befördert, von der Partei ausgeschlossen und noch vieles mehr werden.
Die Gründe der Ablehng finde ich durchaus nachvollziehbar. Auch für mich wäre bis vor dieser Landtagswahl die SPD eine "wählbare" Partei gewesen, was der gezeigte Vertrauensbruch nun geändert hat.
logisch_konsequent (04.11.2008, 11:42 Uhr)
"Aus der Linkskurve geflogen"
.
Kurvenfahren erfordert Grundkompetenzen, die inzwischen bei beiden Geschlechtern immer mehr gegeben sind.
.
Das Problem bei Frau Ypsilanti lag jedoch schon beim geradeaus fahren (trotz mehrheit kaum die studiengebühren abzuschafft)
.
Ihr zugetane Menschen werden die Fahruntüchtigkeit mit Betäubungsmitteln (Macht) und schlechten Fahrlehrern (Simonis) erklären.
.
Der neutrale Beobachter wird jedoch die grundsätzliche Fahruntüchtigkeit nicht ablehnen können.
.
(Überschrift ist Spiegel entlehnt)
horst.pachulke (04.11.2008, 11:19 Uhr)
Ich möchte immer noch auf die Koalition in Berlin verweisen.
Zwei Parteien haben vor der Wahl hoch und heilig versprochen, dass es unter keinen Umständen zu einer großen Koalition käme. Hier beschwert sich niemand wegen einer "Lüge".
Die Kanzlerin Merkel ist demnach eine Halluzination.
Oder die Regierung ist wegen Lüge ungültig.
muemmelfrau (04.11.2008, 11:02 Uhr)
gelächter
ypsilanti hat den wähler verarschen und für dumm verkaufen wollen.
jetzt hat sie das am eigenen leib zu spüren bekommen.
meinen dank an die vier.
ganz großes kino...
BBoldiesBB (04.11.2008, 10:20 Uhr)
Amerika wählt links
@ganzbaf
Abwarten. Auch dort gibt es "Gewissenentscheidungen in letzter Sekunde: Lieber die andere Partei wählen, als einen "Schwarzen"!!
ganzbaf (04.11.2008, 10:05 Uhr)
Amerika wählt links...

und Hessen fällt ins dunkle reaktionäre Mittelater mit Leibeigenschaft und Geldadelsprivilegien zurück )-:
T-Black (04.11.2008, 09:52 Uhr)
Kotzen!
Guten Morgen, soweit man dies nach den hier überwiegend aufgeführten Kommentaren, deren Lesen ich mich aller bemlüht habe, noch sagen kann. Eher könnte ich mich aufgrund der Qualiltät auf meine Tastatur übergeben. Ein paar nievauvolle Beiträge möchte ich ausnehmen (z. B. gokahe, zuribueb, Sublumcem oder knilch_59). Am meisten stört mich diese Scheinheiligkeit der Schreiber mit dem ständigen Vorwurf der Lügerei. Meine Vorurteile bezüglich der Anhänger des rechten Parteienflügels bestätigt sich leider immer wieder: Entweder egoistische Kapitalisten oder Menschen, deren Intellekt sich durch das Studium der täglichen BILD überraschenderweise noch nicht weiterentwickelt hat.
Mein Fazit zum Thema:
Gewinner:
Deutschlands immer mehr nach Rechts
trifftende Medien, die hessische CDU mit "Saubermann" Koch, der weiterregieren darf, obwohl vor der Wahl so unbeliebt wie kein anderer regierender Ministerpräsident, die Wirtschaft (nicht zu verwechseln mit der Gesellschft) welche die ihr zuträglichen Mandatsträger wieder durchgesetzt hat, Clement (Wirtschaftslobbyist mit Deckmantel SPD-Mitgliedschaft), die Linken und Grünen, weil die Menschen mit linker Heimat in der SPD diese nicht mehr sicher vorfinden.
Verlierer:
Frau Ypsilanti, weil sie aufgrund ihrer politischen Unerfahrenheit Fehler gemacht hat, die vier "Helden", weil sie Verräter sind und nur der Verrat geliebt wird, der Verräter entledigt man sich. Die Demokratie, weil man gegen Medien-Propaganda politische Mehrheiten nicht durchsetzen kann und zum Schluss unsere Gesellschaft, da Politiker ohne Wirtschafts-Lobby im Hintergrund gnadenlos durchfallen und nur intriganten Seilschaften in der Politik eine Chance haben.
Zum Schluss noch einen kurzen Spruch, den jeder versteht kann:
"Alle dummen Kälber, wählen ihren Metzger selber" - na dann liebe Hessen - wählt mal schön den Koch beim nächsten mal. Aber bitte schön ruhig bleiben bei der nächsten Finanzkrise, Senkung der Sozialleistungen, Abschaffung einer "Reichensteuer" usw.
Schönen Tag noch!
MEHR ZUM ARTIKEL
Interview mit Linkspartei-Politiker "Ein schlimmer Tag für Hessen"

Die Linkspartei hat der Bundes-SPD vorgeworfen, die vier Abweichler in Hessen in ihrem Verhalten ermutigt zu haben. Mit mehr Unterstützung aus Berlin für Andrea Ypsilanti hätten sich die "Walterlinge" nicht getraut, sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der Linken, Ulrich Maurer, im stern.de-Interview. mehr...

SPD-Debakel in Hessen Abweichlern droht Parteiausschluss

Betroffenheit, Zorn, Empörung: Diese höchst emotionale Mischung hat das hessische SPD-Debakel bei der Bundespartei ausgelöst. Parteichef Franz Müntefering kritisierte die vier Abweichler scharf, die die Wahl von Andrea Ypsilanti in letzter Minute verhindert haben und schloss drastische Konsequenzen nicht aus. mehr...

Nach dem SPD-Debakel Wie es in Hessen weitergeht

Andrea Ypsilanti ist mit ihrer Koalition an vier Abweichlern aus der eigenen Partei gescheitert - Hessen hat noch immer keine neue Regierung. Wie geht es weiter? Fest steht: Neuwahlen gibt es nicht automatisch. stern.de beantwortet die wichtigsten Fragen zur politischen Situation in Hessen. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe