. .
Politik in Deutschland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
21. Juni 2008, 13:11 Uhr

Das letzte Gefecht

Ein sozial hysterisiertes Volk sieht die SPD als Serie von Fehlschlägen© Martin Oeser/ddp

Das hat gewaltige Gegenkräfte geweckt, die Linke zur drittstärksten Partei gemacht und eine derart dramatische Verschiebung der Koordinaten ausgelöst, dass selbst Horst Köhler und Helmut Schmidt wie Linke erscheinen. Schmidt prägte den Begriff vom "Raubtier-Kapitalismus", Köhler mahnte dieser Tage "Wahrhaftigkeit, Mäßigung und Mut" bei den Wirtschaftsführern an, nannte "soziales Kapital wichtig für eine stabile Demokratie" und attackierte die "Rundumsorglos-Pakete" für Vorstände. Die aber halten wie Pech und Schwefel zusammen - öffentliche Kritik untereinander ist verpönt - und bringen sich damit als Kaste, wie das Wirtschaftssystem als solches, in Verruf.

Nicht Lafontaine hat die Linke gemästet

Gelernt zu haben scheint einstweilen niemand: Gerade wurden dem 47-jährigen Vorstandschef von Infineon 560.000 Euro Ruhegeld pro Jahr zugesichert - unabhängig davon, wann er ausscheidet. Kritik wird routiniert abgebügelt: als Ausdruck einer begriffsstutzigen "Neidgesellschaft". Nicht Oskar Lafontaine hat die Linke zu dem gemacht, was sie ist - gemästet wurde und wird sie von der Wirtschaft. Das sind die beiden Mühlsteine, zwischen denen die SPD zermahlen wird.

Denn Gerhard Schröders Agenda-Kurs ist rückblickend diskreditiert, wie Reformpolitik überhaupt, Hartz IV erscheint als Sozialraub bei Millionen zugunsten von Millionären. Dass sich Schröder nach der Kanzlerschaft bei Gasprom verdingte, macht die Sache noch schlimmer. Die Themen der Fernseh-Talkshows markieren den ausgreifenden Linksruck der Gesellschaft. "Die da oben: Wenn Reiche zu gierig werden", "Zu wenig Geld fürs Volk: die Gerechtigkeitslücke", "Willkommen im Zwei-Kassen-Land: Bleiben Alte, Arme und Kranke auf der Strecke?", "Kapital brutal, Jobs egal - zählt nur noch die Rendite?" heißt es bei Will & Co.

Erfolge werden nicht gesehen

Ein sozial hysterisiertes Volk sieht die Gläser nur noch halb leer statt halb voll, die Erfolge sozialdemokratischer Reformpolitik als Fehlschläge in Serie. Nur 2,3 Prozent der Rentner sind auf staatliche Grundsicherung angewiesen - dennoch wuchert die Debatte über Altersarmut. Die Zahl der Arbeitnehmer, die trotz Vollzeitarbeit Hartz-IV-Aufstockung zum Leben brauchen, ist seit Oktober 2007 rückläufig - und doch wird über einen gesetzlichen Mindestlohn gestritten. Der Anteil der Niedriglöhner ist 2006 zwar von 18 auf 20 Prozent gestiegen - doch die Arbeitslosenzahl seit 2005 um bald zwei Millionen gesunken, und vordem herrschte Konsens, dass niedrig bezahlte Arbeit, bei Bedarf vom Staat aufzustocken, besser ist als keine. Kombilohn nannte man das als Modell. Der Armutsbericht wurde flugs als Beweis für fortschreitende Verelendung interpretiert - obwohl die Daten drei Jahre alt sind und das funktionierende Sozialsystem das Armutsrisiko um die Hälfte reduziert.

Nach Jahren des Barmens um den angeblich unaufhaltsamen Abstieg Deutschlands hat das Land den Turnaround geschafft, ist Exportweltmeister mit kräftig wachsenden Löhnen, Steuereinnahmen und Sozialbeiträgen - doch schon wird wieder gebarmt, bloß anders.

An diesem psychologisch entscheidenden Punkt schlägt die innere Schwäche der SPD durch. Ihre Führung zeigt sich außerstande, dem Verelendungsgerede zu widerstehen, lässt sich hetzen von Lafontaine, wird zum Hasen im Spiel des linken Igels. Es ist ja nicht so, dass sie kein Programm hätte - die Forderung nach einem gesetzlichen Mindestlohn etwa -, aber das schmeckt wie der zweite Aufguss Lafontainscher Thesen. Die Linke gilt im linken Wettbewerb als Original, die SPD als Fälschung, denn noch unter Schröder hat sie ganz anders geredet - und gehandelt. Die Managerkaste hat das Reformklima zerstört, die SPD so gesehen für Schröders Mut bestraft und ein Verteilungsklima provoziert, das die Union nun auch noch großzügiger bedient als die SPD: Betreuungsgeld, Kindergeld, Kinderzuschlag, Wohngeld, Kilometerpauschale, Steuersenkungen… Fast sektiererisch, aus Scham über die eigene Reformvergangenheit stürzt sich die SPD dagegen auf die deutschen Elendsthemen - ein hoffnungsloser Wettlauf mit der Linken. Aus solcher Sicht sind gut verdienende Facharbeiter bei Daimler oder Porsche plötzlich "reich".

Kurzfristig scheint keine Lösung in Sicht

Auch die vermeintlich starken Männer der Mitte in der SPD-Führung, Becks Stellvertreter Peer Steinbrück und Frank-Walter Steinmeier, halten den Run nach links nicht auf, sie rennen opportunistisch mit. "Stones" nannte man sie in der Partei, als dort noch Liebe war für Kosenamen - "Stones", das klingt nach starkem Auftritt. Aber einen starken Auftritt hat man von beiden noch nicht erlebt, nicht einen einzigen. Kein Stein rollte Gesine Schwan in den Weg, als sie ihre Kandidatur fürs höchste Staatsamt erzwang - und als erklärte rot-rot-grüne Kandidatin mit ihrem "Sympathy for the devil", die Linke, alle Lockgesänge in Richtung FDP übertönte. Die "Stones" ließen sich zur Seite kicken, als wären sie Kiesel. Nur eine komplett verwirrte, haltlose, verzweifelte Parteiführung tut sich selbst so etwas an: eine Kandidatin zu nominieren, mit der sie Wähler vergrätzt, weil die nicht verstehen, weshalb sie eine Seelenklempnerin für die SPD einem populären Präsidenten vorziehen sollen.

Frank Walter Steinmeier und Peer Steinbrück, hier mit Beck beim Zukunftskonvent in Nürnberg© Michael Trippel

"Yes, we can!", versuchte Hubertus Heil, der Generalsekretär, die deprimierten Genossen jüngst auf der Nürnberger Funktionärskonferenz in Wallung zu bringen - Mantra der durchschlagenden Kampagne Barack Obamas. "No, we can't", war für jedermann aus dem erstickten Echo zu hören. Kurzfristig gibt es keine Erlösung für die SPD. Ein Rückzieher Schwans, ein Rücktritt Becks würde alles noch viel schlimmer machen. Niemand wüsste, wer den Vorsitzenden ad hoc - und erfolgversprechend - ersetzen könnte. Die "Stones" sind in der Partei nicht verwurzelt, Sigmar Gabriel gilt als talentierter Filou, Andrea Nahles ist zu jung und zu links und gelegentlich zu putschistisch. Franz Münteferings Reaktivierung wäre wie die Berufung eines Konkursverwalters.

Beck wird ausharren an der Parteispitze, denn Kapitulation widerspräche seinem Naturell. Aber als Kanzler würde ihn erklärtermaßen nur jeder zehnte Deutsche ertragen. Also muss Steinmeier Kandidat werden, und man ahnt, wie er eiern wird in der eiernden Partei. Immerhin verspricht die Zuspitzung des Wahlkampfs ein wenig Trost - es wird kaum bei 20 Prozent bleiben. Denn die enttäuschten Anhänger haben sich zwar abgewandt, sind aber nicht übergelaufen. Die Union hat nichts gewonnen durch die Krise der SPD, die Linke nicht viel. Steinmeier kann Enttäuschte also zurückholen. Aber dass die SPD die Wahl gewinnen könnte, glaubt heute niemand. Denn sie könnte ein weiteres Mal zwischen zwei Mühlsteine geraten: populäre Steuergeschenke der Union und populistische Sozialprogramme der Linken.

Mut zum Muss

Um wieder siegen zu können, braucht die SPD Einsicht in das strategisch Notwendige, Mut zum Muss. Wie sich die Union die schwarz-grüne Option geöffnet hat, muss sie ein Bündnis mit der Linken als legitime Machtoption annehmen - nur so kann sie von der Getriebenen zur Treibenden werden. Statt in den eigenen Reihen über eine Koalition mit der Linken zu streiten, muss sie diesen Streit in die Linke tragen und deren innere Spannungen freilegen - die Mehrheit der Pragmatiker von der Minderheit der Fundamentalisten trennen. Statt sich Bedingungen von der Linken diktieren zu lassen, muss sie ihrerseits der Linken Konditionen setzen. Statt vor Wahlen angeblich unüberbrückbare Gegensätze zu beschreiben, muss sie nach der Wahl sondieren, ob Unüberbrückbares bleibt. Schon die Aussicht auf eine handlungsfähige linke Mehrheit kann gewaltige Energien wecken. Aber das erfordert Mut und mitreißende Führung.

Und das hat einen Preis. Turbulenzen, Zerreißproben, wegrollende Steine womöglich. Ein Sauhaufen wird die SPD also bleiben. Aber sie kann wieder ein großer werden - wie unter Helmut Schmidt -, wenn sie am Ende, sagen wir: in 10 bis 20 Jahren, sogar mit der durchs Regieren verwandelten Linken fusioniert und diese geeinte SPD wieder selbstbewusste Volkspartei ist. Die Weitsichtigen in beiden Parteien erkennen das schon heute. Die Klugen in der Union wüssten es zu schätzen - denn ein starker Gegner macht selbst stark. Nur die Unbelehrbaren in der Wirtschaft hätten es zu fürchten.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 25/2008

Von Hans-Ulrich Jörges
1 2
weiter  
 
 
KOMMENTARE (10 von 44)
 
auwei (23.06.2008, 10:38 Uhr)
Das erste Mal...
...stimme ich mit Herrn Joerges (den ich immer für einen altklugen Schwätzer gehalten habe) überein. Guter Artikel - und von den meisten der hier Kommentierenden wohl nicht verstanden.
Dewerth (23.06.2008, 01:37 Uhr)
Ich finde den Artikel ...
... von Jörges richtig gut. – Noch besser ist allerdings, dass ein gewisser vegefranz unermüdlich im Hamsterrad seiner Vorurteile weiterstrampelt.
GrundlRoland (22.06.2008, 18:33 Uhr)
SPD
Zum Untergang tragen nicht nur die Wirtschaft bei - ist ja in ihrem Interesse - sondern der überwiegende Anteil der Medien,auch der Stern denn man liest ja kaum was anderes als negatives über die SPD. Die Union bleibt außen vor und die Kanzlerin wird hochgelobt, man fragt sich wenn man da hinterfragt für was. Aber für die Wirtschaft und das Kapital ist es am besten man hält die SPD klein grenzt die Linken aus. Und wie gesagt der Stern ist da dicke dabei.
ganzbaf (22.06.2008, 17:53 Uhr)
"Hier erfahren Sie ...
mehr über diese außergewöhnliche und interessante Persönlichkeit."
...
Auch Bottroper Eigenlob müffelt ... ;-D
heiner5362 (22.06.2008, 17:32 Uhr)
was soll denn der artikel noch
die spd retten ? haha.
besser wäre ein aufruf zur grunderneuerung der partei gewesen !!!
aber solange die den spätschaden verursacht durch schröder nicht bewältigt, ist alles verloren.
ausserdem bedenke man, dass charismatische vordenker mit signalwirkung in diesem verein rausgemobbt oder weggelobt wurden.
das ist wie beim passieren einer sauce :
der bodensatz wird entfernt und der wässrige anteil bleibt auf dem tapet.
und dieser null-kompetenz-extrakt soll ein land regieren, na bitte schön !!!
wenn die ihre lobby-flüsterer nicht hätten, beraterfirmen und und und wären die schon längst an die wand gefahren.
wie war das noch ? "leistung soll sich wieder lohnen !"
na dann mal los, ihr sozio-demokraten !
denen gehört komplett das mandat entzogen und persönliche haftung auferlegt.
stesocom (22.06.2008, 16:41 Uhr)
Herr Beck retten Sie Ihre Partei und treten sie unverzüglich zurück !
Sehr geehrter Herr Beck !
Sie werfen Ihren Kritikern Anonymität vor. Ich war ein Anhänger der SPD ! Nun aber bin ich mehr als enttäuscht; insbesondere von Ihnen. Mit Ihrer absolut arroganten Art und Weise gehen sie jetzt gegen Ihre "anonymen" Gegner vor ! Ich für meine Person kritisiere Sie mittlerweile seid Monaten öffentlich. Sie haben die SPD zu einer unwählbaren Partei gemacht. Sie haben in ihrer Funktion als Parteivorsitzender total versagt. Sie haben die Basis wegbrechen lassen. Das nenne ich Unfähigkeit und Provilneurose, die in einer sog. "Provilierungssucht" endet. Das soll es aber auch gewesen sein. Jetzt legen Sie bitte im Sinne der SPD, im Sinne Ihrer Vorgänger und im Sinner der Bürger(innnen) der Bundesrepublik Deutschland ihr Amt noch vor der Sommerpause nieder!
Das muss einfach sein, um die SPD überhaupt noch zu retten. Der Schaden selber wird Jahre lang Ihnen nachhängen. Zeigen sie Charakter !!!
Ihr
Stefan Soppe (Name öffentlich)
www.soppe-stefan.de
- ausnahmsweise für Rückrufe Öffentlich !!! -
Bitte daher um größt mögliches Verständnis !!
ganzbaf (22.06.2008, 15:21 Uhr)
Nur kein Frust...

Wir können Rechts mit Links verhindern!... ;-Pp
.
Die drei "Linksparteien" SPD/Grüne und Linke müssen nur endlich geschlossen gegen die rechten Seeheimer, die CDU und NPD zusammen arbeiten!... ;-D
vegefranz (22.06.2008, 12:13 Uhr)
trotz Frust: NPD und Linke verhindern
viele Leute sind - das kommt hier gut zum Ausdruck - frustriert. Es besteht die Gefahr, daß diese Leute den Rattenfängern hinterherlaufen und aus Protest NPD oder Linke/Ex SED wählen.
gmathol (22.06.2008, 07:01 Uhr)
@Marsmann
Unter Schroeder wurden deutsche Marine Einheiten zur Hilfe fuer den US Angriff beordert.
Dieser Kerl war und bleibt ein entsetzlicher Luegner. Eigentlich wuerde man annehmen das jemand wie Schroeder der aus einer ueblen sozialen Ecke kam die Armut bekaempfen wuerde, aber dieser Kerl fand es "geil" in einem Audi A8 eine aeltere Dame bei Gottschalk's "Wetten das" nach Hause zu fahren.
Schroeder ist ein dummer Curry-Wurst Prolet der leider nun auch wie sein abstossendes Gegenstueck Fischer reich wird.
gmathol (22.06.2008, 06:54 Uhr)
Blair Freund Schroeder...
...brachte Militaereinsaetze und soziale Verarmung. Schon komisch das Typen wie Fischer, Schroeder oder Struck herumrennen und dumme Reden halten.
MEHR ZUM ARTIKEL
SPD-Chef Beck wehrt sich

Ist Kurt Beck noch zu retten? Angeblich plant die SPD-Rechte einen Putsch gegen ihren Parteichef. Davon unbeeindruckt setzt der sich nun zur Wehr: Er werde sich nicht verstecken sondern kämpfen, sagte Beck jetzt. Und überhaupt: Anonyme Kritik an ihm sei feige. mehr...

Nahles zu SPD-Krise "Versetzung gefährdet"

In der SPD gärt der Richtungsstreit. Parteivize Andrea Nahles hat sich in einem Interview zwar hinter Parteichef Kurt Beck als Kanzlerkandidat gestellt, rügte aber den Auftritt der Partei bis in die Spitze hinein. Vertraute von Außenminister Steinmeier sollen bereits an einem Programm für dessen Kandidatur arbeiten. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe